Flüchtlingsdrama: «Menschen ertrinken oder erfrieren direkt vor uns»

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Flüchtlingsdrama«Menschen ertrinken oder erfrieren direkt vor uns»

Die Szenen, die sich zurzeit im Mittelmeer abspielen, sind schwer zu ertragen. Auch Retter und Seeleute sind am Limit.

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cfr
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219'000 Menschen flohen laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35'000. Dabei kamen im laufenden Jahr bereits 1600 Menschen ums Leben.

219'000 Menschen flohen laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35'000. Dabei kamen im laufenden Jahr bereits 1600 Menschen ums Leben.

Die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer sind kaum zu ertragen. Im Bild: Mit letzter Kraft - und der Hilfe von Anwohnern - bringen sich Menschen am 20. April 2015 auf der griechischen Insel Rhodos in Sicherheit.

Die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer sind kaum zu ertragen. Im Bild: Mit letzter Kraft - und der Hilfe von Anwohnern - bringen sich Menschen am 20. April 2015 auf der griechischen Insel Rhodos in Sicherheit.

AFP/Argiris Mantikos
Selbst professionelle Rettungskräfte kommen in solchen Situationen an ihre Grenzen.

Selbst professionelle Rettungskräfte kommen in solchen Situationen an ihre Grenzen.

Keystone/AP/Argiris Mantikos

«Wir hielten uns an den Toten fest, nahmen die letzte Kraft zusammen und schrien ein letztes Mal», erzählte ein Überlebender. Er und 26 andere Menschen haben es lebend vom Flüchtlingsschiff geschafft, das am Samstagabend vor der libyschen Küste sank. Bis zu 800 Menschen starben vermutlich in den Fluten – die meisten von ihnen waren unter Deck eingesperrt.

«Wir waren zusammengepfercht wie Mäuse», sagt ein 23-jähriger Bangladescher, den Rettungskräfte ins sizilianische Catania ausgeflogen haben. «Viele wurden in den Laderaum unter Deck gezwängt und eingeschlossen», berichtet er. Unter Deck werden laut Aussagen von Migranten oft diejenigen gehalten, die am wenigsten Geld haben – darunter viele Frauen und Kinder. Im Schiffsbug haben sie kaum Essen, kein Wasser, kein WC, sie atmen Treibstoffdämpfe und Abgase ein.

Küstenwache: «Das ist ein biblischer Exodus»

Überfüllte Flüchtlingsboote, Mütter, Kinder und Männer auf kaputten Schiffsplanken: Die Szenen belasten auch die Rettungskräfte. «Wir sind erschöpft, wir sind mit einem wahren Ansturm konfrontiert und am Ende unserer Kräfte», sagte der Kommandant der italienischen Hafenbehörden, Admiral Felicio Angrisano.

Täglich seien 2000 Personen auf See und am Festland im Einsatz, um die Flüchtlinge zu versorgen. Marine, Küstenwache und Hafenbehörden seien seit Wochen unter Druck, so Angrisano. «Wir sind mit einem biblischen Exodus konfrontiert», sagte der Admiral im Gespräch mit der römischen Tageszeitung «La Repubblica».

Seeleute: «Sie erfroren innert Minuten an Bord»

Neben offiziellen Rettern stehen auch Seeleute unter Druck: So etwa der Hamburger Reeder Christopher E. O. Opielok, der ein kleines Unternehmen mit fünf Schiffen betreibt – zwei davon werden im Mittelmeer als Versorgerschiffe für Öl- und Gasplattformen eingesetzt. Immer wieder ziehen seine Seeleute Flüchtlinge aus dem Wasser. «Unsere Besatzungen sehen die Menschen sterben, sie ertrinken vor ihren Augen», sagt Opielok der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Die Schiffe seien nicht dazu geeignet, Menschen zu retten, fügt er hinzu. Oft seien zwölf Mann Besatzung an Bord, die dann Hunderte Flüchtlinge aufnehmen. «Manche Flüchtlinge erfrieren innert Minuten an Deck, nachdem sie unterkühlt aus dem Wasser gezogen wurden», so der Reeder.

Er habe bereits mehrere Kündigungen bekommen, sagte Opielok zum «Spiegel»: «Die Seeleute leiden nicht nur unter der psychischen Belastung, sie begeben sich auch in Lebensgefahr. Manche Flüchtlinge sind aggressiv, es ist ungewiss, ob einige an schweren Krankheiten leiden. Die Ansteckungsgefahr ist da, auch wenn die Matrosen Handschuhe und Atemschutzmasken tragen.»

Sommaruga: «Fast nicht zum Aushalten»

Selbst Menschen, die nur indirekt mit dem Elend der Flüchtlinge konfrontiert sind, leiden unter den Tragödien. «Die Vorstellung, dass es im Moment für mich keine Lösung gibt, ist unerträglich, fast nicht zum Aushalten», sagte etwa Bundesrätin Simonetta Sommaruga gegenüber «SRF Fokus». «Ich würde alles dafür tun, wenn ich wüsste, was man machen müsste, um das zu stoppen.»

«Ich versuche zu pendeln zwischen: Was sind die Ursachen für die Flucht – das ist Krieg, eine riesige Not vieler Menschen. Und: Was können wir tun?», so Sommaruga. Viele Menschen würden verführt, auf eine Reise zu gehen, die sie nicht überleben – zu Hunderten, zu Tausenden. Daraus gebe es eine neue Verantwortung für die Schweiz und für ganz Europa. «Wir müssen unseren Beitrag leisten», ist Sommaruga überzeugt.

Wie dieser Beitrag aussehen soll? «Wir müssen zusammen mit Europa schauen, wie wir die Schlepperei stoppen können. Was gibt es für Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge – und den Transitstaaten wie Libyen und Ägypten?» Auch national müsse gehandelt werden. «Es ist zwar ein Tropfen auf den heissen Stein, aber immerhin: Der Bundesrat hat vor kurzem beschlossen, in den nächsten drei Jahren 3000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Das sind Frauen, Kinder und Kranke, die in einem Flüchtlingslager nicht mehr überleben können.»

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