«London calling»: Michel Morganella - Täter und Opfer
Aktualisiert

«London calling»Michel Morganella - Täter und Opfer

Unanständige Spieler gehören zur Fussballkultur des 21. Jahrhunderts. Aber Michel Morganella ist nicht nur Täter. Er ist auch Opfer.

von
Klaus Zaugg
London

Der «Fall Morganella» ist kein Olympia-Skandal. Er ist ein reiner Fussball-Skandal mit Ansage. Seit dem ersten Tag liefern unsere jungen «Fussballstars» bei diesem Olympiaturnier durch ihre Schnodrigkeit und Arroganz allerlei Gesprächsstoff. Es war nicht die Frage ob, sondern nur wann einer ins Fettnäpfchen tritt.

Das ganz grosse Problem des Fussballs sind Spieler, die zu jung zu viel Geld verdienen. Geld alleine ist noch nicht schlecht. Aber wer mit 20 schon siebenstellige Summen auf seinem Bankkonto hat, neigt zur Selbstüberschätzung. Führung und Betreuung sind gerade bei jungen Spielern dann wichtig, wenn sie mit Nationalteams unterwegs sind. Erst recht in einem so sensiblen Umfeld wie London 2012.

Selbst NBA-Stars geben sich bescheiden

Auch die Olympischen Spiele sind längst zu einer riesigen Geld- und Spektakelmaschine geworden. Und doch gibt es einen Unterschied zur Fussballkultur: Die Einzelsportler machen mit ihrer Leidenschaft die Olympischen Spiele auch im 21. Jahrhundert zu einem faszinierenden Sportfest. Anstand, Freundschaft und Respekt sind nicht nur leere Worte.

Und selbst die skandalgestählten Basketball-Titanen aus der NBA geben sich hier bescheiden und zugänglich und integrieren sich in die olympische Kultur. Nicht weil sie anständiger sind als Michel Morganella, sondern weil sie von ihren Arbeitgebern dazu angehalten werden. Ein olympischer Skandal wäre schlecht fürs NBA-Geschäft.

Morganella nicht nur Täter

In dieser olympischen Kultur sind unsere Fussballer in London ein Fremdkörper geblieben. Es ist zu bequem, in dieser Sache einfach Michel Morganella zu verurteilen. Die Ursache für diesen Zwischenfall ist das Führungsproblem im Schweizerischen Fussballverband (Swiss Football). Wer will, dass sich die jungen Spieler anständig aufführen, der muss sie führen. Dazu gehört auch, jungen Spielern die Gefahren der neuen Medien (Twitter, Facebook) aufzuzeigen. So gesehen ist Michel Morganella nicht nur ein Täter, sondern auch ein Opfer der Führungsschwäche im Verband. Die Fussballgeneräle haben das Olympiaturnier nicht ernst genommen und die Gefahren grandios unterschätzt.

Letztlich passt die ganze Angelegenheit gut zur Fussballkultur des 21. Jahrhunderts. Das unsägliche Benehmen der französischen Spieler bei der WM 2010 und der Euro 2012 ist uns noch in bester Erinnerung. Alex Dragovics Respektlosigkeit gegenüber Bundesrat Ueli Maurer auch. Kein Einzelsportler würde sich jemals so eine Frechheit herausnehmen. Und hatten wir nicht auch mal eine Spuckaffäre?

Erster richtiger Skandal

Die Olympischen Spielen haben dem Schweizer Fussball den bisher grössten Triumph beschert (Final 1924) – und der Fussball hat nun für einen der peinlichsten Momente unserer olympischen Geschichte gesorgt. Der «Fall Morganella» ist einmalig. Die Athleten, die bisher nach Hause geschickt worden sind, waren entweder betrunken, rückten zu spät wieder ein oder flippten aus – reine Disziplinarfälle ohne politische Dimension. Michel Morganella aber beschert Swiss Olympic durch die öffentliche Beleidigung gegnerischer Spieler nun erstmals einen kernigen politischen Skandal. Es braucht schon noch ein paar offizielle Entschuldigungen auf höchster sportpolitischer Ebene, um alles aus der Welt zu schaffen.

Bestrafung unter Mediengetöse folgt

Offen ist die Bestrafung durch den Fussballverband. Ich wage eine Prognose: Unter Mediengetöse werden eine Busse und eine Sperre für internationale Einsätze verkündet – und bald einmal werden die Funktionäre klammheimlich diese Sperre wieder aufheben. Die Hunde bellen, die Karawane aber zieht und twittert weiter. Nicht nur in unserem Fussball sitzen die Spieler immer am längeren Hebel.

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