Strafgericht BL - «Meine Wohnung war eine Drogenhölle»
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Strafgericht BL«Meine Wohnung war eine Drogenhölle»

Am Mittwoch musste sich ein 46-Jähriger vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Er hatte in einer Familienwohnung Personen mit einer Waffe bedroht. Nun droht ihm die Ausschaffung wegen Drogendelikten.

von
Steve Last
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Im Juni 2020 kam es in Birsfelden BL zu einem Grosseinsatz der Polizei. Ein Mann hatte sich in seiner Wohnung verschanzt, nachdem er in einem anderen Stock Personen mit einer Waffe bedroht hatte.

Im Juni 2020 kam es in Birsfelden BL zu einem Grosseinsatz der Polizei. Ein Mann hatte sich in seiner Wohnung verschanzt, nachdem er in einem anderen Stock Personen mit einer Waffe bedroht hatte.

20min/News-Scout
Die Durchsuchung seiner Wohnung brachte nicht nur die Tatwaffe zum Vorschein, sondern auch Drogen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmässigen Drogenhandel vor.

Die Durchsuchung seiner Wohnung brachte nicht nur die Tatwaffe zum Vorschein, sondern auch Drogen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmässigen Drogenhandel vor.

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Dafür droht dem 46-jährigen vietnamesischen Staatsangehörigen ein Landesverweis.

Dafür droht dem 46-jährigen vietnamesischen Staatsangehörigen ein Landesverweis.

Kanton BL/Tom Bisig

Darum gehts

  • Einem 46-jährigen vietnamesischen Staatsangehörigen droht der Landesverweis.

  • Er war im Drogenwahn in eine Wohnung geplatzt und hatte mit einer Waffe Menschen bedroht.

  • Dafür dürfte er wegen Schuldunfähgikeit straffrei davonkommen.

  • Bei ihm wurden aber viele Drogen und Hinweise auf Handel im grossen Stil entdeckt.

«Ich bin in ein Loch gefallen. Mir war alles egal», sagte der Beschuldigte 46-Jährige am Mittwoch vor Gericht. Er beschrieb so eine Zeit von drei Monaten im Jahr 2020, als er sich massivem Kokainkonsum hingab. Die Drogen verursachten bei ihm paranoide Psychosen. Darum drang er bewaffnet in eine Familienwohnung ein und bedrohte dort drei Personen – unter ihnen ein zweijähriges Mädchen.

Danach verschanzte er sich in seiner Wohnung, konnte aber ohne Gewalt von der Polizei in Gewahrsam genommen werden. Für die Aktion wird er aber nicht bestraft. Laut einem Gutachten war er wegen des Kokains nicht urteilsfähig. Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren sich an der Verhandlung einig, dass der Mann im Wahn handelte und somit schuldunfähig ist.

Dennoch drohen dem vietnamesischen Staatsangehörigen, der seit 42 Jahren in der Schweiz lebt, eine langjährige Freiheitsstrafe und ein Landesverweis. Denn die Anklage geht davon aus, dass er nicht nur Drogen konsumiert, sondern auch verkauft hat. Dabei sollen mehrere hunderttausend Franken geflossen sein.

Dealer oder Hardcore-Konsument?

Für die Staatsanwaltschaft ist klar, dass der Beschuldigte Marihuana und Kokain «im grossen Stil» in Umlauf brachte. Dazu zählt sie auch Anstaltentreffen – also Deals vorbereiten, zu denen es gar nie kam. Das Ausmass und die Gesundheitsgefährdung seien ausreichend, um einen Landesverweis zu rechtfertigen. Dieser wurde auch für sieben Jahre beantragt, zu vollziehen nach einer geforderten unbedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Der Beschuldigte rechtfertigte die Drogenmengen mit Eigenkonsum – etwa drei Gramm Kokain pro Tag. Verkauft habe er nie. Grössere Bestellungen habe er zusammenen mit anderen Konsumenten für den Mengenrabatt getätigt. Sein Verteidiger versuchte zudem, die Anklageschrift auszuhebeln: Weil in mehreren Fällen von Kokain die Rede war, verlangte er Freisprüche, weil die Substanz nicht nachgewiesen worden sei. Für das eingestandene Anstaltentreffen forderte er für seinen Mandanten eine bedingte Freiheitsstrafe von sieben Monaten.

Seit 13 in Kontakt mit harten Drogen

Gegen eine Ausschaffung wehrte sich die Verteidigung jedoch. In seinem Plädoyer zeichnete der Anwalt des Beschuldigten das Bild eines von einem harten Leben gezeichneten Mannes. «Er kam im Alter von vier Jahren als Flüchtling in die Schweiz», sagte er. Er habe seine Jugend in verschiedenen Heimen verbracht und sei schon im Alter von 13 Jahren in Kontakt mit harten Drogen gekommen.

«Dass er sich überhaupt beruflich etablieren konnte, ohne jemals staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist ihm hoch anzurechnen», so der Verteidiger weiter. Zudem seien seine Familie und seine langjährige Lebenspartnerin in der Schweiz. Erst die vorübergehende Trennung von letzterer habe seinen Absturz eingeleitet und zu einem «desolaten Zustand» geführt. «Meine Wohnung war eine Drogenhölle», sagte der Beschuldigte.

Hohe Rückfallgefahr

Laut seinem Anwalt leistet er «grosse Anstrengungen», um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass die stationäre Therapie seines Mandanten fortgeführt und bald in eine ambulante Massnahme übersetzt wird.

Eine Gutachterin warnte vor Gericht jedoch davor, den Mann zu früh aus dem geschützten Umfeld zu lösen: «Er zeigt einen positiven Verlauf – aber mit vielen Fragezeichen», sagte sie. Er habe nur wenig kriminelle Energie, aber die Drogen könnten ihn wieder in einen Wahnzustand versetzen. Und Rückfälle seien bei so langem Kontakt mit Substanzen nicht unwahrscheinlich. Vielmehr müsse verhindert werden, dass er wieder anfängt, regelmässig grosse Mengen zu nehmen.

Die Urteilsverkündung ist für Donnerstag, 11 Uhr angesetzt.

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