Sechs Stunden lang unbemerkt - «Mich nimmt das sehr mit» – toter Trampassagier löst Betroffenheit aus
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Sechs Stunden lang unbemerkt«Mich nimmt das sehr mit» – toter Trampassagier löst Betroffenheit aus

Warum blieb ein toter Mann in einem Zürcher Tram während Stunden unbemerkt? Dafür gebe es verschiedene Gründe, sagt eine Empathie-Aktivistin.

von
Monira Djurdjevic
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Am Montag starb der 64-jährige P. in einem Tram der Linie 2. «Niemandem fiel etwas auf. Mein Vater fuhr stundenlang leblos im Tram mit», sagt sein Sohn D.

Am Montag starb der 64-jährige P. in einem Tram der Linie 2. «Niemandem fiel etwas auf. Mein Vater fuhr stundenlang leblos im Tram mit», sagt sein Sohn D.

20min/Marco Zangger
Laut D. war sein Vater um 6.21 Uhr in das Tram der Linie 2 bei der Haltestelle Micafil in Zürich-Altstetten gestiegen und hätte beim Paradeplatz aussteigen sollen.

Laut D. war sein Vater um 6.21 Uhr in das Tram der Linie 2 bei der Haltestelle Micafil in Zürich-Altstetten gestiegen und hätte beim Paradeplatz aussteigen sollen.

20min/Marco Zangger
Bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) wie auch bei der Stadtpolizei Zürich hat man Kenntnis von dem Vorfall.

Bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) wie auch bei der Stadtpolizei Zürich hat man Kenntnis von dem Vorfall.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • In einem Zürcher Tram kam es am Montag zu einem Todesfall, der Verstorbene fuhr sechs Stunden lang im Tram mit.

  • Der Vorfall sorgt für viel Betroffenheit – auch bei einer Vertreterin des Projekts «Empathie Stadt Zürich».

  • Eine Vorschrift für das Fahrpersonal, das Tram in bestimmten Zeitabständen zu kontrollieren, gibt es nicht.

Der 64-jährige P.* starb am Montag in einem Tram. Laut seinem Sohn D.* erlitt er einen Herzstillstand, kurz nachdem er bei der Haltestelle Micafil in Zürich-Altstetten ins Tram der Linie 2 eingestiegen war. Bemerkt hat es niemand: «Weder dem Tramchauffeur noch den anderen Passagieren fiel etwas auf. Mein Vater fuhr rund sechs Stunden im Tram mit», sagt der 40-Jährige.

Der Vorfall sorgt für viel Betroffenheit – etwa auch bei Tanja Walliser vom Projekt «Empathie Stadt Zürich». «Mich nimmt dieser Vorfall sehr mit. Ich bin tief betroffen», sagt sie. Mit dem Finger auf jemanden zeigen, will sie nicht. «Es ist verführerisch zu denken: Das wäre mir sicher nicht passiert, ich hätte sofort geholfen.» Ein Trugschluss, so Walliser. «Verschiedene Gründe führen dazu, dass wir in solchen Situationen wegschauen: Stress, Überforderung oder Angst.» So habe man weniger Kapazität für Einfühlungsvermögen und sei weniger hilfsbereit. «Dieser Vorfall kann für uns alle ein Moment sein, um innezuhalten und uns zu fragen, wann wir selber nicht so präsent und empathisch waren, wie wir es vielleicht gerne gewesen wären, und uns zu freuen über die Momente, in den wir es waren.»

«Kontrollgang durch den Bus»

Wie Christoph Wydler, Präsident der Interessensgemeinschaft öffentlicher Verkehr Schweiz, sagt, ist ihm kein ähnlicher Fall bekannt. «Sechs Stunden sind eine sehr lange Zeit.» Dass weder den Passagieren noch dem Tramchauffeur etwas auffiel, wundere ihn. «Insbesondere bei der Endhaltestelle hätte der Tramführer auf eine im Tram sitzengebliebene Person aufmerksam werden können. Bei der Endhaltestelle wäre es wohl hilfreich, einen Kontrollgang durch das Tram oder den Bus zu machen», sagt Wydler.

Laut Daniela Tobler, Sprecherin bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ), hat das Fahrpersonal grundsätzlich die Aufgabe, die Trams und Busse sicher zu lenken und sich mit Blick nach vorne auf das Verkehrsgeschehen zu konzentrieren. Eine Vorschrift für das Fahrpersonal, den Bus oder das Tram in bestimmten Zeitabständen zu kontrollieren beziehungsweise sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung ist, gebe es nicht.

«Hinweise von Fahrgästen sind hilfreich»

«Sofern es die Zeit zulässt, machen die Fahrerinnen und Fahrer an Endhaltestellen einen Rundgang durchs Fahrzeug, bei dem sie auch allfälligen Abfall oder liegengelassene Zeitungen beseitigen», sagt Tobler. Die Fahrerinnen und Fahrer seien deshalb darauf angewiesen und dankbar, wenn Fahrgäste entsprechende Beobachtungen bei ihnen melden. «So können sie via Notruf die Leitstelle verständigen, welche ihrerseits unverzüglich die Sanität aufbietet.»

Bei der VBZ bestätigt man den Vorfall. Wegen der laufenden Untersuchung könne man aber keine weiteren Angaben machen. Laut der Zürcher Staatsanwaltschaft entspricht es dem standardmässigen Vorgehen, dass Staatsanwaltschaft und Polizei die Umstände derartiger Todesfälle untersuchen. «Eine Dritteinwirkung kann vorliegend ausgeschlossen werden», sagt Sprecher Erich Wenzinger.

*Name der Redaktion bekannt

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Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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