Aktualisiert 25.07.2018 08:30

Özils Rassismus-Vorwurf«Migranten müssen weltweit mehr leisten»

Die Rassismus-Debatte um Mesut Özil stürzt Deutschland in eine Identitätskrise. In der Schweiz würde das nicht passieren, sagt der Integrationsexperte Thomas Kessler.

von
V. Fehlmann
1 / 24
13. MaiAm Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.»

13. MaiAm Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.»

Twitter
Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot.

Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot.

Twitter
14. MaiDer DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.»

14. MaiDer DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.»

jan Hetfleisch

Herr Kessler, ganz Deutschland diskutiert derzeit über die Rassismus-Vorwürfe von Mesut Özil gegenüber dem DFB. Auch in der Schweiz berichten bestens integrierte Türken, dass sie bei schlechter Leistung als Ausländer, bei guter hingegen als Schweizer angesehen würden. Hat die Schweiz ein Rassismus-Problem?

Wenn Leute aufgrund ihres Namens oder ihrer Herkunft Nachteile erfahren, ist das Alltagsdiskriminierung – etwa bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche. Das ist global so, fast auf der ganzen Welt müssen Zugezogene mehr leisten als Einheimische. Umgekehrt gibt es Privilegien für Ausländer, die offensichtlich Vorteile bringen – etwa tiefe Besteuerung bei viel Vermögen und ohne Erwerb in der Schweiz oder rasche Einbürgerung in vielen südlichen Ländern.

Warum müssen Zugezogene mehr leisten?

Es hat etwas Menschliches: Gegenüber Bekannten wenden wir andere Kriterien an als gegenüber Fremden. Das gilt nicht nur bei Nationen. Auch ein Zürcher, der nach Basel zieht, hat eine doppelte Identität. Auch er wird bei schlechter Leistung auf den Zürcher reduziert, bei guter auf den Basler. Wer von einem Dialekt oder einer Sprache abweicht, gilt als weniger greifbar. Die Gesellschaft sieht die Person doppelt, genauso sieht sich aber auch der Betroffene doppelt und versucht, seine Identitäten so einzusetzen, dass es ihm am meisten bringt.

Wird die Diskriminierung von Secondos also so bleiben?

Was die Türken erleben, haben auch die Bergler, Italiener, Tamilen und Ex-Jugoslawen durchgemacht, das ändert sich schnell. Im Bankenwesen oder bei Versicherungen sind Türkischstämmige beliebt, weil sie sich in Auftritt und Disziplin gut in die hierarchischen Strukturen einfügen können. Albanischstämmige sind hingegen im Militär, bei Sicherheitsfirmen und Hauswartdiensten stark vertreten, Tamilen in der Gastronomie und im Handel.

Profitiert man also davon, ist Migration gut, wenn nicht, ist sie schlecht?

Sowohl Einheimische als auch Zuwanderer gehen von ihren Interessen aus. In den Bergtälern mit Abwanderung ist man froh um Migranten. Es gibt auch Länder, die fast nur aus Migranten bestehen. In Nordamerika etwa spielte das Herkunftsland lange keine Rolle, sondern Leistung und Gesetz. Wer okay war, gehörte zur Gesellschaft – Länder wie Schweden, die Schweiz oder die Slowakei wurden gar nicht unterschieden. Was wir derzeit in Amerika erleben, ist allerdings ein gefährliches Spiel der Regierung mit Ressentiments gegen verschiedene Migrationsgruppen. Die Mauer zu Mexiko wird jetzt gebaut, wo mehr Mexikaner zurück- als zuwandern. Und rassistische Gewalt ist ein Dauerproblem.

Warum wird die Debatte in Deutschland derart heftig geführt?

Der Diskurs in Deutschland ist ideologisch aufgeladen und bundesweit. In der Schweiz wäre er regional verschieden. Deutschland hat gerade eine heikle Identitätsdebatte, eine mittlere Staatskrise. Das Land ist wie andere Nationen im Norden mit der Migration überfordert. Wer sich migrationskritisch äussert, riskiert sofort moralische Belehrungen. Auch in Schweden sieht man dieses Phänomen. Die dortige utopische Vorstellung einer vollkommen gleichen Gesellschaft führt zu Tabus und behördlichen Scheindiskussionen. So etwas wäre in der Schweiz nicht denkbar, hier gilt das gerade, offene und ehrliche Wort als ehrbar. Zudem haben wir praktisch Vollbeschäftigung und gute Aufstiegschancen auch für Secondos.

Wie geht die Schweiz dann mit solchen Debatten um?

Das zeigt etwa das Beispiel mit dem Doppeladler: In der Schweiz wurde darüber zwei Wochen lang breit diskutiert. Schliesslich haben alle bemerkt, dass es viele Doppelbürger und Doppeladler gibt, zum Beispiel in Rathäusern. Die Schweizer kauen solche Themen immer gründlich durch. Das macht die direkte Demokratie möglich. Wir sind ständig offen am Diskutieren über alles, insbesondere auch über Migrationsthemen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.