Aktualisiert 01.05.2014 11:50

Von wegen 3800 Franken

Migrolino-Personal schuftet zu Tieflöhnen

Die Migros rühmt sich, ihren Angestellten 13 Monatslöhne à mindestens 3800 Franken zu zahlen. Viele Migrolino-Angestellte können davon nur träumen.

von
J. Büchi
17.25 plus Ferien- und Feiertagsentschädigung: Der Lohn von Sara*.

17.25 plus Ferien- und Feiertagsentschädigung: Der Lohn von Sara*.

«Wer zu wenig verdient, sollte sich eine neue Stelle suchen», riet Migros-Chef Herbert Bolliger Tieflohnbezügern Anfang Monat im Interview mit 20 Minuten. Die Migros selber erfülle die Forderung der Mindestlohn-Initiative bereits: Zwar liege der interne Mindestlohn mit 3800 Franken unter dem von den Gewerkschaften geforderten Betrag von 4000 Franken monatlich. Weil die Mitarbeiter 13 Monatslöhne erhielten, verdienten sie aber dennoch über 22 Franken pro Stunde.

Wer jedoch glaubt, das gelte für alle Unternehmen der Migros-Gruppe, irrt. «Ich habe über ein Jahr lang zu einem Tieflohn in einer Migrolino-Filiale gearbeitet», sagt Sara*, eine ehemalige Verkäuferin aus dem Kanton Zürich, gegenüber 20 Minuten. «Die ersten drei Monate erhielt ich 19, danach 20 Franken auf die Stunde.» Im Lohn enthalten: Ferien-, Feiertags-, Abend- und Wochenendzulagen. Ohne diese belief sich der Lohn anfänglich auf gerade einmal 17.25 Franken. «Als ich die Aussagen von Migros-Chef Bolliger gelesen habe, fühlte ich mich schon ziemlich verschaukelt», so Sara.

«Migros nimmt es bei Ablegern nicht so genau»

Auch für Pepo Hofstetter, Sprecher der Gewerkschaft Unia, ist dieser Lohn eine Frechheit: «Die Migros brüstet sich damit, den Mindestlohn einzuhalten – bei ihren Tochterfirmen nimmt sie es aber offensichtlich nicht so genau.» Die Aussage von Bolliger, Tieflohnbezüger sollten sich einen besseren Job suchen, erscheine in diesem Licht auch gegenüber den Angestellten des eigenen Konzerns mehr als zynisch.

Die Migrolino-Angestellten sind laut Hofstetter nicht die Einzigen in der Migros-Gruppe, die nicht in den Genuss des internen Mindestlohns kommen. Die Migros-Tochter Denner etwa zahle den Angestellten seiner sogenannten Satelliten-Läden Tieflöhne. Auch die Dessous-Verkäuferinnen in den Intimissimi-Stores, die zur Migros-Tochter Schild gehören, könnten von einem Lohn von 22 Franken pro Stunde nur träumen.

Franchising-System ist schuld

Migros-Sprecher Urs-Peter Naef relativiert: Der Migros-Mindestlohn von 3800 Franken gelte für fast alle Unternehmen in der Migros-Gruppe – für die Genossenschaften genauso wie für die Industrie, die die Eigenmarken der Migros herstellt. «Es ist aber richtig, dass es im Bereich Handel einzelne Ausnahmen gibt – zum Beispiel bei Migrolino oder LeShop.»

Im Fall von Migrolino sei der Grund dafür, dass die Mehrheit der Shops in einem Franchising-System betrieben wird. Will heissen: Selbstständige mieten die Filialen gegen eine Umsatzbeteiligung. Die Betreiber sind nicht an die Gesamtarbeitsverträge von Migros gebunden und legen die Löhne – im Rahmen der Bestimmungen des Arbeitsrechts – selber fest. Was eine Verkäuferin verdient, kann also von Filiale zu Filiale variieren.

«Im Namen des Konzerns»

Diese Rechtfertigung lässt Pepo Hofstetter von der Unia nicht gelten: «Migrolino wird stark mit der Marke Migros in Verbindung gebracht. Was in den Läden geschieht, passiert deshalb auch im Namen des Konzerns.» Die Anstellungsbedingungen des Migrolino-Personals dürften der Migros deshalb nicht gleichgültig sein: «Das Franchisesystem entbindet sie nicht von ihrer sozialen Verantwortung.»

Urs-Peter Naef winkt ab: «Wir haben keine Handhabe, den Franchisenehmern vorzuschreiben, was sie ihren Leuten zahlen sollen.» Bei Migrolino selber heisst es, den Shopbetreibern würden unverbindliche Empfehlungen zur Höhe der Löhne abgegeben: «Wir halten unsere Franchisenehmer dazu an, die vor Ort herrschenden marktgerechten Löhne zu zahlen.»

Gesamtarbeitsvertrag als Ziel

Ebenfalls nach dem Franchising-System funktionieren die Pronto-Filialen von Coop. Auch die Migros-Konkurrentin gibt ihren Franchisenehmern nur Empfehlungen zur Entlöhnung des Personals ab. Richtgrösse: ein monatlicher Mindestlohn von 3800 Franken und ein Stundenlohnansatz von Fr. 21.35. Sie gehe davon aus, dass die Franchisepartner den Empfehlungen nachkommen, sagt Sabine Schenker, Sprecherin der Coop Mineralöl AG. «Erhalten wir dennoch Kenntnis von Partnern, die ihren Mitarbeitenden den Mindestlohn nicht garantieren, so kommunizieren wir diesen Partnern unsere Meinung, wonach faire Arbeitsbedingungen wie etwa die Gewährleistung des Mindestlohnes notwendig sind.»

Sowohl bei Migrolino als auch bei Coop Pronto gibt es derzeit Bestrebungen, sich im Rahmen des Verbands der Tankstellenshop-Betreiber der Schweiz auf einen landesweiten Gesamtarbeitsvertrag zu einigen. Für Verkäuferin Sara kommt dieser Schritt zu spät. Sie hat ihre Migrolino-Uniform vor ein paar Monaten an den Nagel gehängt. «Für diesen Lohn stehe ich nicht mehr bis spät abends hinter der Verkaufstheke und schrubbe danach noch das WC und den Fussboden.»

*Name von der Redaktion geändert

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