Mobbing: «Meine Kameraden wollten mich kaputtmachen»
Aktualisiert

Mobbing«Meine Kameraden wollten mich kaputtmachen»

Beleidigungen, bedrohliche SMS und Hass-Gruppen machten ihren Alltag zur Hölle. Mobbing-Opfer erzählen von ihren schlimmen Erfahrungen.

von
B. Zanni
1 / 5
An einer Zürcher Schule wurden zahlreiche Jugendliche von einer gewalttätigen Gruppe gemobbt. Auch diverse Leser teilen solche Erfahrungen: Beleidigungen, Droh-SMS und Hass-Gruppen machten ihnen den Alltag zur Hölle, wie die folgenden Bilder zeigen.

An einer Zürcher Schule wurden zahlreiche Jugendliche von einer gewalttätigen Gruppe gemobbt. Auch diverse Leser teilen solche Erfahrungen: Beleidigungen, Droh-SMS und Hass-Gruppen machten ihnen den Alltag zur Hölle, wie die folgenden Bilder zeigen.

Reto Oeschger
Seine Schulkollegen hätten ihn nicht gemocht und ihn einfach kaputtmachen wollen, sagt M. M. (20). «Es gipfelte darin, dass ein paar Klassenkameraden eine Facebookgruppe gegen mich erstellten.»

Seine Schulkollegen hätten ihn nicht gemocht und ihn einfach kaputtmachen wollen, sagt M. M. (20). «Es gipfelte darin, dass ein paar Klassenkameraden eine Facebookgruppe gegen mich erstellten.»

Privat
«In der Sek waren eine Zeit lang alle Jungs gegen mich und gaben mir zu verstehen, dass ich nicht hübsch sei», sagt Mobbing-Opfer M. F. (20).

«In der Sek waren eine Zeit lang alle Jungs gegen mich und gaben mir zu verstehen, dass ich nicht hübsch sei», sagt Mobbing-Opfer M. F. (20).

Privat

Die 13-jährige Céline Pfister zerbrach am Mobbing auf Social Media. Die diffamierenden und blossstellenden Kommentare trieben sie 2017 in den Suizid. Dass Schüler Opfer von Mobbing werden, kommt häufig vor. Betroffene erzählen.

M. F.* (20), Lernende:

«In der Sek waren eine Zeit lang alle Jungs gegen mich und gaben mir zu verstehen, dass ich nicht hübsch sei. Unzählige Male bezeichneten sie mich als fett und beleidigten meine Haare – sie seien grusig. Die Jungs waren nicht nur in der Pause gemein zu mir.

Meldete ich mich im Unterricht zu Wort, drehten sie sich um, flüsterten und lachten. Irgendwann griff meine grosse Schwester ein und machte ihnen klar, dass sie damit aufhören sollten. Darauf erhielt ich per SMS und Whatsapp schlimme Nachrichten. «Du solltest dich besser umbringen», schrieben mir die Jungs.

«Nach diesen Nachrichten brach ich zusammen»

Nach diesen Nachrichten brach ich zusammen. Ich hatte Angst und konnte nicht verstehen, wie jemand mir so was antun konnte. Vielleicht lag es daran, dass ich zum Beispiel nicht immer die gleichen Kleider trug wie alle anderen. Es war mir egal, dass die anderen Schüler meine farbigen Hosen und glitzernden Turnschuhe nicht toll fanden.

Dank der Unterstützung meiner Eltern kam ich aber damit klar und entwickelte nicht etwa Depressionen. Ich habe Glück, dass ich eine starke Person bin und mich von niemanden unterkriegen lasse.»

M. M.*, 20, Lernender:

«Meine Schulkollegen in der Realschule wollten mich einfach kaputtmachen. Sie mochten mich nicht. Es gipfelte darin, dass ein paar Klassenkameraden eine Facebookgruppe gegen mich erstellten. «Anti» plus mein Name hiess sie. Die Gruppe war aber nur fünf Stunden online. Ich hatte die Gruppe schnell entdeckt und informierte sofort meine Eltern. Sie gingen zur Polizei und veranlassten, dass die Kameraden die Gruppe löschten.

«Ich habe vieles aus dieser Zeit verdrängt»

Die Urheber der Gruppe wurden danach zu je zehn Sozialstunden verdonnert. Das ist viel zu wenig für den Schaden, den sie bei mir angerichtet hatten. Gerecht gewesen wäre, wenn sie über längere Zeit hätten Sozialstunden leisten müssen.

Ich habe vieles aus dieser Zeit verdrängt. Suizidgedanken hatte ich aber nie. Schliesslich würde ich den anderen nur recht geben, täte ich mir etwas an. Wer gemobbt wird, darf keine Schwäche zeigen!»

L. B.* (19), Lernende:

«Das Mobbing fing schon in der Mittelstufe an. Meine Mitschüler wussten, dass ich meine Kleider mit Rabatt vom Geschäft meines Onkels kaufte. Eines Tages fragte mich ein frühreifer Junge vor der ganzen Klasse, ob es von dieser Marke auch Unterhosen gebe. Ich antwortete verdutzt, dass es davon keine Unterhosen gebe. Darauf sagte er: ‹Ah, darum hast du also keine Unterhosen getragen, bevor wir Sex hatten.› Alle Schüler lachten.

In der Sek verlagerte sich das Mobbing auf Social Media. Eines Abends entdeckte ich Kommentare zu alten Instagram-Posts von mir. ‹Den Schönheitschirurgen sollte man verhaften, der hat ja einen so schlimmen Job gemacht› oder ‹Du bist so hässlich, da hilft nur ein sehr guter Chirurg›, hatten mein Ex-Freund und ein Kollege von ihm unter Selfies von mir geschrieben.

«Bis heute fühle ich mich immer schnell ausgeschlossen»

Meine Eltern meldeten den Fall danach beim Schulsozialarbeiter und wir drohten mit der Polizei, sollten sie die Kommentare nicht entfernen. Erklären, warum sie das gemacht hatten, konnten mein Ex-Freund und sein Kollege nicht. Es sei gerade lustig gewesen und sie wüssten auch nicht warum genau, meinten sie nur.

In der Schulzeit dachte ich manchmal, es wäre vielleicht besser, wenn ich nicht mehr da wäre. Suizidgedanken hatte ich aber nicht. Bis heute fühle ich mich aber immer schnell ausgeschlossen. Sehe ich auf Snapchat Fotos von meinen besten Freundinnen beim Essen, frage ich mich sofort, warum sie mich nicht gefragt haben. Das rührt daher, dass ich in der Schule von Partys und Veranstaltungen immer ausgeschlossen wurde.»

P. K.* (25), KV-Angestellte:

«Als ich in die Pubertät kam, mobbten mich meine Klassenkameraden wegen meines Aussehens. Ich bekam einen etwas grösseren Po und Vorbau. Das veranlasste einige dazu, mir zu sagen, ich sei geboren, um eine Hure zu sein. In der Oberstufe während der Lehrstellensuche wurde es dann noch schlimmer. ‹Du musst dich gar nicht bewerben. Du kannst ja Prostituierte oder Pornostar werden›, riefen sie mir vor dem Lehrer und der ganzen Klasse nach.

Ich hatte nicht viele Freunde und weinte zu Hause immer. Einmal rastete ich aus und zog eine meiner Mobberinnen an den Haaren. Ich drohte ihr: ‹Wenn du mich morgen nochmals fertigmachst, wirst du eine Glatze haben.› Danach rief ihre Mutter meine Mutter an. Zum Glück konnte meine Mutter ihr klarmachen, dass meine Reaktion nicht unbegründet war.

«Aus Angst vor Kommentaren verzichte ich auf Insta-Fotos von mir»

In der Schulzeit dachte ich manchmal, dass es allen besser ginge, wenn ich mein Leben beendete. Aber dann stellte ich mir vor, wie traurig meine Mutter und mein Bruder wären, wenn ich nicht mehr da wäre. In der Parallelklasse fand ich meine einzig gute Kollegin. Sie wollte ich auch nicht im Stich lassen.

Heute leide ich immer noch unter dem Mobbing und kämpfe mit Depressionen. Aus Angst, dass über mich gelästert werden könnte, gebe ich meinen Arbeitskollegen nichts Privates preis. Gerne würde ich auf Instagram Fotos von mir posten – wie alle anderen es auch machen. Aber aus Angst vor Kommentaren wie ‹Schau, wie fett sie aussieht› verzichte ich darauf.»

*Name der Redaktion bekannt.

Deine Meinung