Tschetschenien: Menschenrechtlerin von Präsident ermordet?
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TschetschenienMenschenrechtlerin von Präsident ermordet?

Hinter der Ermordung der russischen Aktivistin Natalja Estemirowa soll der Kreml-treue tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow stecken. Diesen Vorwurf erhebt die Menschenrechtsorganisation Memorial.

von
pbl

Memorial-Chef Oleg Orlow erinnerte daran, dass Kadyrow Estemirowa «beleidigt» und als «seine persönliche Feindin» bezeichnet habe. «Wir wissen nicht, ob er selbst den Befehl gegeben hat oder einer seiner engen Vertrauten, um ihm zu gefallen», hiess es in einer Erklärung der Organisation. Kadyrow hatte die Tat zuvor als «unmenschlich» verurteilt und betont, er werde «keine Kosten scheuen», um die Mörder zu finden.

Ramsan Kadyrow habe Estemirowa zu einem persönlichen Gespräch zitiert, nachdem sie im März 2008 die Einführung des Kopftuchzwangs für Frauen in Tschetschenien kritisiert hatte, sagte Memorial-Vizedirektorin Tatjana Kasatkina der «New York Times». Dabei habe er sie dermassen bedroht, dass sie für einige Monate verreist sei. Kasatkina zeigte sich überzeugt, dass Kadyrow hinter der Ermordung steckt: «Damit hat er den Menschenrechtlern eine Botschaft gesandt: 'Ich werde euch nicht tolerieren'.»

Natalja Estemirowa sei am Mittwoch in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny von vier Männern in ein Auto gezerrt worden, sagte Oleg Orlow der Agentur AP. Augenzeugen hätten gehört, dass Estemirowa gerufen habe, sie werde entführt. Ihre Leiche wurde in einem Strassengraben in Inguschetien, der Nachbarrepublik Tschetschenien, gefunden. Eine Sprecherin des inguschetischen Innenministeriums sagte, Estemirowas Leiche weise zwei Schusswunden am Kopf aus, die aus nächster Nähe zugefügt worden seien.

Menschenrechtler fordern Anklage Putins

Die Ermordung der Menschenrechtsaktivistin fand nur wenige Stunden nach einer Medienkonferenz in Moskau statt. Verschiedene Organisationen legten dabei einen 600 Seiten starken Bericht vor, demzufolge in den tschetschenischen Kriegen 484 Menschen ohne Gerichtsverfahren erschossen und 465 weitere in Massakern an Kontrollposten umgebracht wurden. Es scheint der erste umfassende Versuch zu sein, Daten und Fakten über Gräueltaten beider Seiten vorzulegen und zu analysieren.

Auf der Pressekonferenz forderten die Menschenrechtler, Ministerpräsident Wladimir Putin und andere führende russische Politiker vor einem internationalen Strafgericht anzuklagen. Putin war bereits 1999 Regierungschef. Das von ihm befohlene brutale Vorgehen der Streitkräfte im zweiten Tschetschenienkrieg gilt als ein Grund seiner grossen Popularität während seiner achtjährigen Präsidentschaft.

«Dinge getan, die sonst niemand zu tun wagte»

Natalja Estemirowa, alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter, hatte seit 1999 Daten über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien gesammelt. «Sie hat die schrecklichsten Verstösse, Massenhinrichtungen, dokumentiert», sagte Tatjana Lokschina von Human Rights Watch der AP. «Sie war ein Schlüsselkontakt für ausländische Journalisten und internationale Organisationen. Sie hat Dinge getan, die sonst niemand zu tun wagte.»

Mehrere Kollegen und Kolleginnen, mit denen sie zusammenarbeitete, wurden bereits getötet: Die Journalistin Anna Politkowskaja 2006 und der Anwalt Stanislaw Markelow im Januar. Die Menschenrechtsanwältin Karina Moskalenko sagte, es habe wegen des am Mittwoch vorgelegten Berichts indirekte Drohungen gegeben. Man habe sie gefragt: «Warum wollt ihr diese Wunden offenlegen?»

Medwedew ordnet Ermittlungen an

Der russische Präsident Dmitri Medwedew äusserte sein Beileid und ordnete Ermittlungen an. Estemirowas Tot stehe offenbar in Zusammenhang mit ihrer Arbeit, erklärte eine Sprecherin des Staatschefs. Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft forderte eine rasche Aufklärung. «Selbstverständlich verurteilen wir diese brutale Tat, und wir rufen die Behörden auf, zu versuchen herauszufinden, wer verantwortlich ist», sagte Schwedens Aussenminister Carl Bildt in Strassburg vor den Medien. (pbl/sda/dapd)

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