Bezirksgericht Zürich: Methadon-Zutat verletzt Pöstler – Freispruch
Aktualisiert

Bezirksgericht ZürichMethadon-Zutat verletzt Pöstler – Freispruch

Ein russischer ETH-Doktorand wollte Chemikalien in seine Heimat senden. Am Flughafen zerbrachen zwei Flaschen und verletzten einen Postmitarbeiter.

von
Attila Szenogrady
Das Paket mit den Chemikalien wurde von der ETH Hönggerberg aus verschickt.

Das Paket mit den Chemikalien wurde von der ETH Hönggerberg aus verschickt.

Es passierte am 25. Februar 2012 beim Verlad für den Lufttransport im Flughafen Zürich. Ein Postangestellter liess aus Versehen ein Paket mit sechs Glasflaschen fallen. Zwei davon zerbrachen, worauf eine stinkende ätzende Flüssigkeit austrat. Dem Mitarbeiter blieb nach dem Einatmen der Dämpfe plötzlich die Luft weg. Benommen begab er sich zu einem Büro, wo er sich hinknien musste und beinahe ohnmächtig wurde.

Erst als ihm zwei Arbeitskollegen zu Hilfe eilten, erholte er sich von der Panikattacke. Den Angestellten gelang es, den Boden zu reinigen und das Paket in ein Sicherheitsfass zu stecken.

Allerdings sollte der betroffene Postangestellte noch rund zwei Wochen unter Atemschwierigkeiten leiden. Polizei und Feuerwehr konnten die Lage unter Kontrolle bringen und stellten die Glasflaschen sicher.

Zur Herstellung von Methadon

Die eingeschaltete Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland fand heraus, dass sich im fraglichen Paket eine gefährliche Chemikalie namens «1-Dimethylamino 2-Propanol 98%» befunden hatte. Das Lösungsmittel wird zur Herstellung von Methadon verwendet und gilt als akut giftig für Lunge und Haut.

Nachforschungen ergaben, dass die Sendung von der ETH Zürich-Hönggerberg an einen Zielort in Moskau gelangen sollte.

Der Verdacht fiel dabei auf einen russischen ETH-Doktoraden aus Schlieren. Dieser hatte kurz zuvor einen grossen Umfang der Chemikalie für die ETH bestellt. Zudem war das Paket an seine Mutter adressiert.

Täterschaft bestritten

Am Donnerstag stand der russische Wissenschaftler vor dem Bezirksgericht Zürich. Wegen Störung von Betrieben, die der Allgemeinheit dienen, drohte dem heute selbständigen Unternehmer eine hohe, aber noch bedingte Geldstrafe von 330 Tagessätzen zu 60 Franken, also 19'800 Franken. Allerdings stritt der Osteuropäer, der die ETH inzwischen verlassen hat, die Täterschaft vehement ab. Er habe mit dem Paket gar nichts zu tun, führte er aus und schob die Schuld einer Drittperson zu.

Auch der Verteidiger forderte einen vollen Freispruch, da auch andere ETH-Mitarbeiter Zugang zu den Chemikalien besessen hätten. Zudem würden in Moskau diverse Frauen so wie die Mutter des Beschuldigten heissen. Nicht zuletzt sei das fragliche Lösungsmittel auch in Russland erwerbbar – erheblich günstiger.

Überraschender Freispruch

Das Gericht kam zu einem überraschenden Entscheid. Es sah die Täterschaft des Beschuldigten aufgrund der Indizien als erwiesen an. So habe einzig der Beschuldigte eine solche Chemikalie an der ETH bestellt, sagte die Einzelrichterin. Zudem sei aufgrund des Schriftbildes erstellt, dass der Beschuldigte die fraglichen Frachtpapiere ausgefüllt habe.

Trotzdem kam das Gericht aus objektiven Gründen zu einem Freispruch. So sei der Arbeitsprozess bei der Post nicht so beeinträchtigt gewesen, wie es die Anklage behaupte, sagte die Richterin. Schon nach einer halben Stunde sei alles vorbei gewesen. Für eine Störung eines Betriebs sei eine gewisse Intensität notwendig. Nicht jede kleine Behinderung falle unter das Strafrecht, erklärte die Vorsitzende. Da nichts anderes eingeklagt worden sei, habe ein Freispruch zu erfolgen.

Dem sichtlich erleichterten Chemiker wurde eine Prozessentschädigung von über 17'000 Franken zugesprochen. Die finanziellen Forderungen der Post wurden dagegen auf den Weg eines Zivilprozesses verwiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. So kann die Staatsanwaltschaft den Fall ans Obergericht weiterziehen.

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