So erleben sie den Krieg ihrer Heimatländer – «Ich musste weinen und konnte mich kaum beruhigen»

Aktualisiert

So erleben sie den Krieg ihrer Heimatländer«Ich musste weinen und konnte mich kaum beruhigen»

Sie leben in der Schweiz. Doch jetzt machen sich Menschen aus Russland und der Ukraine grosse Sorgen um ihre Angehörigen im Kriegsgebiet.  

von
Gabriela Graber
Christiane Binder
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Oleksandra Medvedeva (27) konnte sich kaum beruhigen, als sie hörte, dass ihr Heimatland angegriffen wurde: «Freunde und Familie sind im Konfliktgebiet und flüchten im Moment gegen Westen.  In jedem Moment habe ich Angst, dass etwas Schlimmes geschehen wird!» 

Oleksandra Medvedeva (27) konnte sich kaum beruhigen, als sie hörte, dass ihr Heimatland angegriffen wurde: «Freunde und Familie sind im Konfliktgebiet und flüchten im Moment gegen Westen.  In jedem Moment habe ich Angst, dass etwas Schlimmes geschehen wird!» 

Privat 
Medvedeva hofft, dass Europa die Ukraine unterstützt und Sanktionen gegenüber Russland verschärft. 

Medvedeva hofft, dass Europa die Ukraine unterstützt und Sanktionen gegenüber Russland verschärft. 

REUTERS 
Sasha Volkov (46) will von der Schweiz aus Widerstand leisten – genau wie seine Verwandten in der Ukraine: «Mein Vater kann noch schiessen und mein Schwager hat viele Waffen. Gott sei Dank haben wir viele Russen auf unserer Seite.»

Sasha Volkov (46) will von der Schweiz aus Widerstand leisten – genau wie seine Verwandten in der Ukraine: «Mein Vater kann noch schiessen und mein Schwager hat viele Waffen. Gott sei Dank haben wir viele Russen auf unserer Seite.»

Privat 

Darum gehts: 

In der Ukraine herrscht Krieg. Seit dem frühen Donnerstagmorgen dringt Russland mit Panzern und Flugzeugen in ukrainische Staatsgebiete vor, es kommt zu Bombardierungen und Raketenangriffen, Flüchtlingsströme ziehen gegen Westen, unzählige ukrainische und russische Soldaten sind ums Leben gekommen. 

Mehrere Tausend Ukrainerinnen, Ukrainer und Menschen aus Russland beobachten von der Schweiz aus die Geschehnisse im Osten. Sie fühlen sich ohnmächtig – und machen sich grosse Sorgen über Verwandte und Bekannte in ihrer Heimat. 

«Ich musste weinen und konnte mich kaum beruhigen»

Oleksandra Medvedeva, 27, Content Creator in Zürich, seit 14 Jahren in der Schweiz, geboren in Chernihiv in der Nordukraine, aufgewachsen in Uzhogorod im Südwesten des Landes: «Als ich gestern Vormittag im Tram war, las ich, dass die Ukraine angegriffen wurde. Ich musste weinen und konnte mich kaum beruhigen. Freunde und Familie sind im Konfliktgebiet und flüchten im Moment in den Westen. Doch keiner von uns weiss, was sie morgen erwarten wird. Ich hoffe, dass Europa die Ukraine unterstützt und Sanktionen gegenüber Russland verschärft – so dass dieses seine Armee zurückzieht. Ich versuche, einen normalen Alltag zu führen – doch es ist schwierig: In jedem Moment habe ich Angst, dass etwas Schlimmes geschehen wird.» 

«Ich bin entschlossen, Widerstand zu leisten»

Sasha Volkov 46, IT-Berater in Lachen SZ, seit 22 Jahren in der Schweiz, ursprünglich aus Donbas im Osten der Ukraine «Ich will mich für mein Land einsetzen und Widerstand leisten. Putin muss aufgehalten werden! Das ist meines Erachtens möglich, indem wir alle Geldströme gegen Moskau sofort stoppen: Konten von russischen Oligarchen und Unternehmen müssen eingefroren werden und der Handel mit Gütern aus Russland gestoppt werden. Meine Eltern leben in einem der betroffenen Gebiete und hörten gestern in der Früh massive Explosionen. Ganz in der Nähe finden Luftkämpfe statt und ein Kampfhubschrauber ist abgeschossen worden. Dennoch habe ich jetzt noch keine Angst um sie: Auch meine Eltern sind entschlossen, sich gegen diese Gräueltaten zur Wehr zu setzen. Mein Vater kann noch schiessen, und mein Schwager hat viele Waffen. Ich hoffe, dass die russische Armee aufgehalten und Putin schnell von eigenen Landsleuten gestürzt wird. Gott sei Dank haben wir viele Russen auf unserer Seite.»

«Auch meine Familie in Moskau ist geschockt»

Slava Sheremetyew, 37, Bankangestellter in Zürich, seit einem Jahr in der Schweiz, stammt aus Moskau: 
«In einem Tag hat sich die ganze Welt für Millionen Menschen verändert und niemand kann sagen, was die Zukunft bringt. Ich habe zwar Freunde in der Ukraine, aber im Moment erfahre ich nur über die Medien, was dort passiert. Ich verstehe das alles nicht. Wir alle sind Opfer politischer Machenschaften. Mir kommt das wie eine Neu-Installation des Eisernen Vorhangs vor. Auch meine Familie in Moskau ist geschockt. Es tut mir so leid. Ich schäme mich für Russland und fürchte, dass wir Russen in Europa nun schlechter wahrgenommen werden.» 

«Ich will sofort den Flüchtlingen helfen»

Marina Okhrimovskaya, 59, Journalistin in Horw, LU, stammt aus Rostow am Don und ist seit 2007 in der Schweiz: «Gestern um 5.30 Uhr hatte ich schon Nachrichten von Freunden aus der Ukraine. Ich bin über die Mama Ukrainerin, über den Papa Russin. 22 Jahre habe ich in der Ukraine gelebt und 20 Jahre in Russland. Als ich die Nachricht hörte, dachte ich: Jetzt muss ich ein Ticket nach Rostow am Don kaufen – und zwar sofort! Ich werde schon Anfang März fahren, 20 Stunden dauert die Reise mit dem Zug. Flüge gehen ja nicht mehr. Zusammen mit meinen Verwandten will ich dort Flüchtlingen helfen. Ich werde Besuche machen, helfen, trösten, putzen, aufräumen. Wir müssen doch ein Gefühl füreinander entwickeln, wir dürfen nicht in Panik verfallen. Wir alle müssen Mensch bleiben.»

Dir gehts nicht gut? Du möchtest mit jemandem reden? 

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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