Schlappe für Staatsanwalt: Menschenhändler kommen davon
Aktualisiert

Schlappe für StaatsanwaltMenschenhändler kommen davon

Laut Staatsanwaltschaft haben ungarische Zuhälter im Zürcher Milieu Menschenhandel betrieben. Vor Gericht brach die Anklage mangels Verwertbarkeit sämtlicher Zeugenaussagen in sich zusammen.

von
Attila Szenogrady

Es war am 13. Juni 2006, als die Polizeibeamten im Zürcher Rotlicht-Milieu zuschlugen und in einem einschlägig bekannten Hotel mehrere Personen verhafteten. Darunter auch einen ungarischen Koch und einen ehemaligen Schauspieler aus Siebenbürgen. Beide Männer standen unter dem dringenden Tatverdacht, an einem Menschenhandel mitten in Zürich beteiligt gewesen zu sein. Sowohl der heute 32-jährige Gastronom als auch der in Rumänien geborene Receptionist (40) verschwanden für mehrere Monate in Untersuchungshaft.

Auch Menschenhandel eingeklagt

Im letzten November standen beide Männer vor dem Bezirksgericht Zürich. Der Hauptvorwurf richtete sich gegen den Koch: Ihm wurden mehrfache Gehilfenschaft zu Menschenhandel, mehrfache Förderung der Prostitution, versuchte Erpressung, Ausnützung der Notlage und weitere Delikte angelastet. Der Strafantrag der zuständigen Staatsanwältin Silvia Steiner lautete auf 24 Monate bedingt sowie 1000 Franken Busse. Beim zweiten Angeklagten verlangte sie wegen Förderung der Prostitution eine bedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten.

Umstrittene Rollen

Laut Steiner war der Koch zwischen Januar 2003 und Juni 2006 an der Einfuhr von zehn ungarischen Frauen nach Zürich beteiligt. Hier wurden die Opfer unter Druck gesetzt und in die Prostitution gezwungen. Gemäss Anklage war dabei ein magyarischer Chef der Organisation der eigentliche Drahtzieher. Er wurde inzwischen auch verhaftet und sitzt heute in Ungarn im Gefängnis.

Die Verteidiger forderten hingegen Freisprüche und erklärten, dass die angeblichen Beweise der Anklagebehörde auf reinen Vermutungen basierten. Der Koch sei im schlimmsten Fall ein Handlager des Chefs gewesen. Ohne jegliche Entscheidungsfunktion. Die Anwälte kritisierten auch die vorwiegend in Ungarn durchgeführten Einvernahmen von Prostituierten, welche mit den Angeklagten nicht einmal konfrontiert worden seien.

Alle Zeugenaussagen nicht verwertbar

Wie aus dem nun eröffneten Urteil hervorgeht, hat die Staatsanwaltschaft eine böse Schlappe erlitten. So hat das Gericht sämtliche Zeugenaussagen der angeblichen Geschädigten für nicht verwertbar erklärt. So sind mit einer Ausnahme alle Prostituierten in Ungarn befragt worden. Womit die Verteidigerrechte der Angeklagten verletzt worden seien, befand das Gericht. Laut Urteil konnten sie weder den Einvernahmen beiwohnen noch Ergänzungsfragen stellen, steht im Entscheid. Auch die einzige in Zürich durchgeführte Befragung einer Ungarin stufte das Gericht als nicht verwertbar ein. So sei die Frau nicht mit den Angeschuldigten direkt konfrontiert worden.

Nur bedingte Geldstrafen

So wurden beide Angeklagten von den Hauptvorwürfen freigesprochen. Sie wurden lediglich wegen Widerhandlungen gegen das Ausländergesetz ins Recht gefasst und zu bedingten Geldstrafen verurteilt. Der ungarische Koch erhielt 60 Tagessätze zu 80 Franken. Zudem wegen Konsums von Marihuana eine Busse von 200 Franken. Sein Komplize erhielt 60 Tagessätze zu 40 Franken. Dem ungarischen Angeklagten wurde für die zu Unrecht erlittene Haft von 178 Tagen eine Genugtuung von 12 000 Franken zugesprochen. Zudem soll der Kanton Zürich für den grössten Teil der Gerichts- und Verfahrenskosten von insgesamt über 121 000 Franken aufkommen.

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