Jugendgewalt in Zürich – «Meldungen zu brutalen Angriffen gehören mittlerweile zur Normalität»
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Jugendgewalt in Zürich «Meldungen zu brutalen Angriffen gehören mittlerweile zur Normalität»

In Zürich vergeht kaum ein Wochenende, ohne eine blutige Auseinandersetzung. Jungpolitiker und ein Experte sprechen sich für mehr Prävention aus.

von
Monira Djurdjevic
Lynn Sachs
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Der 53-jährige D. wurde am Wochenende im Kreis 4 spitalreif geprügelt. 

Der 53-jährige D. wurde am Wochenende im Kreis 4 spitalreif geprügelt.

Privat
Er hatte mehrere Jugendliche ermahnt, nicht vor seinem Laden zu randalieren.

Er hatte mehrere Jugendliche ermahnt, nicht vor seinem Laden zu randalieren.

20min/amu
Im Oktober wurden beim Bahnhof Stadelhofen ein 19- und ein 20-jähriger Mann mit einer Stichwaffe schwer verletzt. Die Polizei nahm vier Personen fest.

Im Oktober wurden beim Bahnhof Stadelhofen ein 19- und ein 20-jähriger Mann mit einer Stichwaffe schwer verletzt. Die Polizei nahm vier Personen fest.

20min/News-Scout

Darum gehts

  • Seit 2015 steigt im Kanton Zürich die Jugendgewalt an.

  • Jungpolitikerin Camille Lothe fordert eine Nulltoleranz gegenüber Waffen im Ausgang.

  • Laut dem Zürcher Sicherheitsdepartement werden illegale Waffen bei Polizeikontrollen konsequent sichergestellt.

Erst am Freitagabend wurde der 53-jährige D.* im Kreis 4 spitalreif geprügelt. Er hatte mehrere Jugendliche ermahnt, nicht vor seinem Laden zu randalieren. Das Wochenende zuvor wurde bei einem Streit zwischen mehreren Personen an der Langstrasse ein 15-Jähriger mit einer Stichwaffe verletzt. Im Oktober wurden beim Bahnhof Stadelhofen ein 19- und ein 20-jähriger Mann mit einer Stichwaffe schwer verletzt. Die Polizei nahm vier Personen fest.

«Die aktuelle Situation ist erschreckend», sagt Camillie Lothe, Präsidentin der Jungen SVP Kanton Zürich. «Meldungen zu brutalen Angriffen gehören mittlerweile zur Normalität.» Dabei sei eine gewisse Systematik zu erkennen: Tatorte seien häufig neuralgische Punkte, wie das Utoquai oder die Langstrasse und die Verbrechen werden Nachts verübt. Mit der vorübergehenden Kameraüberwachung beim Sechseläutenplatz und einer verstärkten Polizeipräsenz seien bereits erste wichtige Schritte gemacht geworden.

Ein grundlegendes Problem aber bleibe: «Bei den Tätern handelt es sich meistens um junge Ausländer mit fragwürdigen Männlichkeitsvorstellungen. Es geht darum, wer der krässere Typ ist», sagt Lothe. Vor allem die neue Faszination für Stichwaffen gehöre schon fast zum Lifestyle und verlange eine öffentliche Auseinandersetzung. «Es braucht eine Nulltoleranz gegenüber Waffen im Ausgang.»

«Gewalt muss verhindert werden, bevor sie entsteht»

Laut Luis Deplazes, Präsident der Jungfreisinnigen Kanton Zürich, müsste man die Einstellung der Jugendlichen an der Wurzel packen und unter anderem Aufklärungsarbeit in der Schule leisten. «Das kann beispielsweise durch den Besuch eines Polizisten oder eines ehemals Kriminellen geschehen.» Dafür müsse die Politik mehr Ressourcen bereitstellen und die dafür nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Auch härtere Strafen könnten laut Deplazes angemessen sein: «Vor allem bei Wiederholungstätern oder Vorbestraften.»

Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), sieht das anders. «Gesetzliche Veränderungen, wie unter anderem härtere Strafen, könnten die Probleme nur noch mehr verschärfen und sind nachweislich nicht hilfreich.» Er plädiert für mehr Präventionsarbeit. «Sinnvoll wäre es, wenn möglichst viel Präventionsarbeit in den Schulen einen Platz findet und dort zusammen von Lehrerschaft, Elternschaft, Schulsozialarbeit und Polizei durchgeführt wird.»

Ähnlich sieht es Anna-Béatrice Schmaltz, Vorstandsmitglied bei den Jungen Grünen Zürich. «Gewalt muss verhindert werden, bevor sie entsteht.» Jugendliche zu überwachen, hält sie nicht für sinnvoll. «Wir müssen die Sorgen und Probleme von Jugendlichen ernst nehmen. Es braucht mehr Angebote und Räume, wo sich Jugendliche treffen können und auch in Kontakt mit Sozialarbeitenden kommen.»

«Videokameras sind weder verhältnismässig noch notwendig»

Laut dem Sicherheitsdepartement werde das Thema Gewalt präventiv durch die Schulinstruktorinnen und -instruktoren der Stadtpolizei in den Schulen ab der vierten Klasse behandelt. Zudem seien gerade Waffen und gefährliche Gegenstände schon seit mehreren Jahren ein Thema bei der Polizeiarbeit. «Die Stadtpolizei Zürich hat die Polizistinnen und Polizisten an der Front sensibilisiert, bei Kontrollen vermehrt auch auf verbotene Gegenstände zu achten und zu kontrollieren», sagt Sprecher Robert Soos.

Dafür sei auch eine Webapplikation entwickelt worden, mit der die Polizeiangehörigen auf der Strasse in kurzer Zeit bestimmen können, ob es sich bei mitgeführten Waffen um verbotene oder legale Waffen handelt. Laut Soos werden verbotene Waffen dabei konsequent sichergestellt. Legale «Waffen» wie beispielsweise Sackmesser stelle man je nach Situation präventiv sicher.

Die Lage rund um das Zürcher Seebecken hat sich laut Soos aufgrund des deutlich erhöhten Personaleinsatzes sowie des Einsatzes von Videoüberwachung merklich beruhigt. «Die Kameras sowie die zusätzlichen Lichtquellen, die situationsbedingt eingeschaltet wurden, hatten eine präventive Wirkung.» Die Bilder hätten in mehreren Strafverfahren erfolgreich als Beweismittel hinzugezogen werden können. Einen flächendeckenden Einsatz von Kameras sowie einen an neuralgischen Punkten halte man aber weder für verhältnismässig noch für notwendig.

*Name der Redaktion bekannt

Jugendgewalt in Zürich

Seit 2015 steigt im Kanton Zürich die Jugendgewalt an. Wie die Kantonspolizei Zürich am Dienstag mitteilte, will man der Jugendkriminalität mit gezielten Massnahmen im Bereich der Prävention und Repression entgegengetreten. Für eine Präventionskampagne wurde unter anderem die Internetseite no-front.ch lanciert. Das Ziel ist es, die Jugendlichen auf unkomplizierte Art und Weise für diverse Problematiken zu sensibilisieren. Zudem möchte man ihnen nützliche Informationen zu den rechtlichen Bestimmungen vermitteln und mögliche Konsequenzen aufzeigen.

Auch die Oberjugendanwaltschaft teilte dieses Jahr mit, dass man dem kontinuierlichen Anstieg nun noch konsequenter begegnen will. Gewaltdelikte werde man künftig mit erhöhter Priorität behandeln. Zudem werden verschiedene Massnahmen wie Kontakt- und Rayonverbote oder Electronic Monitoring verstärkt geprüft. Laut der Opferberatung Zürich sollte in Notsituationen unbedingt die Polizei gerufen werden. Die Polizei sei dazu da, die betroffenen Personen in der akuten Situation zu schützen. Nach der konkreten Gewalterfahrung sei den Betroffenen dringend anzuraten, Hilfe anzunehmen und sich an eine Opferberatungsstelle zu wenden. Die Opferberatung Zürich bietet per anonymer Chat-Beratung ganz unkompliziert Unterstützung an. Von Montag bis Freitag zwischen zwölf und 18 Uhr kann man mit ausgebildeten Fachleuten chatten. Zum Chat.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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