Coming-out endete in Katastrophe – «Meine Familie verstiess mich»

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Zurich Pride PodcastComing-out endete in Katastrophe – «Meine Familie verstiess mich»

Als Robino seiner Familie sagte, er sei schwul, erlebte er Schlimmes: Der Vater bedrohte ihn mit dem Tod, der Bruder stand mit dem Messer vor ihm und die Mutter zerriss das Foto von ihm und seinem Freund. Heute hat er Halt gefunden.

von
Alexander Wenger
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Robinos (28) Coming-out lief gar nicht gut.

Robinos (28) Coming-out lief gar nicht gut.

Fabienne Hartmann
Als 15-Jähriger outet er sich bei seiner Mutter. Die findet Homosexualität «ekelhaft».

Als 15-Jähriger outet er sich bei seiner Mutter. Die findet Homosexualität «ekelhaft».

privat
Danach wurde das Thema in der Familie ignoriert – bis er seinen ersten Freund hatte. Die Situation eskalierte, sein Vater bedrohte ihn und seinen Freund mit dem Tod. Robino flüchtete vor seiner Familie.

Danach wurde das Thema in der Familie ignoriert – bis er seinen ersten Freund hatte. Die Situation eskalierte, sein Vater bedrohte ihn und seinen Freund mit dem Tod. Robino flüchtete vor seiner Familie.

Vivi und Kate

Darum gehts

«Hallo Mama, du fragst dich, warum ich nicht wie mein anderer Bruder eine Freundin nach Hause bringe. Das liegt daran, dass ich schwul bin. Mir fällt es schwer, dir das persönlich zu sagen. Bitte erzähle es nicht weiter, sondern lass mich selbst entscheiden, wer es wissen soll.»

So hat sich Robino Rich (28) im Alter von 15 bei seiner Mutter geoutet. «Ich habe gedacht, sie sei offen. Sie war Fan von bekannten schwulen Sängern», so der Deutsche, der heute in Luzern lebt. Am nächsten Tag war die Familie einkaufen. «Plötzlich verriegelte meine Mutter das Auto von innen und sagte, sie fände meine Homosexualität eklig. Meine Schwester doppelte nach und meinte, dass sie das auch ekelhaft fand», so Robino. Er war geschockt und blieb ruhig. Das Thema wurde danach in der Familie unter den Teppich gekehrt. Niemand sprach mehr darüber.

Ein Jahr später lernte Robino im Internet seinen ersten Freund kennen. Sie verabredeten sich an der Chilbi beim Riesenrad und küssten sich. Robino blühte auf. «Mein Freund wurde meine Stütze und ich wollte ihn zu Hause vorstellen. Doch meine Mutter meinte, das würde den jüngeren Bruder negativ beeinflussen und kündigte an, unsere Beziehung zu beenden. Mein Vater drohte, er wolle mir und meinem Freund eine Kugel in den Kopf jagen. Meine Mutter nahm ein Paarfoto von uns und zerriss es vor meinen Augen.»

«Endlich war ich frei!»

Robino entschied sich, von zu Hause zu fliehen. Er packte seine Kleider und leerte das Sparschwein. Plötzlich stand sein Bruder mit einem Messer im Flur und hinderte ihn daran, zu gehen. In der Nacht schlich Robino nochmals raus. Mit dem Kleingeld rief er aus der Telefonzelle seinen Freund an, kaufte sich ein Zugticket und verliess sein Zuhause. Er zog zu seinem Freund. Mit Hilfe des Jugendamtes finanzierte er sich die Miete und seine Ausbildung zum Redaktor und Moderator bei einem Radio. «Ich hatte die schönste Zeit meines Lebens. Endlich war ich frei», so Robino zum Zurich Pride Podcast (auf Spotify und 20 Minuten Radio).

Die Jahre vergingen. Robino beendete die Schule und zog in seine erste eigene Wohnung. Drei Monate nach dem Auszug standen plötzlich seine Grossmutter und seine Schwester vor der Tür. Die Mutter habe Krebs und liege im Sterben, erzählten sie. «Ich konnte sie nicht besuchen. Ich hatte noch so viel Hass in mir. Also schrieb ich ihr einen Brief mit Genesungswünschen und schlug eine Aussprache zu einem späteren Zeitpunkt vor.» Doch die gutgemeinten Worte wurden falsch verstanden.

«Wie kann man das nur so falsch auslegen!»

Seine Mutter interpretierte die Aussagen so, dass ihr Sohn ihr den Tod wünsche. «Wie kann man das nur so falsch auslegen!», sagt Robino. Noch immer kommen ihm die Tränen, wenn er daran denkt. Über Facebook erfuhr Robino schliesslich von ihrem Tod. Eine Einladung zur Beerdigung erhielt er nicht. «Es hört sich seltsam an, aber ich war nicht traurig. Ich war erleichtert. Diese schlimme Zeit war vorbei.» Um seine Geschichte zu verarbeiten, ging er zu einer Psychologin.

Heute lebt Robino in Luzern und arbeitet als Moderator für Events. Als Trauredner verheiratet er bei freien Trauungen Menschen, die ihre Liebe gefunden haben. Eines war ihm wichtig: sich für queere Paare einsetzen. «Heute geht es mir so gut wie nie zuvor. Ich bin durch meine Geschichte stark, selbstbewusst und eigenbestimmt geworden», so der 28-Jährige.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Was ist der Zurich Pride Podcast?

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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