Unterschätzte Gefahr: Meteorologen warnen vor Hitzewellen in Europa
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Unterschätzte GefahrMeteorologen warnen vor Hitzewellen in Europa

Bessere Vorhersagen sollen die Menschen vor den Folgen extremer Wetterereignisse schützen. Diese würden unterschätzt, glauben Experten.

von
ij
Die letzte grosse Hitzewelle: Im August 2015 suchten Schweizer auch in Flims Abkühlung.

Die letzte grosse Hitzewelle: Im August 2015 suchten Schweizer auch in Flims Abkühlung.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Meteorologen wollen extreme Wetterereignisse wie eine Sturmfront früher vorhersagen als bisher. Mit früheren Prognosen könne auch früher gewarnt werden, etwa vor der bisher zu wenig beachteten Gefahr von Hitzewellen in Europa.

«Diese werden in Zukunft wesentlich häufiger kommen. Bisher hat man aber übersehen, wie empfindlich die Bevölkerung und die Infrastruktur dafür sind», sagt Michael Staudinger von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien an einem Treffen europäischer Meteorologen.

Erwärmung im Alpenraum liegt über dem Mittel

Weil der Alpenraum von der Klimaänderung doppelt so stark betroffen sei wie das globale Mittel, sei man an möglichst guten Modellen interessiert, um rechtzeitig warnen zu können, erklärt Staudinger.

Denn nicht nur die Erwärmung liege deutlich über dem Mittel der globalen Erwärmung, es komme auch zu Veränderungen des Wasserhaushalts und der Niederschlagsverteilung mit häufigeren Extremereignissen.

El-Niño-Phänomene früh erkennen

Ob es Grenzen der Vorhersagbarkeit des Wetters gebe, «wissen wir nicht», sagte Florence Rabier, Chefin des Europäischen Zentrums für Mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF).

«Derzeit können wir relevante Informationen bis zu sieben Tage im Voraus liefern», sagte Rabier. Diese Grenze der Vorhersagbarkeit von extremen Wetterereignissen mit gravierenden Folgen soll auf rund zehn Tage ausgedehnt werden, von Wetterphänomenen wie Hitzewellen von derzeit zwei auf drei bis vier Wochen.

Ungewöhnliche Wetterphänomene wie El Niño könnten etwa bis zu einem Jahr im Voraus prognostiziert werden. Es sei aber unrealistisch, die exakte Temperatur in Wien in sechs Monaten vorherzusagen.

Topografie berücksichtigen

Dazu setzen die Meteorologen nicht nur auf neue Satelliten - rund 95 Prozent der vom ECMWF verwendeten Daten kommen von Wettersatelliten, sondern auch auf «ein gutes Modell der Atmosphäre, und das in einer guten Auflösung».

Dazu soll die Gitterweite des Vorhersagesystems von derzeit 18 auf fünf Kilometer verkleinert werden. Zudem werde ein ganzes Ensemble an Vorhersagen benötigt: «Derzeit haben wir zwei Mal am Tag 52 verschiedene Vorhersagen, und das gibt uns eine grössere Zahl an Wahrscheinlichkeiten, wie sich das Wetter entwickeln wird.»

Eines der Ziele sei auch, die Topografie besser zu berücksichtigen, weil dies für das lokale Wetter von Bedeutung sei. Hier würden dann die nationalen Wetterdienste ins Spiel kommen, «die die Vorhersagen bis in die einzelnen Täler hinein verfeinern».

Das ECMWF ist eine 1975 gegründete zwischenstaatliche Organisation, die von 34 Staaten, darunter die Schweiz, getragen wird. Die Vorhersagen des Zentrums, das seit Anfang des Jahres von Rabier geleitet wird, bilden das Kernstück der meisten Wetterprognosen in Europa. (ij/sda)

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