Primarlehrerin besorgt - «Meine Schülerin brach weinend zusammen, als sie zum 4. Mal in Quarantäne musste»
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Primarlehrerin besorgt «Meine Schülerin brach weinend zusammen, als sie zum 4. Mal in Quarantäne musste»

Tausende Schülerinnen und Schüler sitzen derzeit zuhause in Quarantäne. Viele Kinder hätten «Lagerkoller» und litten an psychischen Folgen, so Expertinnen und Experten.

von
Anja Zingg
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Weil drei ihrer Schülerinnen und Schüler positiv auf Corona getestet wurden, musste die ganze Klasse der Primarlehrerin M.H.* in Quarantäne. (Symbolbild)

Weil drei ihrer Schülerinnen und Schüler positiv auf Corona getestet wurden, musste die ganze Klasse der Primarlehrerin M.H.* in Quarantäne. (Symbolbild)

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Zwei Kinder seien gleich in Tränen ausgebrochen. H. ist beunruhigt: «Ich mache mir grosse Sorgen um die psychische Gesundheit meiner Schülerinnen und Schüler.» (Symbolbild)

Zwei Kinder seien gleich in Tränen ausgebrochen. H. ist beunruhigt: «Ich mache mir grosse Sorgen um die psychische Gesundheit meiner Schülerinnen und Schüler (Symbolbild)

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Die Lehrerin ist überzeugt: «Der seelische Schaden, den die Quarantäne und die Massnahmen anrichten, sind enorm und müssen in einem gesunden Verhältnis stehen.» (Symbolbild)

Die Lehrerin ist überzeugt: «Der seelische Schaden, den die Quarantäne und die Massnahmen anrichten, sind enorm und müssen in einem gesunden Verhältnis stehen.» (Symbolbild)

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Darum gehts

  • In der Schweiz befinden sich derzeit zahlreiche Schülerinnen und Schüler in Quarantäne.

  • Eine Lehrerin sorgt sich. Eine Schülerin sei zum vierten Mal in Quarantäne.

  • Auch bei Pro Juventute ist die Quarantäne für Schulkinder momentan eines der Hauptthemen, weshalb sich Eltern melden.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Schülerinnen und Schüler oder sogar ganze Klassen in Quarantäne geschickt werden. Allein in den Kantonen Aargau und Zürich sind derzeit über 2000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne.

Was das für die betroffenen Kinder bedeuten kann, schildert die Primarlehrerin M.H.* aus dem Kanton Zürich. Weil drei ihrer Schülerinnen und Schüler positiv auf Corona getestet wurden, musste die ganze Klasse in Quarantäne. «Ein Mädchen, das bereits zum vierten Mal in Quarantäne musste, wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Sie konnte sich kaum mehr beruhigen.» Auch zwei weitere Kinder seien gleich in Tränen ausgebrochen. H. ist beunruhigt: «Ich mache mir grosse Sorgen um die psychische Gesundheit meiner Schülerinnen und Schüler

Maskenpflicht und Unterricht im Freien

Die Lehrerin ist überzeugt: «Der seelische Schaden, den die Quarantäne und die Massnahmen anrichten, sind enorm und müssen in einem gesunden Verhältnis stehen.» Kinder seien keine Corona-Risikogruppe. Es sei fragwürdig, dass ganze Klassen in Quarantäne müssten, wenn nur Einzelne positiv getestet würde. «Kinder, die negativ sind, sollten unter Einhaltung erhöhter Massnahmen weiter zur Schule dürfen», fordert H. Sie könne sich zum Beispiel eine befristete Maskenpflicht, ein wiederholtes Testen oder - wenn möglich - Unterricht im Freien vorstellen.

Quarantäneregelungen unterscheiden sich

Die Quarantäneregelungen für Schülerinnen und Schüler bei einem Corona-Fall ist je nach Kanton unterschiedlich. Ob und wer in Quarantäne muss, entscheiden die jeweiligen Gesundheitsdirektionen oder das Contact Tracing, teils in Absprache mit den betroffenen Schulen. Da je nach Kanton oder gar nach Schule andere Regeln gelten, hängt es von mehreren Faktoren ab, ob eine ganze Klasse in Quarantäne muss. Zum Beispiel, wie viele Schüler positiv getestet wurden, ob die Kinder Masken trugen und ob mit Spucktests regelmässig getestet wird.


Für Pro Juventute ist es unverständlich, dass nicht weniger einschneidende Massnahmen als Quarantäne und Schulschliessungen im Vordergrund stehen. «Für die betroffenen Kinder und Eltern sind diese Massnahmen eine starke psychische Belastung»», sagt Mediensprecherin Lulzana Musliu. «Die Eltern sind frustriert, die Kinder kriegen den «Lagerkoller» und vermissen ihre Freundinnen und Freunde.» Viele Eltern verstehen nicht, dass es nach 1,5 Jahren Pandemie keine einheitlicheren und schlüssigeren Regeln für alle gibt.

Pro Juventute würde weniger einschneidende Massnahmen – wie Maskenpflicht oder Spucktests – begrüssen. «Gerade für berufstätig Eltern ist es eine Herkulesaufgabe, Job und Betreuung während der Quarantäne unter einen Hut zu bringen.» Einige Eltern ohne Homeoffice-Möglichkeiten hätten oft keine andere Wahl und liessen ihre Kinder gar alleine zu Hause, vor allem in fremdsprachigen Familien. «Wir sprechen hier von sieben- bis achtjährigen Kindern, die zum Teil den ganzen Tag ganz allein zu Hause sind.»

Leiden Kinder unter Zertifikatspflicht?

Nicht nur die Quarantäne, sondern auch die ausgeweitete Zertifikatspflicht werde vielen Kindern zu schaffen machen, glaubt Primarlehrerin M.H. «Fast 50 Prozent in der Schweiz sind ungeimpft. Das heisst, viele Eltern können nicht mehr mit ihren Kindern ins Hallenbad, in den Zoo oder ins Café, wenn sich ihre Eltern nicht testen lassen können oder wollen.» Im Fokus stünden Restaurants und Fitnesscenter. «Die Kinder aber gehen total vergessen.»

Pro Juventute begrüsst, dass Kinder unter 16 Jahren von der Zertifikatspflicht ausgenommen sind. «Wir merken in unserem täglichen Kontakt bisher nichts davon, dass sich Eltern in grossen Teilen gegen die Zertifikatspflicht stellen», so Mediensprecherin Musliu.

Ob einzelne Kinder oder ganze Klassen in Quarantäne müssen, entscheidet der jeweilige Kanton. Der Kanton Zürich verweist auf Anfrage an die aktuellen Vorgaben. Darin wird festgehalten, dass je nachdem, ob Maske getragen und Abstände eingehalten wurden, anders vorgegangen wird. Das Contact Tracing für Schulen des Kantons entscheidet, welche Massnahmen gesetzt werden.

*Name der Redaktion bekannt.

1235 Kinder im Kanton Zürich in Quarantäne

Kinder in Quarantäne

Alleine in der aargauischen Gemeinde Lenzburg befinden sich bis Donnerstag noch rund 600 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne. Dies nachdem am 22. August drei positive Tests vorlagen und in der Woche darauf weitere Fälle bekannt wurde. Im ganzen Kanton befinden sich über tausend Schülerinnen und Schüler in Quarantäne. Im Kanton Zürich haben für die aktuelle Woche 1235 Kinder zwischen vier und elf Jahren eine Quarantäneanweisung erhalten. Total besuchen in dieser Altersklasse rund 95’000 Kinder Zürcher Schulen.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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