Aktualisiert 26.10.2019 17:30

England

Anklage gegen LKW-Fahrer (25) erhoben

Nach dem Fund von 39 Leichen in einem Lastwagen-Sattelauflieger nahe London werden immer neue Details zu den Ermittlungen bekannt. Jetzt wird der Fahrer angeklagt.

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Im Inneren des LKW wurden einem Medienbericht zufolge blutige Handabdrücke entdeckt. Die Opfer hatten wohl mit den Fäusten gegen die Türen gehämmert.

Im Inneren des LKW wurden einem Medienbericht zufolge blutige Handabdrücke entdeckt. Die Opfer hatten wohl mit den Fäusten gegen die Türen gehämmert.

Hannah Mckay
Befindet sich die 26-jährige Pham Thi Tra My unter den Toten im LKW aus Essex? Die Familie der jungen Vietnamesin hatte Stunden vor dem Leichenfund eine Nachricht erhalten. «Es tut mir leid, Mama. Meine Reise ins Ausland ist missglückt. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.»

Befindet sich die 26-jährige Pham Thi Tra My unter den Toten im LKW aus Essex? Die Familie der jungen Vietnamesin hatte Stunden vor dem Leichenfund eine Nachricht erhalten. «Es tut mir leid, Mama. Meine Reise ins Ausland ist missglückt. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.»

Familie Tra My
Die Familie gibt an, umgerechnet etwa 38000 Franken an Schleppern bezahlt zu haben für die Überseefahrt der 26-Jährigen. Die Vietnamesin reist mit einem gefälschten chinesischen Pass.

Die Familie gibt an, umgerechnet etwa 38000 Franken an Schleppern bezahlt zu haben für die Überseefahrt der 26-Jährigen. Die Vietnamesin reist mit einem gefälschten chinesischen Pass.

Familie Tra My

Nach dem Fund von 39 Toten in einem Kühllastwagen in der Nähe von London soll sich der nordirische Fahrer wegen Totschlags, Menschenhandels und Geldwäscherei verantworten.

Wie die britische Polizei am Samstag mitteilte, wird dem 25-Jährigen Totschlag in 39 Fällen zur Last gelegt. Drei weitere Verdächtige sitzen derzeit in Untersuchungshaft.

Die britische Polizei hatte am Freitagabend die vierte Festnahme in dem Fall gemeldet. Es handelt sich um einen 48-jährigen Mann aus Nordirland. Ein bereits wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Verschwörung zum Menschenhandel in Gewahrsam genommenes Paar stritt jegliche Beteiligung an der Tat ab.

Der Lastwagen soll der 38-jährigen Frau gehört haben, die ihn nach Medienberichten jedoch vor mehr als einem Jahr an eine irische Firma verkauft haben will.

Die 39 Leichen waren am Mittwochmorgen in einem Industriegebiet in der Grafschaft Essex östlich von London in einem Lkw-Kühlcontainer entdeckt worden. Kurz nach dem Leichenfund wurde der Fahrer festgenommen.

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Beim Fahrer handelt es sich um den 25-Jährigen Mo Robinson aus Nordirland.

Beim Fahrer handelt es sich um den 25-Jährigen Mo Robinson aus Nordirland.

Facebook
Er soll für ein LKW-Unternehmen aus Irland tätig sein.

Er soll für ein LKW-Unternehmen aus Irland tätig sein.

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Robinson nannte sein Gefährt «Polar Express».

Robinson nannte sein Gefährt «Polar Express».

Bis jetzt ist unklar, ob der Lastwagenfahrer überhaupt wusste, dass Menschen im Anhänger waren. Die Ermittler wollten den Mann weiter verhören, hiess es. Der «Evening Standard» berichtet, dass der Mann in Ohnmacht gefallen sei, als er den Anhänger öffnete. Dies, nachdem er die Rettungskräfte verständigt hatte.

Die Eltern des 25-Jährigen sind Medienberichten zufolge von Nordirland nach England geflogen, um ihren Sohn zu unterstützen. Nachbarn der Eltern zeigten sich überrascht von der Festnahme, wie der «Belfast Telegraph» am Donnerstag berichtete. Die Familie sei angesehen im Dorf Laurelvale und der Fahrer habe alle paar Wochen seine Eltern besucht. Die Partnerin des Mannes soll schwanger sein.

Drei Häuser wurden in der Nacht zum Donnerstag im britischen Nordirland durchsucht, teilte die Polizei mit. Auch die belgischen Behörden ermitteln. «Die Ermittlungen werden sich auf die Organisatoren und alle anderen Beteiligten des Transports fokussieren», teilte die belgische Staatsanwaltschaft mit.

Bei den zwei weiteren verhafteten Tatverdächtigen handle es sich um einen 38 Jahre alten Mann und eine Frau gleichen Alters. Ihnen würden Menschenhandel in 39 Fällen sowie Totschlag in 39 Fällen vorgeworfen, teilte die Polizei am Freitag mit.

Im Kühlcontainer über den Ärmelkanal

Vor 19 Jahren entdeckte die Polizei 58 tote Chinesen in einem Lastwagen-Anhänger im englischen Hafen von Dover. Die Menschen waren in dem verschlossenen, defekten Kühlcontainer während der Fährfahrt über den Ärmelkanal erstickt; nur zwei überlebten. Wegen der qualvollen Hitze hatten sich die Opfer ihre Kleider vom Leib gerissen.

Der vorbestrafte Chef einer niederländisch-türkischen Schlepperbande kam mit zehneinhalb Jahren Haft davon. Die Schlepper hätten, so das Urteil, ihre Opfer nicht bewusst in den Tod getrieben.

Auflieger kam aus Belgien

Nach Angaben der Polizei kam im aktuellen Fall die Zugmaschine des Lastwagens per Fähre am Sonntag aus Irland im walisischen Holyhead an. Der Sattelauflieger kam aus Belgien per Schiff und erreichte in der Nacht zum Mittwoch den englischen Hafen Purfleet.

Etwa eine halbe Stunde später verliess der Lkw samt Auflieger den Hafen. Etwa um 2.40 Uhr MESZ berichteten Rettungskräfte der Polizei, dass sie 39 Tote in einem Anhänger in einem Industriegebiet in Grays gefunden hatten. Die Polizei machte noch keine Angaben dazu, wo und zu welchem Zeitpunkt die Menschen in den Anhänger gekommen sind.

Gemeldet war der Lkw seit 2017 in der bulgarischen Hafenstadt Warna am Schwarzen Meer, wie Bulgariens Ministerpräsident Boiko Borissow sagte. Seitdem sei das Fahrzeug nicht mehr im Land gewesen. Laut einem Frachtverband ist dies aus Steuergründen nicht unüblich.

«Bösartige Verachtung für menschliches Leben»

«39 Menschen in einen verschlossenen Metallcontainer zu pferchen zeigt eine Verachtung für menschliches Leben, die bösartig ist», sagte die britische Parlamentsabgeordnete Jackie Doyle-Price im Unterhaus. «Die Übeltäter ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen ist das Beste, was wir in Gedenken an diese Opfer tun können.»

Nur Stunden nach dem Leichenfund in der Grafschaft Essex stoppte die Polizei im benachbarten Kent einen Lastwagen mit neun Flüchtlingen im Laderaum. Der Lkw war auf der Autobahn Richtung London unterwegs, als die Polizei alarmiert wurde. Die Flüchtlinge sollten medizinisch untersucht und an die Einwanderungsbehörden überstellt werden. (sda)

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