Aktualisiert 04.07.2019 07:58

Sterbehelferin vor Gericht

«Menschen sollen so sterben, wie sie möchten»

Die Ärztin Erika Preisig erfüllte einer depressiven Seniorin, die chronisch unter Schmerzen litt, ihren Sterbewunsch. Jetzt steht sie wegen vorsätzlicher Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht.

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lha/las
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Die Ärztin Erika Preisig muss sich am Mittwoch vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Angeklagt ist sie wegen vorsätzlicher Tötung.

Die Ärztin Erika Preisig muss sich am Mittwoch vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Angeklagt ist sie wegen vorsätzlicher Tötung.

epa/Ronald Wittek
Laut Staatsanwaltschaft soll sie einer Frau beim Suizid geholfen haben, die aufgrund von psychischen Erkrankungen nicht urteilsfähig war. Der begleitete Freitod fand im Juni 2016, ärztlich überwacht, in einem Sterbezimmer in Liestal statt.

Laut Staatsanwaltschaft soll sie einer Frau beim Suizid geholfen haben, die aufgrund von psychischen Erkrankungen nicht urteilsfähig war. Der begleitete Freitod fand im Juni 2016, ärztlich überwacht, in einem Sterbezimmer in Liestal statt.

Keystone
Das Schlafmittel Natrium-Pentobarbital wurde von der Sterbewilligen eingenommen. Hier aufgenommen bei der Sterbehilforganisation Exit in Zürich.

Das Schlafmittel Natrium-Pentobarbital wurde von der Sterbewilligen eingenommen. Hier aufgenommen bei der Sterbehilforganisation Exit in Zürich.

Keystone/Alessandro Della Bella

Die Baselbieter Sterbehelferin Erika Preisig muss sich vor dem Baselbieter Strafgericht wegen vorsätzlicher Tötung verantworten. Im Juni 2016 begleitete sie eine 66-Jährige in den Tod, nachdem sie mit Preisigs Freitodbegleitungs-Organisation «Eternal Spirit» in Kontakt getreten war und den Wunsch äusserte, zu sterben.

Die 66-Jährige öffnete an jenem Tag im Juni selbst die Handvenen-Infusion mit der tödlichen Dosis des Schlafmittels Natrium-Pentobarbital: Um 9.40 Uhr verstarb sie in einem Sterbezimmer, in einem Liestaler Gewerbegebiet.

Es ist ein Präzendenzfall. Noch nie hatte ein Gericht bis jetzt beurteilt, wann Menschen mit einer psychischen Erkrankung Sterbehilfe in Anspruch nehmen dürfen. Das Gesetz hat diese Frage bislang nicht geregelt.

Das wirft ihr die Anklage vor

Die Staatsanwaltschaft wirft Preisig vor, den Sterbewunsch der Patientin erfüllt zu haben, obwohl Zweifel an deren Urteilsfähigkeit bestanden. Preisig hatte sich zwar um ein Gutachten bemüht, fand aber keinen Psychiater oder Neurologen, der die Frau beurteilt hätte. Trotzdem wollte sie ihr die Freitodbegleitung nicht verwehren. «Sie verwendete die urteilsunfähige Patientin in höchstpersönlichem Idealismus als schuldloses Tatwerkzeug», heisst es in der Anklage.

Sie stützt sich dabei auf ein Gutachten des forensischen Psychiaters Professor Marc Graf von der Basler Universitäts-Pschiatrie. Aufgrund ihrer Patientenakten kam er zum Schluss, dass die depressive Seniorin nicht mehr urteilsfähig war.

Das sagt die Beschuldigte

«Ich wusste, dass es eine schwierige Situation ist», sagte Preisig am Dienstag vor Gericht. Sie habe aber nie an der Urteilsfähigkeit ihrer Patientin gezweifelt. Um ein entsprechendes Gutachten hatte sie sich offenbar intensiv bemüht. «Ich habe 300 Fachärzte angeschrieben. Die Antworten waren negativ bis feindselig.» Sie habe sich dann entschieden das rechtliche Risiko einzugehen und der Frau die Hilfe nicht zu verweigern. Nichts hätte zudem auf eine schwere Depression bei der Frau hingewiesen.

In den drei Jahren, in denen sie sich vergeblich um ein Gutachten bemühte, hätte ihre Sterbehilfe-Organisation fünf Personen durch «harten Suizid» verloren. Preisig wollte dann nicht mehr länger warten und einen sechsten solchen Fall riskieren. «Wenn Menschen sterben, sollten sie das zu Hause tun, und zwar so wie sie möchten, statt dafür in die Schweiz fliegen zu müssen», entgegnete sie dem Vorwurf des Gerichtspräsidenten Christoph Spindler, aus missionarischem Eifer gehandelt zu haben.

Preisigs Organisation Eternal Spirit begleitete letztes Jahr auch den Australier David Goodall in den Tod. Der 104-jährige reiste dafür eigens in die Schweiz.

Das sagen die Zeugen

Ein erfahrener Pfleger, der sich acht Monate lang um die Frau kümmerte, berichtet von unerträglichen, chronischen Schmerzen, an denen die Seniorin litt. «Sie war Stammgast im Spital, ging von Arzt zu Arzt», sagte er vor Gericht. Keine Therapie habe ihr Leid gelindert. «Hundert Mal hat sie gesagt, dass sie mit diesen Schmerzen nicht weiterleben will. Der Tod war für sie eine Erlösung.» Als sie den Termin bei Eternal Spirit bekam, habe sie entspannt gewirkt. «Sie wusste ganz genau, was sie will und was nicht.»

Auch Forensiker Marc Graf sagte in der Befragung, dass sie sich der Endgültigkeit ihrer Entscheidung bewusst war.

Gerichtspräsident Spindler hielt ebenfalls fest, dass auch mental angeschlagene Personen das Grundrecht haben, über ihr Leben und ihren Tod zu entscheiden. Aber war die Frau noch urteilsfähig? Graf, der sich in seinem Gutachten auf die Patienenakten stützt, war das nicht.

Der Psychiater des Altersheims, in dem die Verstorbene zuletzt wohnte, sah keinen Hinweis auf eine Urteilsunfähigkeit bei der Seniorin. Sie sei klar im Kopf gewesen trotz ihrer Symptome.

Die Plädoyers von Anklage und Verteidigung folgen am Donnerstag 4. Juli. Die Urteilsverkündung des Baselbieter Strafgerichts ist auf den 9. Juli angesetzt.

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