«Time-out»: Meisterliches Erstrahlen oder ein Strohfeuer?
Aktualisiert

«Time-out»Meisterliches Erstrahlen oder ein Strohfeuer?

Der SC Bern hat in Kloten zwanzig Minuten lang meisterlich gespielt.
Steigt aus den Irrungen und Wirrungen der Qualifikation ein Meisterteam empor wie der Phoenix aus der Asche?

Die SCB-Spielern feiern ihren Sieg beim ersten Playoff-Viertelfinalspiel.

Die SCB-Spielern feiern ihren Sieg beim ersten Playoff-Viertelfinalspiel.

Was wäre gewesen, wenn Generalfeldmarschall Blücher in Waterloo ein paar Minuten zu spät gekommen wäre? Napoleon hätte gesiegt und die Weltgeschichte wäre ab 1814 anders verlaufen. Manchmal zeigt sich im Rückblick, dass der Lauf der Geschichte und das Schicksal von Millionen Menschen in ein paar Minuten verändert worden ist. Manchmal zeigt sich im Rückblick, dass eine Playoffserie in einer einzigen Szene entschieden worden ist. Dass ein paar Sekunden alles verändert haben.

Die 40. Minute in der Partie zwischen den Kloten Flyers und dem SC Bern könnte so eine Szene werden: Der Schuss von Verteidiger Eric Blum prallt vom Pfosten zurück. Es wäre das 3:1, die Entscheidung und mit ziemlicher Sicherheit der Anfang vom Ende des SC Bern in den Playoffs 2012 gewesen.

Die Zweifel des SCB

Der SCB hat diese Partie willig, aber unsicher begonnen und mit meisterlicher Selbstsicherheit beendet. Die Berner wussten von allem Anfang an, dass sie das Potenzial zum Sieg haben, und dass es im ersten Spiel am ehesten gelingt, einen Favoriten auswärts zu packen. Aber sie wussten nicht, ob sie auch dazu in der Lage sein würden, ihr Potenzial umzusetzen. Sie zweifelten.

Die Kloten Flyers brauchten eine gute halbe Stunde, um ihr Spiel zu justieren und zu beschleunigen. Erst in den zweiten zehn Minuten des Mitteldrittels flogen sie endlich übers Eis. In dieser Phase hätten sie das Spiel entscheiden können, ja entscheiden müssen. Die Berner bogen sich unter dem Druck. Aber sie brachen nicht. Weil eben Eric Blum nur den Pfosten traf. Nach zwei Dritteln stand es «nur» 2:1 für Kloten. Wie sich zeigen sollte, zu wenig.

Ein entscheidender Wechsel

«Ich habe in der zweiten Pause keine Reden gehalten», sagte SCB-Trainer Antti Törmänen zur Wende im Schlussabschnitt. «In unserer Mannschaft stehen genug Routiniers, um solche Situationen zu meistern. Die Spieler haben sich selber zusammengerauft.» Der Trainer trug mit einem kleinen Wechsel aber auch noch etwas zum Gelingen bei. Er steckte den hüftsteifen Caryl Neuenschwander (verursachte zwei Strafen, die Kloten zu den beiden Toren nützte) unter die Wolldecke und brachte den bissigen, schnellen Tristan Scherwey. Das beschleunigte das Spiel.

Im letzten Drittel erlebten die Klotener erst staunend und dann ratlos die Auferstehung des SC Bern. Mit einem mutigen, manchmal gar wilden Forechecking (Störarbeit) brachten die Berner die schöne, grosse Hockeymaschine der Kloten Flyers zum Stehen. Sie dominierten den letzten Spielabschnitt nach Belieben. Zwei der drei Tore erzielte Thomas Déruns. Er war nicht mehr ganz sicher, wann er zuletzt getroffen hatte. «War es hier in Kloten?», fragte er unsicher. Ja, es war hier in Kloten. Am 3. Dezember 2011. Die lange Durststrecke des Powerstürmers ist auch deshalb zu Ende gegangen, weil Antti Törmänen ganz am Schluss der Qualifikation die richtige Mischung gefunden hat: Thomas Déruns stürmt jetzt neben Ryan Gardner und dem schlauen, schnellen, frechen und kreativen Joel Vermin.

Ganz offensichtlich raufen sich die Berner zusammen. Vielleicht, aber nur vielleicht, haben ja die Irrungen und Wirrungen und Krisen in der Qualifikation und das schmähliche 1:4 im letzten Qualifikationspiel die letzten Reste der Arroganz und der Selbstüberschätzung ausgetrieben. Es ist möglich (aber noch nicht sicher) dass die Mannschaft im Laufe einer bisweilen recht chaotischen Qualifikation näher zusammengerückt ist.

Mögliche SCB-Szenarien

Wie geht es nun weiter? Das hängt ganz davon ab, welchen SCB wir in den folgenden Spielen sehen werden.

- Der SCB des ersten Drittels wäre gerade gut genug, um die Kerze der Hoffnung auf ein Weiterkommen am Brennen zu halten.

- Der SCB des zweiten Drittels wäre völlig chancenlos und würde die Serie verlieren.

- Der SCB des dritten Drittels aber gibt Anlass zu spektakulären Hoffnungen. Wenn der SCB drei Drittel lang so wild, leidenschaftlich, wuchtig und kaltblütig rockt und rollt wie im Schlussabschnitt dieser ersten Partie, dann steht einer Halbfinalqualifikation nichts mehr im Wege. Ja, dann ist auch der Titel möglich. Die Frage, die über den Ausgang dieser Meisterschaft entscheidet: Haben wir im letzten Drittel in Kloten ein meisterliches SCB-Wetterleuchten gesehen oder bloss ein SCB-Strohfeuer?

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