Helfersyndrom: Das hilft Betroffenen

Helfersyndrom: Davon betroffen sind Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, anderen ungefragt und ständig helfen zu wollen. 

Helfersyndrom: Davon betroffen sind Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, anderen ungefragt und ständig helfen zu wollen. 

Pexels / Andre Ouellet
Publiziert

Emma (27) fragt den Life Coach«Meine Nachbarin hat das Helfersyndrom – was hilft?»

Emma wird ständig Hilfe angeboten, auch wenn sie das nicht will. Life Coach Sandra Lutz erklärt das Problem und gibt Tipps für Betroffene.

von
Geraldine Bidermann

«Liebe Sandra, das Problem betrifft meine Nachbarin. Sie ist unheimlich nett und immer sehr zuvorkommend. Sie bietet immer ihre Hilfe an, auch ungefragt. Das geht so weit, dass sie sich ungefragt in viele Dinge einmischt. Ich denke, dass ihr Grundproblem eine Art Helfersyndrom ist. Kann es sein, dass sie ihren Selbstwert durch Bestätigung von aussen definiert? Wenn nicht die erwartete Anerkennung kommt, wird sie traurig. Wie kann ich damit umgehen, ohne sie unnötig zu verletzen oder sie gleich zu therapieren?» – Emma (27) 

Menschen, die unter dem Helfersyndrom leiden, fühlen sich nur dann geliebt, fähig und wertvoll, wenn sie anderen ständig helfen bzw. sich für diese «aufopfern» und dabei das Gefühl haben, gebraucht zu werden.

Menschen, die unter dem Helfersyndrom leiden, fühlen sich nur dann geliebt, fähig und wertvoll, wenn sie anderen ständig helfen bzw. sich für diese «aufopfern» und dabei das Gefühl haben, gebraucht zu werden.

Pexels / Alexander Ramsey

Antwort von Life Coach Sandra Lutz:

Liebe Emma

«Aber ich helfe doch gerne», «Das ist doch nichts» oder «Jeder andere würde dasselbe auch tun.» Als Helfersyndrom bezeichnet man eine zwanghafte Hilfsbereitschaft, wenn das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen, überhand nimmt. Oft helfen Menschen mit Helfersyndrom anderen, auch wenn sie nicht darum gebeten wurden, und machen deren Probleme dann zusätzlich noch zu ihren eigenen. Sie übergehen dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Zudem fällt es ihnen äusserst schwer, selbst Hilfe von anderen anzunehmen.

Helfen macht glücklich

Wenn wir anderen helfen, stösst unser Gehirn drei Chemikalien aus, die oft als Glücks-Trifecta bezeichnet werden:
Serotonin (erzeugt intensive Gefühle des Wohlbefindens)
Oxytocin (erhöht das Gefühl der Verbundenheit mit anderen)
Dopamin (steigert die Motivation)

Das Wohlfühl-Ergebnis dieser Kombination macht natürlich Lust auf mehr.
Gesunde menschliche Beziehungen basieren auf Gegenseitigkeit. Das heisst, dass eine gute Balance zwischen Geben und Nehmen bestehen sollte.

Menschen, die süchtig nach Helfen sind, haben kein Selbstwertgefühl.

Sandra Lutz

Wenn du den Verdacht hast, dass jemand unter einem Helfersyndrom leidet, dann ist Beobachten der erste Schritt. Das Einnehmen der Beobachterrolle verhilft auch dir, das ungefragte Einmischen oder die ungefragte Hilfe nicht als grossen Störfaktor zu sehen. Erfahrungsgemäss bringt es wenig bis nichts, wenn du die Betroffene mit der Tatsache konfrontierst – sie wird es vehement abstreiten. Es ist wichtig einzusehen, dass dieser Mensch ein sehr geringes bis gar kein Selbstwertgefühl besitzt – Feingefühl ist angebracht.

Anderen zu helfen, die Unterstützung benötigen, ist grundsätzlich etwas Positives und für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wichtig. Beim Helfen sollte man aber eine gesunde Balance zwischen der Hilfe für andere und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen finden.

Anderen zu helfen, die Unterstützung benötigen, ist grundsätzlich etwas Positives und für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wichtig. Beim Helfen sollte man aber eine gesunde Balance zwischen der Hilfe für andere und den eigenen Wünschen und Bedürfnissen finden.

Unsplash / Remi Walle

1. Lehne dankend ab

Versuche, die angebotene Hilfe dankend und sanft abzuweisen: Sag ihr, dass man
manche Dinge im Leben einfach alleine durchstehen muss und du nicht auf ihre Hilfe angewiesen bist. Manchmal hilft es auch zu sagen, dass sie dir am besten hilft, indem sie dich alleine das Problem lösen lässt, da du nur so etwas lernst.

Kennst du auch jemanden, der ständig ungefragt helfen will?

2. Du bist nicht für das Glück von anderen verantwortlich

Wenn gar nichts hilft, muss man Nägel mit Köpfen machen. Eine
Verhaltenstherapie bei einer Psychologin oder einem Psychologen zu empfehlen, ist vielleicht nicht die beste Idee, aber das Problem direkt anzusprechen, ist unumgänglich. Es kann sein, dass diejenigen, die Hilfe anbieten, sich von dir abwenden, dich als Egoistin und undankbar bezeichnen. Dabei ist wichtig, dass du dich immer wieder daran erinnerst, dass nicht du für ihr Glück verantwortlich bist.

Die Erkenntnis, dass du nicht für das Glück aller verantwortlich bist, kann sehr befreiend sein. 

Die Erkenntnis, dass du nicht für das Glück aller verantwortlich bist, kann sehr befreiend sein. 

Giphy

Herzlichst,
deine Sandra

Über Sandra Lutz

Als Tochter einer Japanerin und eines Schweizers ist Sandra Lutz früh mit verschiedenen Kulturen in Berührung gekommen. ​Als professionelle Balletttänzerin hat sie die ganze Welt bereist, bevor sie sich in Zürich als zertifizierter Life und Leadership Coach mit eigener Praxis niederliess.

Stell Life Coach Sandra deine persönliche Frage

Hast du auch eine Frage an Sandra Lutz? Sei es zum Aufbau von Selbstbewusstsein, Weiterkommen im Beruf oder Vertiefen von Beziehungen? Fülle das unten stehende Formular aus. Wir freuen uns! 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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