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Studierte Hausfrau«Meine Kinder profitieren von meiner Bildung»

Die zweifache Mutter Cynthia Meier* (42) hat Jura studiert und ein Nachdiplomstudium in den USA absolviert. Jetzt ist sie Hausfrau.

von
D. Pomper

Frau Meier, warum haben Sie sich als junge Frau für ein Studium entschieden?

Nach der Matur hat man halt studiert. Ich habe mich für das Jura-Studium entschieden, weil es hiess, damit könne man viel machen. Es war jetzt nicht so, dass ich den Wunsch hatte, Staranwältin zu werden. Aber die Materie hat mich schon interessiert.

Konnten Sie sich damals vorstellen, Hausfrau zu werden?

Ich habe mir ehrlich gesagt gar nicht gross Gedanken dazu gemacht. Heirat und Kinder waren noch so weit weg. Eigentlich stellte ich mir vor, dass ich eines Tages Teilzeit arbeiten würde.

Jetzt sind Sie aber als Hausfrau tätig. Warum?

Nach dem Studium habe ich zehn Jahre in der Privatwirtschaft gearbeitet und Karriere gemacht. Zuletzt war ich Direktionsmitglied einer Schweizer Grossbank. Dann wurde ich schwanger. Ich hätte auf 80 Prozent reduzieren können. Das wollte ich nicht.

Warum nicht?

Meine Arbeitszeiten wären sehr unregelmässig gewesen. Ich hätte mein Kind nicht täglich in einen Hort bringen und von dort abholen können. Abgesehen davon war es ein starkes Bedürfnis, viel Zeit mit meinem Kind - einem absoluten Wunschkind - zu verbringen. Dieses Gefühl hat sich sogar verstärkt, als mein Sohn zur Welt kam. Bis dahin hatte ich nicht realisiert, wie viel einem ein Kind bedeuten kann und wie schwer es einem fallen kann, es wegzugeben.

Eine Krippe war also unabhängig von den Kosten kein Thema?

Nein, ich wollte mein Kind nicht vier Tage die Woche abgeben. Eine Nanny oder jemand von meiner Familie kamen auch nicht in Frage. Ich hätte allerdings gerne 50 Prozent gearbeitet. Doch der einzige Teilzeitjob, der mir angeboten wurde, war ein Sekretariatsjob.

Warum kam dieser Job für Sie nicht in Frage?

Dieser hätte nicht meinem intellektuellen Niveau entsprochen. Ich hatte keine Lust auf einen Job, für den ich überqualifiziert bin und der keinen Spass macht und bei dem ich dazu noch wenig verdiene. Dafür hätte ich eine Menge Stress und müsste auch noch eine Krippe finanzieren. Und das nur, damit ich sagen könnte, dass ich arbeite. Ich habe allerdings das Privileg, dass wir uns das leisten können. Für andere gutausgebildete Frauen ist die Verlockung sicher gross, sich unter ihrem Wert zu verkaufen.

Das heisst, es braucht mehr Teilzeitstellen?

Ich denke, dass die Privatwirtschaft dazu verpflichtet werden müsste, mehr Teilzeitstellen (40 bis 60 Prozent) zu schaffen - gerade auch für Akademikerfrauen. Sinnvoll sind auch Ganztagesschulen, wo die Kinder nach der Schule gleich in den Sport- oder Musikunterricht gehen. So haben Frauen in den USA die Möglichkeit von 9 bis 15 Uhr zu arbeiten und danach ihre Kinder abzuholen. Das würde ich mir auch für die Schweiz wünschen.

Ist ihr Kind bei Ihnen besser aufgehoben als in einer Krippe?

Ja, ich denke schon. Meine Kinder haben ein gemütliches Nest zu Hause. Als es im Winter draussen kalt und nass war, konnten meine damals noch kleinen Kinder zu Hause im Pyjama noch eine heisse Schoggi trinken. Ich musste sie nicht in aller Herrgottsfrühe wecken, damit sie pünktlich in der Krippe waren. Jetzt sind sie vier und sieben Jahre alt. Wenn sie heute zum Mittagessen nach Hause kommen, können sie erzählen und ich höre ihnen zu. Ich merke, wie sie sich gehen lassen können. Weder sie noch ich haben Stress, das gibt uns allen eine gewisse Ruhe.

Inwiefern profitieren Ihre Kinder von Ihrer guten Bildung?

Es ist nicht so, dass ich ihnen einen Bundesgerichtsentscheid vorlese. Aber wir haben viele Bücher zu Hause. Wir lesen und reden viel und besuchen auch mal ein Museum. Ich denke schon, dass meine gute Ausbildung auf meine Kinder abfärbt. Das kommt auch der Gesellschaft zugute.

Ist es als Mutter schöner zu Hause zu sein als im Büro?

Ja. Ich liebe es, Zeit mit meinen Kindern geniessen zu können, ohne gestresst zu sein. Aber der Hausfrauenjob wird unterschätzt. Viele haben das Gefühl, man sei den ganzen Tag am Kaffeetrinken. Dabei ist es ein Knochenjob, für den man keine Wertschätzung erhält. Wenn ich an einem Anlass gefragt werde, was ich mache, wird das Gespräch oft abgebrochen. Das Interesse vergeht. Man wird in eine Schublade gesteckt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Mutter- und Hausfrauendasein in den USA und der Karibik eine grössere Anerkennung erhält. Auch fällt mir manchmal die Decke auf den Kopf. Aber das nehme ich für meine Kinder gerne in Kauf.

Sie haben eine teure Ausbildung absolviert, die Sie nun nicht nutzen. Kritiker sprechen von einem «volkswirtschaftlichen Unsinn»: Kantone und Bund investieren Milliarden in die Ausbildung, die dann brachliegt. Was halten Sie davon?

Ich habe zehn Jahre lang 100 Prozent gearbeitet. Ich habe meinen Dienst an der Gesellschaft getan. Unabhängig davon bin ich aber überzeugt, dass Bildung der Gesellschaft immer zugutekommt. Man weiss mit zwanzig Jahren einfach noch nicht, was das Leben mit einem vorhat. Es hätte ja auch sein können, dass ich gar keine Kinder bekommen und Karriere gemacht hätte. Jeder hat das Recht nach seinem Studium das zu machen, was er für richtig hält.

*Name von der Redaktion geändert

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