Topmodel Larissa Kiassumbua spricht über das Synchronschwimmen

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Larissa Kiassumbua «Meine Trainerin drückte mich zusammen und mein Rücken knackste mega laut»

Ende Juni ging ein Beben durch die Schweizer Sportwelt. Synchronschwimmerinnen berichteten von Missbräuchen und einem Klima der Angst. Davon kann auch das heutige Topmodel Larissa Kiassumbua berichten. 

von
Nils Hänggi
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Larissa Kiassumbua machte insgesamt elf Jahre lang Synchronschwimmen.

Larissa Kiassumbua machte insgesamt elf Jahre lang Synchronschwimmen.

20 min/Ela Çelik
Sie erzählt: «Ich habe nie mehr eine Sportart gefunden, die ich so faszinierend finde. Nie mehr eine, auf die ich mich so fokussieren konnte und die mir wirklich Spass gemacht hat – weder Fitness noch sonst was.»

Sie erzählt: «Ich habe nie mehr eine Sportart gefunden, die ich so faszinierend finde. Nie mehr eine, auf die ich mich so fokussieren konnte und die mir wirklich Spass gemacht hat – weder Fitness noch sonst was.»

20 min/Ela Çelik
Sie spricht aber auch von den harten Trainings und sagt: «Oft ging ich weinend nach Hause und sagte, dass ich nicht mehr will. Ich war auch häufig sehr müde.»

Sie spricht aber auch von den harten Trainings und sagt: «Oft ging ich weinend nach Hause und sagte, dass ich nicht mehr will. Ich war auch häufig sehr müde.»

20 min/Ela Çelik

Darum gehts

  • Vor ein paar Wochen packten mehrere Synchronschwimmerinnen aus. 

  • Sie sprachen über Erniedrigungen, Beschimpfungen, anzügliche Bemerkungen und gewaltsames Dehnen.

  • 20 Minuten hat mit Larissa Kiassumbua gesprochen. 

  • Das erfolgreiche Model hat als Kind Synchronschwimmen gemacht und verletzte sich im Training. 

Larissa Kiassumbua (25), was haben Sie gedacht, als Sie von den Missbräuchen im Schweizer Synchronschwimmen gehört haben?

Es ist krass, was hinter verschlossenen Türen abgeht. Ich hörte mit dem Sport wegen einer Verletzung auf, die im Training passierte. Ich dachte, ich bin ein Einzelfall. Durch die Recherche habe ich gesehen: Ich bin nicht alleine. Andere hat es genauso schlimm oder noch schlimmer getroffen. 

Sie machten insgesamt elf Jahre lang Synchronschwimmen, heute sind Sie ein erfolgreiches Model. 

Ja, ich begann, als ich sieben Jahre alt war. Ich besuchte das Kinderschwimmen und alle dort gingen danach ins Synchronschwimmen. Und daher wollte ich das auch machen. Ich war wirklich ein ganz kleines Mädchen. 

Was verbinden Sie mit dem Sport?

Ich habe nie mehr eine Sportart gefunden, die ich so faszinierend finde. Nie mehr eine, auf die ich mich so fokussieren konnte und die mir wirklich Spass gemacht hat – weder Fitness noch sonst was. Aber es war wirklich eine sehr harte Zeit neben der Schule. Jeden Tag nach dem Unterricht ins Training, am Wochenende dann Wettkämpfe. Es war sehr streng. 

Sie klingen fasziniert. 

Ja. Es gibt keine Sportart, in der so viele Dinge gleichzeitig trainiert werden. Man trainiert den Kopf, jede Kür muss man sich merken und auf die Sekunde die richtige Bewegung machen. Gleichzeitig ist man im Wasser, muss ewig die Luft anhalten. Es ist auch einfach ein sehr, sehr schöner Sport, der unterschätzt wird. 

Wie haben Sie als Kind die harten Trainings erlebt?

Oft ging ich weinend nach Hause und sagte, dass ich nicht mehr will. Ich war auch häufig sehr müde. Immer nach der Schule direkt ins Training, abends dann erst um neun, halb zehn daheim sein – das war anstrengend. Zu Hause musste ich als Erstes meine Haare wegen des Chlors waschen, Badezeugs aufhängen und dann noch die blöden Hausaufgaben machen. Und das Tag für Tag. 

20 Minuten traf Larissa Kiassumbua am Zürichsee. Die 25-Jährige sprach über ihre Zeit als Synchronschwimmerin. 

20 Minuten traf Larissa Kiassumbua am Zürichsee. Die 25-Jährige sprach über ihre Zeit als Synchronschwimmerin. 

20 min/Ela Çelik

Und wenn man keine Lust hatte?

Manchmal ging ich gerne in die Trainings, manchmal nicht. Als das Thema mit der Periode kam, musste man trotzdem hingehen. Klar, es ist kein Thema, das man an die grosse Glocke hängen wollte, die Trainer hat es aber sowieso nicht interessiert. Ihnen war es komplett egal, wie es einem ging. Wenn man krank war, erwarteten sie trotzdem, dass man kam. Und selber wusste man: Wenn man nicht ins Training geht, machen sie ohne einen weiter. 

Wie haben Ihre Eltern reagiert, wenn Sie mit Tränen heimkamen? 

Für mein Mami war es sehr schwer. Auch weil sie wusste, dass ich nie wirklich die Zeit hatte, Kind zu sein. 

Haben Sie schon als Kind realisiert, dass die Trainings hart waren?

Das kam erst, als ich nicht mehr hinging. Ich machte es einfach gerne und wollte es durchziehen – egal wie streng es war. Als ich aufhörte, fiel ich in ein Loch. Ich machte so viel Sport und dann nicht mehr. An den Wochenenden hatte ich plötzlich frei. Ich war im Zwiespalt. Einerseits vermisste ich schnell den Sport, andererseits war ich nur froh, ihn nicht mehr machen zu müssen. 

Am Anfang erwähnten Sie eine Verletzung im Training. Was ist passiert? 

Ich habe die Brücke trainiert. Beim Synchronschwimmen ist es das Ziel, dass sich bei der Übung die Hände und die Füsse berühren. Mir fehlten nicht mehr viele Zentimeter und meine Trainerin hatte die Idee, mich zusammenzudrücken. Mein Rücken knackste mega laut. Ich konnte mich nicht mehr richtig bewegen, ging sofort zum Arzt. Ich musste jahrelang in die Physiotherapie, um meine Rückenmuskulatur wieder zu stärken. Doch sie ist nie wieder so zurückgekommen, wie sie mal war. Eine genaue Diagnose gab es trotz zig MRI nie. 

Hat sich die Trainerin entschuldigt?

Meine Trainerin glaubte mir nicht, dass sie schuld an der Verletzung war. Auch, als ich mit Arztzeugnis kam, interessierte sie das nicht. Es war ein Schock und beeinflusste meine Zukunft enorm. Ich wollte Kleinkindererzieherin werden. Weil ich aber seither keine schweren Dinge heben und nicht zu lange stehen kann, zerplatzte dieser Traum. Und ich merke auch jetzt noch als Model bei langen Fotoshootings die Rückenverletzung. Dass sie sich nie entschuldigte, verletzte mich unglaublich. 

Denken Sie manchmal an den Unfall zurück?

Immer wenn ich die Rückenschmerzen spüre, denke ich ans Synchronschwimmen. Auch wenn mich jemand fragt, woher ich so eine Figur habe, sage ich: Ich habe in den prägenden Jahren Synchronschwimmen gemacht. Ich denke sicherlich noch öfters an den Unfall und den Sport zurück, als ich auch zugebe. 

Ich höre bei Ihnen den Zwiespalt: Man liebt eine Sportart, man leidet aber auch. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Durchbeissen. Wenn man etwas liebt, muss man manchmal leiden. Selbst bei einem Traumjob ist es doch so, dass man den nicht jeden Tag gerne macht. Es braucht Trainer, die einen pushen, sonst kommt man nicht weiter. Man muss leiden für den Erfolg. Was nicht sein darf: ein schmerzhaftes Leiden, wie wenn eine Trainerin einen zusammendrückt oder schlägt. 

Wie es bei Ihnen passiert ist. 

Ja. Auch erinnere ich mich an ein Mädchen, das ihre Tage hatte. Ihr lief das Blut im Training die Beine herab, ihr war es mega unangenehm. Der Trainerin war es jedoch egal. So etwas darf einfach nicht sein. 

Würden Sie denn nochmals mit dem Synchronschwimmen anfangen? 

Ja. Es ist eine Sportart, die ich einfach sehr schön finde. Ich schaue mir jetzt noch oft Wettbewerbe an. Von oben sieht es immer so leicht aus, man sieht nur Beine oder Hände. All das, was unter der Oberfläche geschieht, sieht man gar nicht immer. Ich finde den Sport einfach wirklich faszinierend. Auch habe ich durch ihn gelernt, nicht zu schnell aufzugeben.

Und Ihrem Kind würden Sie es auch erlauben?

Ich habe schon vor diesem Interview mit meinem Mann darüber gesprochen und unser zukünftiges Kind soll den Sport machen, den es gerne machen will. Wir sind aber nicht traurig, wenn es nicht Synchronschwimmen ist.

Würdest du dein Kind ins Synchronschwimmen schicken?

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