Romain Veillon fotografiert den Zerfall - «Meine Bilder sind wie ein verbotenes Museum»
Romain Veillon liebt Verfall: Der 37-jährige Fotograf aus Paris lässt auch die heruntergekommensten Orte aussehen wie ein Kunstwerk.

Romain Veillon liebt Verfall: Der 37-jährige Fotograf aus Paris lässt auch die heruntergekommensten Orte aussehen wie ein Kunstwerk.

Romain Veillon
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Ruinen-Fotograf Romain Veillon«Meine Bilder sind wie ein verbotenes Museum»

Der französische Fotograf Romain Veillon (37) fotografiert heruntergekommene Häuser. Im Interview spricht er über die Faszination, die der Verfall auf ihn hat.

von
Meret Steiger

Verfallene Häuser, heruntergekommene Fabriken, Schlösser in desolatem Zustand: Das sind die Lieblingsmotive des französischen Fotografen Romain Veillon, der in Paris lebt und arbeitet und auf Instagram über 35’000 Follower und Followerinnen begeistert. Im Interview erzählt er, woher seine Leidenschaft für heruntergekommene Dinge kommt – und was er unbedingt mal noch fotografieren will.

Romain, wie bist du dazu gekommen, heruntergekommene Häuser zu fotografieren?
Der Verfall und die Dinge, die der Mensch zurücklässt, begeistern mich. Schlösser, Häuser, Kirchen, Fabriken, Kinos oder Spitäler: All die Gebäude, die einst bevölkert waren und jetzt zerfallen. Damit angefangen habe ich durch Zufall. Ich lebe in Paris und hatte das Bedürfnis, wieder mal aus der Stadt herauszukommen. Da bin ich mit einem Freund aufs Land und habe dort verlassene Häuser erkundet – und sofort gemerkt, dass das genau mein Ding ist. Anfangs habe ich die Fotos nur für mich gemacht, als Erinnerung. Nach und nach hatte ich einen grösseren Anspruch an Ästhetik und Bildkomposition und habe auch eine Community gefunden, von der ich viel gelernt habe.

Was fasziniert dich am Verfall so sehr?Ich fand verlassene Häuser schon als Kind spannend. Die meisten Menschen haben eine Erinnerung an ein verfallenes Haus am Ende der Strasse, das auf sie eine ganz besondere Faszination ausgeübt hat. Für mich war es eine LKW-Fabrik in der Nähe des Hauses meiner Grossmutter. Ich habe jeden Sommer dort verbracht und mir Geschichten ausgedacht, was in diesen Räumen alles passiert sein könnte. Für mich sind meine Bilder eine Art Memento Mori, eine Erinnerung an die Vergänglichkeit und die Tatsache, dass alles ein Ende hat – und wir die Gegenwart geniessen sollten.

Kolmannskuppe ist eine typische Minenstadt, die verlassen wurde, als das Diamantenvorkommen erschöpft war.

Kolmannskuppe ist eine typische Minenstadt, die verlassen wurde, als das Diamantenvorkommen erschöpft war.

Romain Veillon
Die Ruinen der Häuser stehen immer noch mitten in der Wüste von Namibia. 

Die Ruinen der Häuser stehen immer noch mitten in der Wüste von Namibia.

Romain Veillon

Deine absolute Lieblings-Location bis jetzt?Kolmannskuppe! Das ist eine Minenstadt in der Wüste von Namibia. Aufgrund der vielen Diamanten in der Gegend wurde die Stadt innert kürzester Zeit aus dem Nichts gebaut. 1954 ging das Diamantenvorkommen zurück und die Mineure zogen nach Süden, zur nächsten Mine. Der Ort wurde zu einer Geisterstadt und der Sand hat sich überall ausgebreitet. Ich habe dort eine Woche verbracht und es hat sich surreal angefühlt – als würde hier die Zeit stillstehen. Oder als wäre man auf einem anderen Planeten.

Ein Foto aus einem Haus in Kolmannskuppe (auf Afrikaans Kolmanskop), das von der Wüste zurückerobert wurde.

Ein Foto aus einem Haus in Kolmannskuppe (auf Afrikaans Kolmanskop), das von der Wüste zurückerobert wurde.

Romain Veillon

Gibts eine Location, mit der du Mühe hattest?Es gibt keinen Ort, den ich wirklich schlimm fand. Grundsätzlich fühle ich mich in den Gefängnissen jeweils nicht besonders wohl, was aber eher an der Gesamtstimmung liegt. Auch wenn es sehr dunkel ist, ist es oft schwer, gute Fotos zu machen – dafür sind die Ergebnisse da manchmal auch besonders schön.

Wie sorgst du für deine eigene Sicherheit?Ich gehe nie alleine, das kann sonst echt gefährlich werden. Die Häuser sind oft baufällig und wenn irgendwo der Boden durchbricht, dann möchtest du jemanden dabei haben, der Hilfe holen kann. Ausserdem macht es mehr Spass, diese Abenteuer mit Freunden und Freundinnen zu teilen. Ich bin aber auch grundsätzlich sehr vorsichtig und schaue zum Beispiel im Erdgeschoss die Decken an, bevor ich den oberen Stock betrete. Dächer vermeide ich. Für ein gutes Foto gehe ich kein unnötiges Risiko ein.

Zu den Lieblingsmotiven des 37-jährigen Franzosen gehören Schlossruinen, …

Zu den Lieblingsmotiven des 37-jährigen Franzosen gehören Schlossruinen, …

Romain Veillon
… verfallene Gewächshäuser, die von der Natur zurückerobert wurden, …

… verfallene Gewächshäuser, die von der Natur zurückerobert wurden, …

Romain Veillon
… und heruntergekommene Bauten, die von den Menschen verlassen wurden.

… und heruntergekommene Bauten, die von den Menschen verlassen wurden.

Romain Veillon

Gibt es einen Ort, den du bisher nicht fotografieren konntest, es aber unbedingt möchtest?
Es gibt diverse Orte, an denen ich gerne Fotos machen würde. Entweder sind sie nicht zugänglich oder ich habe die nötige Bewilligung nicht bekommen. Ein Beispiel ist Hashima, auch Gunkanjima oder Kriegsschiff-Insel genannt, eine Insel in Japan. Sie hat eine unglaubliche Geschichte und ich hoffe, sie in den nächsten Jahren besuchen zu können.

Dein Social-Media-Auftritt ist sehr erfolgreich. Was denkst du, warum dem so ist?
Meine Followerzahlen sind mit dem Aufstieg von Instagram deutlich angestiegen, vorher ist mir nur eine kleine Gruppe von Fotografen und Fotografinnen gefolgt. Die Menschen haben bei meinen Bildern das Gefühl, dass sie eine Art verbotenes Museum betreten. Einen Ort, den sie selber nicht besuchen können. Ausserdem macht es einfach Spass, sich vorzustellen, was alles in diesen Räumen passiert sein könnte.

Hast du Tipps für Newbies, die gerne verlassene Orte fotografieren wollen?
Mein wichtigster Tipp: Hab Spass. Nimm dir auch Zeit, neue Orte zu entdecken, und probiere verschiedene Arten aus, sie zu fotografieren. Du hast genug Zeit, deinen eigenen Stil zu entwickeln, probiere anfangs einfach mal aus. Lass dich von anderen Fotografen und Fotografinnen inspirieren. Gehe nie alleine und sei vorsichtig, wenn du durch alte Gebäude gehst. Ausserdem gilt das Motto der urbanen Entdeckerinnen und Entdecker: «Take only photographs, leave only footprints» (Nimm nur Fotos mit, hinterlasse nur Fussabdrücke).

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