Scheidung: «Meine Eltern stritten, die Kindheit war purer Horror»
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Scheidung«Meine Eltern stritten, die Kindheit war purer Horror»

Kinder, deren Eltern ihretwegen zusammenblieben, berichten von schrecklichen Kindheitserinnerungen: Streit, eisiges Schweigen und Hass.

von
ann
Ständige Streitereien zwischen den Eltern sind für die Kinder eine grosse Belastung. Darum sagen viele, ihre Eltern hätten sich besser früher getrennt.

Ständige Streitereien zwischen den Eltern sind für die Kinder eine grosse Belastung. Darum sagen viele, ihre Eltern hätten sich besser früher getrennt.

Keystone/Christof Schuerpf

Die Statistik zeigt: Viele Paare lassen sich erst scheiden, wenn die Kinder erwachsen sind. Oder anders gesagt: 83 Prozent der Jugendlichen wachsen mit beiden Elternteilen auf.

Obwohl Philippe Gnägi von Pro Familia diese Zahlen als positiv wertet, weil eine Scheidung für ein Kind äusserst belastend sei, sehen viele Leser dies ganz anders.

«Meine Mutter hätte sich das sparen können»

So schreibt uns Leserin Anne K.*, dass ihre Eltern – so lange sie denken kann – eine furchtbare Ehe führten und viel stritten. «Meine Kindheit war purer Horror.» Sie sei das Nesthäkchen gewesen und als Letzte ausgezogen.

«Einen Monat später rief mich meine Mutter an und sagte, sie sei ausgezogen und lasse sich scheiden.» Sie habe nur gewartet, bis alle Kinder aus dem Haus waren. Das Leben mit dem Vater habe sie gehasst. Anne K. schreibt: «Ich habe ihr gesagt, sie hätte sich das sparen können und sich viel früher trennen sollen. Wenn die Eltern nicht glücklich sind, lebt niemand glücklich.»

«Nun ist das Klima in der Familie besser»

Ihr stimmen viele Kinder in gleichen Situationen zu. «Ich hätte mir gewünscht, meine Eltern hätten sich viel früher scheiden lassen», schreibt etwa Leserin «Baslerin» im Kommentar. Ihre Mutter habe unter ihrem Vater gelitten. Es sei eine Utopie, dass die Kinder davon nichts mitbekämen.

«Anna» bezeichnet sich als frisches Scheidungskind und sagt, es wäre ihr lieber gewesen, ihre Eltern hätten sich früher getrennt. Sie habe acht Jahre lang damit gelebt, wie ihre Eltern sich angeschwiegen hätten und sich nicht mehr liebten. «Nun ist alles viel freier und das Klima in der Familie besser.»

«Kindern bestmöglichen Start ins Leben geben»

Es melden sich dennoch viele Paare, die sich der Kinder wegen für ein Zusammenbleiben entscheiden. So schreibt ein Leser, der anonym bleiben will, dass er und seine Frau sich auseinandergelebt hätten. Sie hätten vier Kinder, die sich in ihrer Freizeit mit Sport, Musik und anderen Tätigkeiten beschäftigten, die nach einer Scheidung aus finanziellen Gründen nicht mehr machbar wären.

«Das Erschaffene würde wanken», so der Leser. Man bleibe zusammen, um nicht alles zu verlieren. Er habe sehr viel darüber nachgedacht und sei der Meinung, dass dies das Eltern-Sein auch ausmache. «Wenn man Kinder hat, will man ihnen den bestmöglichen Start ins Leben geben – auch auf eigene Kosten.»

«Die Streitereien machten bei den Kids vieles kaputt»

Ähnlich geht es «Tarja», die drei Kinder hat und sagt, ihre Ehe bestehe nur noch auf dem Papier. «Ich warte jetzt schon zehn Jahre auf die Trennung.» Hätte sie keine Kinder, wäre sie schon längst geschieden. Sie fragt sich eigentlich nur noch, wie lange sie das noch aushalten muss.

Leser «Koda» schreibt, dass sie gewartet hätten, bis die Kinder alt genug waren. «Ein Riesenfehler, wie sich herausstellte.» Die ewigen Streitereien hätten bei den Kids vieles kaputtgemacht.

«Finde ich echt stark von meinem Vater»

Obwohl die meisten Kinder für eine frühe Scheidung sind, gibt es auch solche, die den Eltern dankbar sind, dass sie zusammengeblieben sind. So schreibt «Cibel», dass sich seine Eltern erst scheiden liessen, als der Jüngste die Lehre abgeschlossen hatte.

Dann sei erst ausgekommen, dass der Vater so unter der Mutter gelitten habe. Die Kinder hätten davon nichts gemerkt und geglaubt, alles sei in Ordnung. Cibel schreibt: «Finde ich echt stark von meinem Vater … danke Papi für alles.»

*Name der Redaktion bekannt

«Feindseligkeit und Verachtung machen Kinder krank»

Herr Dür*, bleiben Paare mit Kindern wegen des Geldes zusammen?

Kinder zu haben kostet sicher viel, aber noch nie war die wirtschaftliche Situation so gut wie heute. Wenn ein Partner heute gehen will, kann er.

Wieso trennen sich dann viele erst, wenn die Kinder draussen sind?

Jedes Paar, das länger zusammen ist, muss sich mit einer Abkühlung der Beziehung auseinandersetzen. Problematisch wird es, wenn man nur noch negativ aufeinander reagieren kann. Das überlebt eine Liebe nur selten.

Sind solche destruktiven Eltern nicht eine schlechte Umgebung für Kinder?

Ja, Negativität, Feindseligkeiten und Verachtung machen Kinder krank. Das sollte man ihnen ersparen. Das prägt sie ein Leben lang.

*Hans Peter Dür ist Paar- und Familientherapeut

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