Vater hat keinen Kontakt trotz Sorgerecht: «Meine Tochter lehnt mich ab»

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Vater hat keinen Kontakt trotz Sorgerecht«Meine Tochter lehnt mich ab»

S.* hat seine Tochter dieses Jahr noch nie gesehen. Trotz des gemeinsamen Sorgerechts sind Besuche immer seltener geworden, bis sie irgendwann gar nicht mehr stattfanden.

von
Anja Zingg
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S.* hat trotz geteiltem Sorgerecht seine Tochter dieses Jahr noch nie gesehen. (Symbolbid)

S.* hat trotz geteiltem Sorgerecht seine Tochter dieses Jahr noch nie gesehen. (Symbolbid)

KEYSTONE/Martin Ruetschi
Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung kennt Schicksale wie diese von S. «Es ist entscheidend, dass Behörden schnell reagieren. Sonst droht eine Entfremdung.»

Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung kennt Schicksale wie diese von S. «Es ist entscheidend, dass Behörden schnell reagieren. Sonst droht eine Entfremdung.»

Bild: zvg
Weiter sagt Hunziker: Die Behörden hätten die Möglichkeit, das Besuchsrecht durchzusetzen. Doch Hunzikers Ansicht nach werden mögliche Massnahmen oft zu lasch angewendet. «Dadurch kann das gemeinsame Sorgerecht zur Farce werden.» (Symbolbild)

Weiter sagt Hunziker: Die Behörden hätten die Möglichkeit, das Besuchsrecht durchzusetzen. Doch Hunzikers Ansicht nach werden mögliche Massnahmen oft zu lasch angewendet. «Dadurch kann das gemeinsame Sorgerecht zur Farce werden (Symbolbild)

KEYSTONE/DPA/A3276/_Martin Gerten

Darum gehts

  • S.* ist seit mehreren Jahren geschieden.
  • Das Sorgerecht für die Tochter teilen sich Vater und Mutter.
  • Trotzdem hat S. seine Tochter dieses Jahr noch nie gesehen.
  • Alle Versuche der Kesb, Besuche zu ermöglichen, schlugen fehl.

«Anfang Dezember 2019 habe ich meine Tochter das letzte Mal gesehen», erzählt S.* Er und seine Frau liessen sich scheiden, teilen sich aber das Sorgerecht weiterhin. «Es war ausgemacht, dass meine Tochter vier Tage im Monat bei mir verbringen wird.» Geklappt habe dies von Beginn weg nicht einwandfrei. «Das Abschiednehmen von der Mutter war immer schwierig, meine Tochter hat jedes Mal geweint.»

S. informierte sich bei der Kesb, was er tun könne, wenn Besuche nicht stattfänden. «Ich musste eine Meldung wegen Kindeswohlgefährdung einreichen. Das widerstrebte mir im ersten Moment. Ich hatte ja nie das Gefühl, dass das Wohl meiner Tochter gefährdet war.» Doch er habe den Eindruck bekommen, dass das Umfeld aufseiten der Mutter schlecht über ihn reden würde. «Meine Tochter steckte in einem Loyalitätskonflikt. Sie merkte, dass ihre Mutter nicht wollte, dass sie Zeit mit mir verbringt. Eines Tages hatte sie diese Haltung so verinnerlicht, dass sie mich ebenfalls nicht mehr sehen wollte», ist S. überzeugt. Über die Beweggründe für das Verhalten der Mutter kann er nur mutmassen: «Meine Ex-Frau hat einen neuen Partner, sie sind nun wieder eine komplette Familie. Ich störe dabei nur.»

S. ist sich bewusst, dass es immer zwei braucht für einen Konflikt. «Auch ich habe Fehler gemacht, das weiss ich. Meinem Frust auf Facebook freien Lauf zu lassen, würde ich zum Beispiel heute nicht mehr machen.»

Kesb intervenierte

Es habe zusammen mit der Kesb zahlreiche Versuche gegeben, einen regelmässigen Kontakt herzustellen, so S. «Zuerst wurde eine Besuchsrechtsbeistandschaft eingesetzt, um die Termine zu koordinieren. Das klappte mässig. Die Kesb ordnete ein begleitetes Besuchsrecht an. Ich hätte meine Tochter nur sehen dürfen, wenn eine Fachperson dabei gewesen wäre. Doch auch dort konnten Mutter und Tochter sich nicht trennen. Ein solches Treffen fand darum nie statt.» Eines Tages habe die Tochter ihm am Telefon gesagt, dass sie ihn nicht mehr sehen möchte. Sie war damals acht Jahre alt.

«Meine Tochter lehnt mich ab. Das ist schon hart.» Der letzte Versuch sei dann eine kindorientierte Mediation zwischen S. und seiner Ex-Frau gewesen. Gebracht habe alles nichts. «Von Seiten der Behörden hiess es, dass man nichts machen könne, wenn meine Tochter mich nicht sehen wolle.» Es sei eine schwierige Situation für ihn.

Trennungsberater und Selbsthilfegruppen

S. ist nicht allein mit seinem Schicksal. Immer wieder melden sich Männer und vereinzelt auch Frauen bei Oliver Hunziker, Präsident vom Verein für elterliche Verantwortung (VeV). «Wir bieten geführte Selbsthilfegruppen an, in denen Betroffene sich austauschen können. Ausserdem bilden wir Trennungsberater aus, die andere bei einer Trennung unterstützen.»

2019 gab es 12’809 unmündige Kinder aus geschiedenen Ehen. Dazu kommen noch Kinder getrennter Eltern, die nicht verheiratet waren. Ein Gros der Trennungen laufe einigermassen einvernehmlich ab, so Hunziker. «Fünf bis zehn Prozent der Trennungen sind sogenannt hochkonfliktiv.» Diese Zahl sei aber mit Vorsicht zu betrachten. «Wenn die Eltern nicht mehr streiten, weil der Vater gezwungenermassen gar keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern hat, zählt die Trennung nicht mehr zur Kategorie ‹hochkonfliktiv› – denn der Konflikt existiert ja vermeintlich nicht mehr.»

Oft gelangten Eltern erst sehr spät an ihn, so Hunziker: «Wenn Betroffene zu uns kommen, ist die Situation meist schon eskaliert.» Immer wieder melden sich Väter, weil ihre Kinder sie angeblich nicht mehr sehen wollen. «Die Väter vermuten, dass die Mutter die Sprösslinge beeinflusst hatdas zu beweisen, ist aber fast unmöglich.»

Immer wieder trifft Hunziker in seiner Beratung auf extrem verfahrene Situationen: «Wenn sich ein Elternteil querstellt, wird es für den anderen – und das ist nun mal meistens der Vater – schwierig, sein Recht durchzusetzen.» Von den Behörden wünscht er sich ein entschiedeneres Durchgreifen. Er ist überzeugt: «Der entscheidende Faktor ist Zeit. Die Behörden müssen sofort intervenieren, wenn das Besuchsrecht nicht eingehalten wird.» Nur so könne eine Entfremdung verhindert werden. Die Behörden hätten die Möglichkeit dazu, doch nach Hunzikers Ansicht werden mögliche Massnahmen oft zu lasch angewendet. «Dadurch kann das gemeinsame Sorgerecht zur Farce werden.»

«Ich kämpfe nicht mehr darum, sie zu sehen»

S. sagt, er sei im Reinen mit der Situation. «Ich kämpfe nicht mehr darum, meine Tochter um jeden Preis zu sehen. Ich möchte ihr diesen Konflikt ersparen.» Hoffnung habe er trotzdem noch. «Ich werde immer für meine Tochter da sein. Egal, ob das heute, morgen oder erst in ein paar Jahren ist.» Das Allerwichtigste für ihn sei, dass seine Tochter glücklich ist. «Ich hoffe sehr, dass das, was gewesen war, bei ihr keine Spuren hinterlässt.»

*vollständiger Name der Redaktion bekannt

«Kinder im Blick»

Ein Kurs für Eltern in Trennung

«Verletzung, Wut und Enttäuschung können Eltern daran hindern, weg von der Partnerschaft hin zum elterlichen Arbeitsteam zu kommen», so Anna Amstutz von Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Im Elternkurs «Kinder im Blick» würden Teilnehmende beim Rollenwechsel unterstützt. «Wichtig sind auch Kommunikationsstrategien, um mit dem Ex-Partner respektvoll umzugehen.» Laut Amstutz, die selber auch Kurse leitet, eignet sich der Kurs auch für hochkonflikthafte Elternpaare: «Die beiden Elternteile besuchen nie den gleichen Kurs, sondern einen Parallelkurs.» Die Psychologin betont, dass für Kinder der Kontakt zu beiden Elternteilen wichtig sei. «Um einen Loyalitätskonflikt beim Kind zu vermeiden, sollten Eltern nicht schlecht über den anderen Elternteil sprechen. Der Kontakt zum anderen Elternteil soll gefördert werden.» Bei gemeinsamen Kindern sei eine Distanzierung nach der Trennung schwierig. «Als Eltern bleiben die getrennten Personen miteinander verbunden.»

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