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«TV total»Mensch Stefan, bist du langweilig geworden!

Witzig, frech, manchmal sogar richtig gut: «TV total» war dank Stefan Raab einst ein originelles Fernsehereignis. Davon ist die Show mittlerweile Lichtjahre entfernt.

von
Yves Schott

Montagabend, 20. April, kurz nach 23 Uhr: «TV total» meldet sich nach einem längeren Unterbruch aus der Osterpause zurück. Stefan Raab trägt blaue Jeans, ein weisses Hemd und ein schwarzes Sakko. Er wirkt frisch. Seine Gags sind weniger berauschend.

Es geht zunächst um den Blitz-Rücktritt von Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. «Er hat sich nach 38 Jahren wohl gesagt: Kassenpatienten behandle ich nicht mehr.» Im Publikum lachen nur wenige. Nun, es kommt noch schlimmer: Raab imitiert den Akzent von Trainer Pep Guardiola. Als niemand reagiert, schiebt er nach: «Ich habe es so gesagt, wie es Pep Guardiola sagen würde.»

Er war mal lustig

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Mann, dem Ende der Neunziger- respektive Anfang der Zweitausender-Jahre nichts und niemand heilig war, der so viele mit seiner Dreistigkeit begeisterte, muss seine Zuschauer mittlerweile darüber aufklären, dass er soeben versucht hat, lustig zu sein.

Dabei war der gelernte Metzger einst der Schrecken der deutschen TV-Landschaft: Er bastelte aus einem einzigen Wort einen Nummer-eins-Hit («Maschendrahtzaun»), machte sich wochenlang über den Namen von Model Lisa Loch lustig und stellte Britney Spears mit seinem «Raabigramm» vor aller Öffentlichkeit bloss.

Quoten sind im Keller

Was ist von dieser Unverfrorenheit übrig geblieben? Offensichtlich nicht mehr viel. «Wer über anderthalb Jahrzehnte viermal pro Woche vor das Publikum tritt, der erleidet irgendwann ein kreatives Burn-out», erklärt Medienexperte Lutz Frühbrodt Raabs fahriges Auftreten. Anders gesagt: Der 48-Jährige und damit auch «TV total» sind in die Jahre gekommen. Einschalten tun nur noch wenige.

Das belegen auch die Quoten: Sassen im Jahr 2000 im Schnitt über 3,2 Millionen Menschen vor dem Fernseher, wenn Raab seinen Unfug trieb, lagen die Werte Anfang September 2014 noch bei mickrigen 0,7 Millionen.

Natürlich, die Medienwelt hat sich seit dem Start von «TV total» 1999 massiv verändert: Lustige Videoclips, wie sie im ersten Teil der Sendung nach wie vor eingespielt werden, findet man heute millionenfach im Internet. Zudem wird die Show seit 2008 erst ab 23.15 Uhr ausgestrahlt – auch viele eingefleischte Raab-Fans dürften zu dieser Zeit schon im Bett liegen.

«Ein liebloses Stück Fernsehschrott»

Dennoch: «TV total» hat viel von seiner früheren Anziehungskraft verloren. Damals, vor 16 Jahren, sei es ein «äusserst innovatives Fernsehformat» gewesen, meint Frühbrodt. «Eine Form der Medienkritik, die nicht mit der hochgezogenen Augenbraue der Intellektuellen aus dem Feuilleton daherkam. Dieser Ansatz hat sich über die Jahre verbraucht und in den vergangenen Jahren nie eine wirkliche Frischzellenkur erfahren. ‹TV total› hat allenfalls ein paar dramaturgische Botoxspritzen bekommen.»

Die Show gehört zwar nach wie vor zu den Aushängeschildern von ProSieben. Sendungen wie die «heute-show» (ZDF) oder «extra 3» (NDR) haben «TV total» jedoch längst den Rang abgelaufen. «Ein lieblos produziertes Stück Fernsehschrott» sei es geworden, kommentierte der «Spiegel» unlängst.

Medienexperte Frühbrodt rät Raab, so schnell wie möglich die Konsequenzen zu ziehen. «Er merkt offenbar nicht, dass Quantität nicht mit Qualität gleichzusetzen ist. Wenn er so clever ist, wie er immer tut, sollte er es schnell Jürgen Klopp nachtun.» Dieser gibt sein Amt als Trainer von Borussia Dortmund bald ab. Freiwillig.

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