Aktualisiert 13.01.2014 06:24

MSF-Mitarbeiterin«Meine Familie hat immer ein Vetorecht»

Sie reisen in Krisengebiete und arbeiten für wenig Geld, um zu helfen. Was treibt die Mitarbeiter von Médecins Sans Frontières an, wie relaxen sie und wie gehen sie mit Gefahren um?

von
gux

Ihr Tag beginnt um sieben Uhr. Dann plant Jeannette Pedersen im zweistöckigen Büro von Médecins Sans Frontières (MSF) ihren Einsatz – oder versucht es zumindest. Denn «in einem Flüchtlingslager ist es schwierig, etwas im Voraus zu planen», sagt die 47-Jährige. Besonders in einem wie dem Lager Domiz im Norden des Iraks, wo 50'000 Menschen auf kleinem Raum zusammenleben. Pedersen arbeitet seit zwei Monaten als Leiterin der «Health Community Workers» im Camp: Sie bildet 45 syrische Flüchtlinge – vom Arabisch-Lehrer bis zum Architekten – zu Sozialarbeitern für das Lager aus. Daneben bestellt die Bernerin alles, was ihr Team bei der Arbeit so braucht, von Bleistiften bis Gummistiefeln.

Wie kommt eine 47-jährige Bernerin zu MSF und in den Norden Iraks? «Ich war in Bern in der Gesundheitspflege tätig und wollte immer schon zu MSF. Doch dann kamen Mann, Ehe, Kinder. Das war vor 30 Jahren. Jetzt kann ich das tun, was ich damals machen wollte.» Irak ist Pedersens zweiter Einsatz für MSF. Zuvor war sie in Guinea, Westafrika, wo sie in einem Cholerazentrum und einem Malariaprojekt arbeitete.

1200 Franken im Monat und viel Erfahrungen

Es ist harte Arbeit, die nicht das grosse Geld (rund 1200 Franken/Monat), aber unbezahlbare Erfahrungen bringt. Und: «Es ist sehr befriedigend, einen Job zu machen, bei dem man sieht, weswegen etwas gemacht werden muss», sagt Pedersen. «Nach den Besuchen in den Zelten der Flüchtlinge weiss ich immer, wieso ich hier bin. Dann kann ich sagen: Es macht Sinn, was wir machen.»

Muriel Häberli (27) denkt ähnlich. Die Krankenschwester aus Münsterlingen, Thurgau, ist im Irak zum ersten Mal für MSF im Einsatz. Im Lager Domiz bildet auch sie Flüchtlinge weiter: Ihr Team besteht aus Frauen, die einst in Syrien selbst Krankenschwestern waren: «Mein Job ist es, zu schauen, was wir verbessern können und wo wir Weiterbildungen brauchen. Etwa bei der Behandlung von Verbrennungen. Die sind jetzt im Winter aktuell, weil die mobilen Öfen mit Öl befeuert werden, was jeden Tag zu schweren Unfällen führt.»

«Gute Schweizer Ausbildung weitergeben»

Auch die Thurgauerin wollte gleich nach der Ausbildung zu einer Hilfsorganisation. Einerseits wegen der exotischen Destinationen. Andererseits überzeugte sie gerade der «Hilfe zur Selbsthilfe»-Ansatz von MSF: «So kann ich den Leuten hier etwas davon weitergeben, was wir in der Schweiz an guter Ausbildung erhalten haben.»

Was ist mit den Sorgen um die eigene Sicherheit in einem politisch nicht eben stabilen Land? Hat etwa Jeannete Pedersens Familie keine Angst um sie? «Gar nicht», sagt sie. «In der autonomen Region Kurdistan ist es sehr ruhig. Das Leben hier ist dem in der Schweiz ähnlich.»

Angst?

Entsprechend habe sie auch keine Angst vor Anschlägen. «Angst könnte man auch in jeder westlichen Metropole haben», so Pedersen. MSF lege grossen Wert auf Sicherheit und ziehe die Mitarbeiter sofort ab, sollte es brenzlig werden. Zudem verfolge MSF von Genf aus die politischen Entwicklungen in anderen Ländern akribisch. Insofern sei jeder Aufenthalt ein kalkulierbares Risiko. «Meine Familie sieht das ähnlich, die hat nämlich immer ein Vetorecht.»

Nach gut sechs Stunden Arbeit im Flüchtlingslager fahren die ausländischen MSF-Mitarbeiter wieder in die naheliegende Stadt Dohuk: Ärzte, die bis zu 50 Patienten pro Tag behandeln, Krankenschwestern, die sich um die Hunderten Besucher in den zwei MSF-Kliniken auf dem Areal kümmern, Logistiker, die aus Hygienegründen riesige Latrinensysteme anlegen, Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen. Für sie alle ist am Abend die Luft raus. Im Auto, das auch Pedersen und Häberli zurückfährt, ist es still, man sitzt mit geschlossenen Augen vor dem kilometerlangen Stau am Checkpoint vor der Stadt. Noch ist die Arbeit nicht beendet. Im Büro warten Rapporte, Bestellungen, Besprechungen.

Hiken im Minengebiet, ausschlafen und brunchen

Wie entspannt man sich bei diesem stressigen Job? «An den Wochenenden gehen wir in den Bergen rund um die Stadt wandern», erzählt Häberli. Und Pedersen fügt an: «In einem teilweise verminten Gebiet. Da muss man schon aufpassen, auf den Pfaden zu bleiben.»

Die MSF-ler wohnen in gemieteten Häusern alle beieinander. «An den Wochenenden schlafen viele von uns aus und dann brunchen wir gemeinsam», so Häberli. Ab und zu feiern sie auch – wobei sie Alkohol wie einen Schatz hüten. Woher sie das Sixpack Bier in der muslimischen Stadt beschaffen konnten, wollten sie partout nicht verraten.

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