25.08.2020 10:30

Horror in der Lehre«Meine Chefin riss mich an den Haaren, dass es blutete»

Körperverletzung, Mobbing, sexuelle Belästigung: Viele Leserinnen und Leser wurden während ihrer Lehre richtig mies behandelt. Eine Expertin gibt Rat.

von
Zora Schaad
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Ein Arbeitgeber, der Mobbing nicht verhindert, verletzt seine Fürsorgepflicht. (Symbolbild)

Ein Arbeitgeber, der Mobbing nicht verhindert, verletzt seine Fürsorgepflicht. (Symbolbild)

Symbolbild)(KEYSTONE/Gaetan Bally)
Herabsetzende Bemerkungen, Ungleichbehandlung: Mobbing hat viele Gesichter. Ein Leser berichtet, dass ihm immer wieder Werkzeug geklaut worden sei. (Symbolbild)

Herabsetzende Bemerkungen, Ungleichbehandlung: Mobbing hat viele Gesichter. Ein Leser berichtet, dass ihm immer wieder Werkzeug geklaut worden sei. (Symbolbild)

KEYSTONE/Martin Ruetschi
Wenn Geld verschwindet, ist es diskriminierend, wenn nur ein Mitarbeiter die Tasche leeren muss. (Symbolbild)

Wenn Geld verschwindet, ist es diskriminierend, wenn nur ein Mitarbeiter die Tasche leeren muss. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Die ehemalige Detailhandelslernende J.I.* soll als 16-Jährige vom stellvertretenden Filialleiter für zwei Stunden im Tiefkühler eingesperrt worden sein. 20 Minuten berichtete.
  • J.I. ist nicht die Einzige, die in der Lehre von ihren Vorgesetzten mies behandelt worden ist. Etliche 20-Minuten-Leserinnen und -Leser berichten von ähnlichen Erfahrungen.
  • Susanna Oppliger, Juristin im kantonalbernischen Berufsbildungsamt, erklärt, wie sich Betroffene wehren können.

«Ich habe gegen die Tür gehämmert und geschrien. Aber niemand ist gekommen. Mein einziger Gedanke war: Ich will nicht sterben!» Die Geschichte von J.I., die in der Lehre von ihrem Vorgesetzten zwei Stunden lang in einem Tiefkühlraum eingeschlossen wurde, hat die Leserinnen und Leser von 20 Minuten bewegt. Viele haben uns eigene Erlebnisse aus der Lehrzeit erzählt. Sie berichten von Schikane und Diskriminierung, Körperverletzung und sexueller Belästigung durch Vorgesetzte. Wir haben mit Susanna Oppliger, Juristin in der Abteilung betriebliche Bildung des kantonalbernischen Berufsbildungsamts, darüber gesprochen, was Lernende tun können, wenn ihnen ihre Chefs das Leben zur Hölle machen.

«Er gab mir einen Klaps auf den Po und zeigte mir Nacktfotos seiner Frau»

F.B.*

Ich hatte ein Chef-Ehepaar. Er gab mir oft einen Klaps auf den Po und zeigte mir Nacktfotos seiner Frau. Er war Choleriker. Sie hatte immer Ausraster wegen Nichtigkeiten, behandelte mich respektlos und mobbte mich. Man kann die Zeit dort nicht in Worte fassen.

Susanna Oppliger: «Was F.B. erleben musste, ist sexuelle Belästigung durch ihren Chef und durch die Chefin eine sogenannte Verletzung der persönlichen Integrität: Dazu gehören Beschimpfungen, Herabsetzung oder Körperverletzung. Wir raten Lernenden immer, solche Situationen anzusprechen, deutlich zu machen, dass einem das missfällt. Zu berücksichtigen gilt, dass in der Lehre die Abhängigkeit vom Arbeitgeber respektive vom Vorgesetzten besonders gross ist und es in Kleinstbetrieben manchmal ausser den Eigentümern keine Ansprechpersonen gibt. Wenn F.B. bei uns Rat einholen würde, würden wir das Gespräch mit dem Ehepaar suchen und es auffordern, auf eine Bildungsbewilligung zu verzichten. F.B. würden wir bei der Suche nach einer neuen Lehrstelle unterstützen.»

«Mir lief etwas Warmes den Nacken runter – es war Blut»

K.B.*

Meine dreijährige Ausbildung zur Kauffrau absolvierte ich in einem Architekturbüro. Diese Zeit war die schlimmste in meinem ganzen Leben. Vom ersten Tag an wurde mir von meiner damaligen Lehrmeisterin klargemacht, dass ich ein Nichts und ein Niemand sei und es immer sein würde. Alle anderen Lernenden wurden bevorzugt. Nach drei Wochen in der Lehre dann der schlimmste Vorfall: Ich durfte unter Aufsicht meiner Lehrmeisterin E-Rechnungen im Online-Banking-Tool eingeben. Als ich auf der Apple-Tastatur das @-Zeichen nicht sofort fand – ich war an Microsoft gewöhnt – riss sie mich an den Haaren. Ich erschrak so sehr, dass ich wie gelähmt auf dem Stuhl sass. Da merkte ich, dass mir etwas Warmes den Nacken runterlief. Es war Blut. Da erschrak auch die Lehrmeisterin. Sofort liess sie die Rollläden runter. Dann drohte sie, dass sie mir und meiner Familie etwas antun würde, sollte ich irgendjemandem davon erzählen. Sie würde mir das Leben noch mehr zur Hölle machen.

Susanna Oppliger: «Die Beschimpfungen und die Ungleichbehandlung über eine längere Zeit durch die Vorgesetzte, die K.B. schildert, laufen unter Mobbing. Dass ihre Chefin sie an den Haaren reisst, erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung, dazu kommt noch eine Drohung nach Strafgesetzbuch. Das gesamte Verhalten ist für eine Berufsbildnerin inakzeptabel. Wir würden einer Lernenden in dieser Situation raten, die Vorfälle zu protokollieren, sich Notizen zu machen, Beweise zu sammeln und vielleicht Fotos zu machen. Ausserdem soll sie so rasch wie möglich mit dem Berufsbildungsamt oder mit der Beratungsstelle ihrer Berufsfachschule Kontakt aufnehmen. Wenn wir von einem solchen Fall Kenntnis haben, handeln wir so rasch wie möglich. Dass eine Lernende drei Jahre in einer derart belastenden Situation ausharrt, ist nicht zumutbar. Von den Betrieben ist zu erwarten, dass ein solches Verhalten einer Vorgesetzten Konsequenzen hat und eine Kündigung oder mindestens eine Verwarnung nach sich zieht.»

«Ich wurde von einem Kunden fast vergewaltigt. Mein Chef lachte bloss.»

S.S.*

Ich war 16 Jahre alt und in der Lehre als Kaminfegerin. Ich hatte eine sehr schlimme Lehrzeit. Mein Chef mobbte mich richtig. Eines Tages wurde ich von einem Kunden beinahe vergewaltigt. Als ich meinem Chef davon erzählte, lachte er bloss. Am nächsten Tag musste ich wieder allein zu diesem Kunden.

Susanna Oppliger: «Indem der Berufsbildner auf die Meldung seiner Lernenden über das übergriffige Verhalten eines Kunden nicht reagiert, begeht er eine Verletzung seiner Fürsorgepflicht. Er hat S.S. nicht nur nicht geholfen, sondern sie sogar am nächsten Tag wieder zum selben Kunden geschickt. Auch hier empfehlen wir, sofort Hilfe zu suchen. Wenn die Dringlichkeit dermassen gegeben ist wie im vorliegenden Fall, können wir meistens von heute auf morgen ein Gespräch anbieten. Das weitere Vorgehen geschieht in Absprache mit der Rat suchenden Person. Im vorliegenden Fall müssen wir jedoch in Ausübung unserer Aufsichtspflicht umgehend handeln.»

«Ein Mitarbeiter klaute mein Werkzeug»

M.W.*

Ich machte eine Lehre als Elektromonteur. Im ersten Lehrjahr klaute ein Monteur mein Werkzeug, weil er selbst keines hatte. Ich erhielt alles wieder zurück, aber in schlechter Qualität, alte Schraubenzieher und Zangen zum Beispiel. Als ich einmal wegen einer defekten Zange zum Chef ging, sagte mir dieser, dass ich mir im Baumarkt eine neue kaufen solle.

Susanna Oppliger: «Ein Chef muss solche Meldungen ernst nehmen und dem Vorwurf nachgehen, das heisst mit dem Monteur reden. Die Neubeschaffung von defekten Werkzeugen kann er nicht einfach auf den Lernenden abschieben.»

«Meine Vorgesetzte wollte mich nicht zum Arzt lasse

L.W.*

Meine Lehre war ein Albtraum. Ich machte das KV auf einer Bank. Der damalige CEO und der Vater meines Mitlernenden waren beste Freunde. Dies merkte ich sehr deutlich: Während er die spannenden Aufgaben wie Kundengespräche und Anlageanalysen machen durfte, war ich zuständig für das Bringen des Kaffees, das Rollen von Münzen oder Hilfsarbeiten für unseren Hauswart. Meine Lehrlingsausbildnerin war mit dem Mitlernenden bereits Mitte des zweiten Lehrjahres per du, ich durfte sie erst ein Jahr später duzen. Gab es am Schalter eine Gelddifferenz, musste immer ich die Taschen leeren. Ich wurde am Arbeitsplatz sogar mit einer Kamera überwacht und zum Gespräch aufgeboten, weil ich einige Minuten am Tag 20 Minuten las. Einmal war ich stark erkrankt, und meine Vorgesetzte wollte mich nicht zum Arzt lassen, sie drohte mir mit Konsequenzen. Ich setzte mich durch, und der Arzt schickte mich sofort ins Bett. Als ich meine Vorgesetzte anrief, kam sie mir blöd. Drei Stunden später brach ich zusammen und erhielt später die Diagnose Epilepsie. Ich hasse die Bank und all die Personen so sehr. Sie haben mir das Leben zur Hölle gemacht.

Susanna Oppliger: «Die Ungleichbehandlung gegenüber anderen Lernenden deutet auf Mobbing hin. Auch dass L.W. berufsfremde Arbeiten erledigen musste und dadurch im Team abgewertet wurde, ist nicht hinnehmbar. Jemanden krank zur Arbeit zu zwingen, fällt unter Verletzung der Fürsorgepflicht. Der Betrieb muss auf die Gesundheit seiner Mitarbeitenden achtgeben. Für eine Videoüberwachung gibt es viele Vorschriften. Sind diese nicht erfüllt, dann ist die Überwachung des Arbeitsplatzes mit einer Kamera nicht erlaubt. Bei einer Gelddifferenz am Schalter muss eine Untersuchung bei allen Schaltermitarbeitenden erfolgen. Alles andere wäre diskriminierend.»

«Am Samstag musste ich gratis arbeiten»

A.L.*Ich machte eine Lehre als Automechaniker. Wir mussten jeden Tag ein- und ausstempeln, auch am Mittag. Ich hatte vergessen, am Morgen einzustempeln, und habe das dem Chef am Mittag gemeldet – damit ich es lernen würde, hat er mir die bereits gearbeiteten 4,5 Stunden nicht gutgeschrieben. Einmal machte ich aus Versehen einen Pneu kaputt beim Montieren und musste dafür einen Samstag gratis arbeiten (Wert des Pneus: ca. 80 Franken).

Susanna Oppliger: «Die Bestrafung mit einem Zeitabzug ist keine pädagogische Massnahme und nicht zulässig. Eine sorgfältige Handhabung von Werkzeug und Material kann ein Berufsbildner von seinen Lernenden erwarten; ein grob fahrlässig zerstörter Pneu darf er deshalb in Rechnung stellen. Wenn es aber ein einmaliges Versehen war, gehört der defekte Pneu zum normalen Geschäftsrisiko, das ein Betrieb tragen muss. Ich würde A.L. darin bestärken, mit seinem Chef zu sprechen. Der Lernende kann dabei auch sagen, dass er sich bei uns beraten liess – vielleicht setzt sich dann der Berufsbildner mit uns in Verbindung und holt sich Rat. Manchmal fehlt den Lernenden der Mut für ein Gespräch.

In so einem Fall haben wir Lernenden auch schon vorgeschlagen, die unbezahlten Stunden zu dokumentieren und dem Betrieb am Ende der Lehre in Rechnung zu stellen. Wenn dieser die Begleichung verweigert, kann ein Gespräch bei uns oder ein Gang zur Schlichtungsstelle helfen.»

* Die vollen Namen der Betroffenen sind der Redaktion bekannt.

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266 Kommentare
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Ein Wanderer

26.08.2020, 21:41

Ja, mein Chef hat mich in der Lehre ebenfalls an den Haaren gezogen. Er war ein sehr strenger Mann. Aber im Grunde seines Herzens ein gütiger Mensch. Er hat mich nie im Stich gelassen und stand immer zu mir, wenn es darauf ankam. Er war wie ein Vater. Sehr streng, unwirsch aber ein herzensguter Mensch. Danke für alles mein Lieber! R.I.P.

XX

26.08.2020, 11:01

Bin nicht in der Lehre aber unsere Chefin glaubt uns nie wenn sich jemand krank meldet. Jeder von uns hat angst von Ihr. Sie schreit uns vor den Gäste an und beleidigt uns. Oder sagt wir können unsere Künsigung schreiben,sie bräuche niemanden von uns.

Dartischt

26.08.2020, 10:24

Damals als ich die Lehre absolvierte war es normal vom Chef gedemütigt zu werden. Besonders auf dem Bau war die Wortwahl nicht die Feinste. Als Stift hatte man in den 60ziger70ziger Jahren nichts zu melden. Die Worte vom Chef waren Gottesworte und die durften nie angezweifelt werden.