08.04.2020 11:33

Coronavirus in Brasilien

«Menschen werden Supermärkte plündern»

Die Corona-Krise hat die grössten Armenviertel Brasiliens erreicht. Dass die Ärmsten im Land die Quarantäne einhalten, ist völlig unrealistisch.

von
K. Leuthold
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Brasiliens Armenviertel wie etwa Paraísopolis (im Bild) in São Paulo sind vor der Ausbreitung des Coronavirus schutzlos.

Brasiliens Armenviertel wie etwa Paraísopolis (im Bild) in São Paulo sind vor der Ausbreitung des Coronavirus schutzlos.

Andre Penner
Kein Wunder: Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hielt Covid-19 bis vor kurzem für ein  «Grippchen».

Kein Wunder: Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hielt Covid-19 bis vor kurzem für ein «Grippchen».

Adriano Machado
Was der Staat nicht tut, tun nun die Drogenbanden, die die Favelas kontrollieren. Am Eingang zu Rios grösster Favela, Rocinha, hängt ein Plakat: «Bleibt zu Hause!»

Was der Staat nicht tut, tun nun die Drogenbanden, die die Favelas kontrollieren. Am Eingang zu Rios grösster Favela, Rocinha, hängt ein Plakat: «Bleibt zu Hause!»

Silvia Izquierdo

Das Coronavirus verursache nichts weiteres als «ein Grippchen», die Brasilianer sollten normal weiterleben, um die Wirtschaft in Gang zu halten – Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro stellte sich zu Beginn der internationalen Corona-Krise gegen die Prognosen der Weltgesundheitsorganisation.

Erst Anfang April legte er in seiner Haltung zur Pandemie eine Kehrtwende hin und sprach plötzlich von «der grössten Herausforderung unserer Generation». Doch inzwischen sind in seinem Land knapp 14'000 Menschen an Covid-19 erkrankt. Bislang starben über 660 Menschen an den Folgen der Lungenkrankheit.

Die Corona-Krise kommt erst noch

Der Coronavirus-Höhepunkt steht aber dem südamerikanischen Land erst bevor. Experten gehen von einem Peak Ende April oder Mitte Mai aus. Am schwersten könnte die Pandemie die Armenviertel, die Favelas, von Rio de Janeiro und São Paulo treffen.

In der grössten Favela Rios, Rocinha, wurden in den letzten Tagen mehrere Krankheitsfälle gemeldet. Laut «UOL» wird auch in Cidade de Deus, Parada de Lucas, Vidigal, Mangueira und Complexo do Alemão vor einem dramatischen Anstieg von Corona-Infizierten gewarnt. Insgesamt leben 1,5 Millionen Menschen in den Favelas von Rio – das sind mehr als 22 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung.

Gangs übernehmen die Rolle des Staates

Angesichts wachsender Befürchtungen über die Auswirkungen der Krise auf die Ärmsten – und aufgrund der Untätigkeit des Präsidenten – haben die Drogenbanden, die Rios Favelas kontrollieren, eine Ausgangssperre in den Armenvierteln verhängt.

In Cidade de Deus und Rocinha patrouillieren kriminelle Gangs die Strassen, um sicherzustellen, dass die Bewohner ab 20 Uhr zu Hause bleiben. In einem Video, das in sozialen Medien zirkuliert, ist zu hören, wie Gangmitglieder mit Lautsprechern durch die Gegend ziehen und die Menschen warnen: «Wir verhängen eine Ausgangssperre, weil niemand die Sache ernst nimmt. Am besten bleibt ihr zu Hause und entspannt euch.» Zum Schluss noch eine Drohung: «Wer abends draussen spielt oder herumläuft, wird bestraft.»

«Die Banden tun das, weil der Staat abwesend ist. Die Behörden nehmen uns gar nicht wahr», sagte ein älterer Mann zum Portal«Extra».

«Wenn ich zu Hause bleibe, verhungere ich»

Doch das mit dem Zuhausebleiben ist in dieser Situation völlig unrealistisch: Laut einer Statistik des Instituts Data Favela arbeiten 47 Prozent der Favela-Bewohner selbstständig, die meisten sind Taglöhner. Die 39-jährige Edith fasst die Lage folgendermassen zusammen: «Wenn ich nicht arbeite, verdiene ich kein Geld. Wenn ich mein Haus nicht verlasse, gebe ich meinen Kindern kein Essen.»

Renato Meirelles, Leiter von Data Favela, zeichnet ein düsteres Szenario: «Hungrige Menschen ohne finanzielle Unterstützung, das könnte hier sehr schlimm enden. Diese Leute werden Supermärkte plündern, um zu essen. Wir sind davon überzeugt», sagte er zu «Noticias R7».

«Das ist schon seltsam», philosophiert der 67-jährige Vinicius Magalhães, «das Virus haben die Reichsten der Welt zu uns gebracht und jetzt sind die Ärmsten in Gefahr.» Er selber gehe seiner Tätigkeit als Sonnenbrillenverkäufer auf den Strassen im schicken Leblon weiterhin nach. «Was kann ich tun, ausser zu arbeiten? Wenn ich zu Hause bleibe, verhungere ich.»

Ein eigenes Ärzteteam, um Favela-Bewohner zu betreuen

In Paraisópolis, der grössten Favela der Metropole São Paulo, hat eine Bürgervereinigung ebenfalls den Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus selber in die Hand genommen: Die Gruppe, geleitet vom ehemaligen Profifussballer Emerson Barata, hat für die kommenden 30 Tagen ein privates Ärzteteam für die Favela-Bewohner organisiert: drei Ambulanzen, zwei Ärzte und zwei Krankenpfleger, die rund um die Uhr den Infizierten zu Verfügung stehen.

Barata glaubt nicht, dass der Staat die Corona-Patienten von Paraisópolis auffangen wird. In einem Gespräch mit «O Globo» sagt er: «Die Favelas werden unter dieser Krise am meisten leiden. Diejenigen, die schon immer von den Behörden vergessen wurden, werden jetzt ganz verschwinden.»

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