Lovely Me - «Meine Mitschüler fassten mir an meine Brüste – immer wieder»
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Lovely Me«Meine Mitschüler fassten mir an meine Brüste – immer wieder»

Schon immer wog Carlos (17) mehr als andere. Als Kind und Jugendlicher wurde er von seinen Mitschülern und -schülerinnen gemobbt – so heftig, dass er in eine Depression fiel und nicht mehr leben wollte.

von
Deborah Gonzalez
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Der 17-jährige Carlos wiegt mehr, als für seine Körpergrösse empfohlen wird. Seit er denken kann, wurde er deshalb gemobbt. Er möchte ein Zeichen setzen, indem er seine Geschichte erzählt: «Ich hoffe, dass ich einigen Kindern und Jugendlichen dabei helfen kann, sich zu akzeptieren», sagt er.

Der 17-jährige Carlos wiegt mehr, als für seine Körpergrösse empfohlen wird. Seit er denken kann, wurde er deshalb gemobbt. Er möchte ein Zeichen setzen, indem er seine Geschichte erzählt: «Ich hoffe, dass ich einigen Kindern und Jugendlichen dabei helfen kann, sich zu akzeptieren», sagt er.

Privat
Sein Fitnesstrainer hat sehr viel dazu beigetragen, dass Carlos heute glücklich ist und sich nicht mehr für seinen Körper schämt. «Der Sport motiviert mich, immer weiter zu machen», sagt er.

Sein Fitnesstrainer hat sehr viel dazu beigetragen, dass Carlos heute glücklich ist und sich nicht mehr für seinen Körper schämt. «Der Sport motiviert mich, immer weiter zu machen», sagt er.

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Aber auch sein Traumberuf Altenpfleger motiviert ihn: «Ich stehe jeden Tag gerne auf, früher war das ganz anders.»

Aber auch sein Traumberuf Altenpfleger motiviert ihn: «Ich stehe jeden Tag gerne auf, früher war das ganz anders.»

Privat

Darum gehts

  • Carlos (17) ist bereits mit einem überdurchschnittlichen Geburtsgewicht zur Welt gekommen.

  • Zunächst waren es nur Sprüche, bald auch körperliche Angriffe. Jahrelang wurde er wegen seines Aussehens gemobbt.

  • Nachdem ein Foto von ihm vor einem Dönerladen per Whatsapp verschickt wurde, wusste der 17-Jährige nicht mehr weiter – er fiel in eine Depression.

  • Heute geht es ihm gut. Der Sport, seine Familie und die Lehre haben ihn zurück ins Leben geholt.

Carlos, was macht dich besonders?

Ich bin übergewichtig und kam bereits adipös zur Welt. Das Durchschnittsgewicht bei einer Geburt liegt bei ungefähr drei Kilo, ich habe aber fast fünfeinhalb Kilo gewogen. Das hat sich dann mein Leben lang so weiterentwickelt, es wurde nie wirklich weniger. Eher im Gegenteil: Ich wurde immer fester und fester. Es gab Zeiten, da wog ich bis zu 80 Kilo mehr als das, was für meine Körpergrösse gut ist. Meine Figur war mir schon immer ziemlich unangenehm, doch ich habe nie etwas dagegen gemacht, bis vor zwei Jahren. Ich wollte mir und allen anderen beweisen, dass ich was ändern kann.

Wen meinst du mit «allen anderen»?

Meine Mitschüler und Mitschülerinnen, die mich jahrelang gemobbt haben. Ich war immer alleine, keiner wollte bei mir sein. Es hat damit angefangen, dass sie mich rumschubsten und beleidigten, später kam Cybermobbing dazu. Es wurden Bilder von mir gemacht, wie ich vor einem Dönerladen stand. Die Fotos wurden herumgeschickt und ich wurde zum Gespött der gesamten Schule. Nachdem ich den Schulleiter informiert habe, mussten alle das Bild löschen. Aber das hat nichts geändert. Es waren weiterhin alle gegen mich.

An meinem ersten Schultag nach den Ferien wurde ich angespuckt. Durch mein Übergewicht habe ich Brüstedie wurden immer wieder von den anderen angefasst. Ich wurde die Treppen runtergeschubst. Und so vieles mehr. Ich konnte mich nie verteidigen, weil es immer mehrere gegen mich alleine waren. Später kamen noch familiäre Probleme dazu. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, wurde ich am Schnuppertag auch noch bei einer potentiellen Lehrstelle runtergemacht, da ich keine passende Hose gefunden hatte, weil ich eben zu dick war. Da wurde mir alles zu viel. Ich war immer jemand, der stets alles mit sich selbst ausgemacht hatte.

Ich habe nie mit jemandem geredet, wollte es alleine schaffen und niemanden belästigen. Doch mir ging es immer schlechter, ich habe mich total zurückgezogen. Ich hatte Panikattacken, die sich angefühlt haben wie ein Herzinfarkt. Ich habe mich geritzt. Ich wollte einfach nicht mehr leben und habe Suizidversuche unternommen, die glücklicherweise gescheitert sind. Heute weiss ich, dass ich unter Depressionen litt, damals wollte ich davon nichts wissen. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich Hilfe akzeptiert habemeine Schwester hat mich dazu gezwungen.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Wie bist du aus dieser Depression rausgekommen?

Ich habe mehrere Therapien hinter mir und war fast zwei Jahre in Behandlung. Mir war klar, dass ich handeln muss. Ich wollte unbedingt wie alle anderen sein und ein «normales» Leben leben. Ich wusste, dass ich aus dem Teufelskreis raus musste. Denn durch das viele Essen wurde ich depressiv und, weil ich so niedergeschlagen war, habe ich mehr gegessen und wurde dicker. Es gab Zeiten, da hat mich nur das Essen glücklich gemacht. So konnte es einfach nicht weitergehen! Also habe ich mich im Fitness angemeldet und habe angefangen, Sport zu machen. Mein Fitnesstrainer ist eine wichtige Person in meinem Leben, weil er mir sehr geholfen hat. Er hat mich dermassen motiviert, dass ich in einem halben Jahr 20 Kilo verloren habe. Er hat massgebend dazu beigetragen, dass ich aus meiner Depression gefunden habe.

Wie sieht dein Alltag heute aus?

Ich habe eine Lehrstelle in einem Altersheim, das gefällt mir sehr und erfüllt mich. Der Beruf hat mir meinen Lebenswillen zurückgegeben, weil ich etwas machen kann, was Leuten tatsächlich hilft, und das macht mir Spass. Es motiviert mich jeden Tag, aufzustehen und weiterzumachen. Heute habe ich kaum noch schlechte Gedanken, habe Freunde gefunden und gehe regelmässig ins Fitness. Meine Depressionen sind so gut wie weg. Mit meiner Vergangenheit habe ich grösstenteils abgeschlossen, ich kann damit umgehen und nehme sie an, denn das alles hat mich stark gemacht! Was meine Kilos anbelangt, habe ich noch einen langen Weg vor mir, aber ansonsten habe ich mein Ziel erreicht: Ich bin so wie alle anderen auch! Heute kann ich ohne Probleme zu McDonalds gehen. Klar, gibt es da eine nervige Stimme, die mich davor warnt, dass andere lästern werden. Aber das ist mir egal – es ist mein Leben!

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder auch Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon! Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, erzähle uns hier von deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity:

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