Sonisphere: Metal, Matsch und Mäusebisse
Aktualisiert

SonisphereMetal, Matsch und Mäusebisse

Am grössten Metal-Festival der Schweiz herrschte das nackte Chaos: Dauerregen, Schlamm und Ratten trübten das Festivalerlebnis. Wer weg wollte, musste für sein Auto erst Lösegeld zahlen.

von
Annette Hirschberg

Wucherpreise verlangten die Bauern, die die Autos aus der Wiese zogen.

Sintflutartige Regenfälle, Kälte und tausende Besucher: Diese Kombination führte am Sonisphere-Festival vom Wochenende offenbar zu ganz schwierigen Bedingungen. Trotz guten Auftritten der derzeit grössten Metal-Legenden im kleinen Jonschwil SG überlaufen zahlreiche Internet-Foren im Moment mit empörten Beiträgen über die Schlammschlacht und die schlechte Organisation des Festivals. Eine eigens gegründete Facebook-Gruppe schimpft über die Abzockerei am Sonisphere.

Auch 20 Minuten Online bekam mehrere wutentbrannte Zuschriften. «Die Veranstaltung war eine reine Zumutung», findet etwa Festival-Besucher Christian Engweiler. Auf dem gesamten Gelände sei man durch den Matsch gelaufen. «Nirgends wurden Heu, Stroh oder Holzschnitzel ausgelegt.» Selbst auf Hauptwegen hätten Platten oder Matten gefehlt.

Stundenlanges Warten

Möglichkeiten, sich zu setzen habe es gar keine gegeben. «Man war gezwungen den ganzen Tag im Matsch zu stehen.» Vom langen Stehen und Laufen im tiefen Schlamm seien die Leute erschöpft gewesen. Darum seien unzählige der Länge nach in den knöcheltiefen Schlamm gefallen, so ein weiterer Leser.

Auch Festival-Gänger Stephan Weber geht mit den Organisatoren hart ins Gericht. «Die Wartezeiten an den Eingängen betrugen mehrere Stunden, weil ein grosser Teil der Eingangsstrassen wegen dem Wasser geschlossen war.» Besonders die Sicherheitsvorkehrungen seien katastrophal gewesen: «Die Notausgänge wurden zugesperrt und die Exit-Schilder entfernt, weil immer wieder verzweifelte und verletzte Fans versuchten, das Areal über diese Ausgänge zu verlassen.»

Viele Ratten- und Mäusebisse

Nur schlecht funktionierten die Verpflegung und der Nachschub an Getränken. «Nach dem dritten Lied von Metallica gab es kein Bier mehr», schreibt eine 20-Minuten-Leserin. Am Freitagmorgen mussten Besucher eine Stunde warten, bis es etwas zu essen und zu trinken gab, weil offenbar niemand bereit war.

Auch das Angebot und der Zustand der sanitären Anlagen waren schlecht: «Auf dem Camping-Areal gab es nicht einmal Toiletten», schreibt ein Besucher in einem Blog. Ein anderer vermeldet, die Toi-Toi–Toiletten seien innert kürzester Zeit völlig verdreckt und unbrauchbar gewesen. Die Gemeinde Jonschwil schreibt auf ihrer Seite zudem, dass relativ viele Festival-Besucher wegen des aufgeweichten Geländes von Ratten oder Mäusen gebissen wurden.

Wucher auf dem Parkplatz

Besonders verärgert sind aber die Autofahrer: Nachdem die meisten 20 Franken für einen Stellplatz auf der Wiese zahlen mussten, kam das dicke Ende nach dem Festival: Kaum ein Lenker schaffte es, den morastigen Platz aus eigener Kraft zu verlassen.

Einige Bauern zogen darum die Automobilisten mit ihren Traktoren aus dem Schlamm und verlangten für die Dienstleistung saftige Gebühren. «Da wir nicht mehr so viele Franken in bar dabei hatten, knöpfte der Bauer uns 50 Euro ab!», schreibt etwa ein User im Metal Hammer Forum. Noch teurer kam die Abschlepp-Aktion Adrian Erdin zu stehen. Fünf Stunden wartete er, bis ein Traktor für ihn frei war. Dennoch musste er nach dem langen Warten für das Abschleppen auch noch tief in die Tasche greifen: «Zum Sonderangebot von 100.- Fr., was will man mehr?!», meint er ironisch auf Facebook.

Vom massiven Regen überrascht

Der Veranstalter Free & Virgin nimmt die Kritik entgegen. «Wir lesen jede Zuschrift und sind dabei, die Situation zu analysieren», sagt Stefan Matthey, Chef von Mitorganisator Free & Virgin. Derzeit seien aber die Aufräumarbeiten noch wichtiger als die Aufarbeitung der Organisation. Das Festivalgelände sei in einem katastrophalen Zustand. «Wir brauchen derzeit jeden Einzelnen, um der Situation Herr zu werden», so Matthey. Zur Organisation will er derzeit nur so viel sagen: «Wir waren die ganze Zeit mit Meteorologen in Kontakt. Dass uns nicht Regen, sondern Sturzbäche vom Himmel drohten, wussten wir wenige Stunden vor Festivalbeginn», so Matthey.

Feuerwehr und Zivilschutz im Einsatz

Der Krisenstab, der während des Festival alle drei Stunden tagte, entschied sich mehrere Lastwagenladungen Wasser und Schlamm absaugen zu lassen. Die Wellenbrecher vor der Bühne mussten tiefer im morastigen Boden verankert werden, um dem Druck der Zuschauermassen Stand zu halten. Die rund 500 Einsatzkräfte für Sicherheit und Verkehr wurden durch die Feuerwehr und den Zivilschutz verstärkt. Aber auch sie konnten nichts mehr an der prekären Lage auf dem Gelände ändern.

Bereits im Eingangsbereich erwarteten die Besucher Schlammseen. «Es sind zu wenig Bodenplatten gelegt worden», sagte der Jonschwiler Gemeindepräsident und OK-Mitglied Stefan Frei am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Auch der Verkehr rund um Jonschwil kollabierte. Bereits am Freitagmorgen kam es zu Rückstaus.

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