Aktualisiert 11.02.2011 17:44

Armee am ScheidewegMilitär lässt Mubarak (noch) nicht fallen

Die ägyptische Armee ist die mächtigste Institution im Staat. Nun öffnet sich eine tiefe Kluft zwischen der Loyalität zu Mubarak und der Opposition.

von
Peter Blunschi

Ägyptens Streitkräfte sind mit einem Bestand von rund 450 000 Mann eine der grössten Armeen der Welt. In der jüngeren Vergangenheit des Landes haben sie eine zentrale Rolle gespielt: Gamal Abdel Nasser, Anwar al Sadat und Hosni Mubarak, die drei Staatschefs, die Ägypten nach dem Sturz der Monarchie 1952 regierten, waren Offiziere. Für viele Experten ist das ägyptische Militär das eigentliche Machtzentrum des Landes.

Im Volk ist die Armee im Gegensatz zur als brutal und korrupt geltenden Polizei beliebt. Während der Proteste gegen das Mubarak-Regime hat sie diesen Ruf in den ersten Tagen bestätigt. Sie hat keine Gewalt gegen die Demonstrierenden eingesetzt und die «Legitimität» ihrer Forderungen anerkannt. Allerdings kursierten am Donnerstag auch Berichte, wonach Armeeangehörige Regimegegner verhaftet und misshandelt haben.

Wut und Frustration in Ägypten

Richtungskampf in der Führung

Dieser vermeintliche Widerspruch belegt für Beobachter den Zwiespalt des Militärs, das zwischen seiner Loyalität zum ehemaligen Luftwaffen-General Mubarak und der Protestbewegung hin- und hergerissen sei. Bereits letzte Woche hatte ein ägyptischer Militärexperte der BBC erklärt, die Armeeführung sei sich im Klaren, dass Hosni Mubarak gehen müsse. Es sei jedoch eine Art Richtungskampf im Gang: Eine Seite wolle den sofortigen Abgang, die andere ihn bis zur Wahl im September im Amt belassen.

Bislang schienen sich die Vertreter der «weichen» Linie durchgesetzt zu haben. Dafür sprechen auch Mubaraks Rede vom Donnerstag sowie jene seines Vizes Omar Suleiman. Sollten sich die Generäle davon wirklich eine Entspannung erhofft haben, so mussten sie die Reaktionen von der Strasse eines Besseren belehren. Nun könnte es zum Bruch kommen: «Erstmals besteht die Möglichkeit einer Spaltung des Militärs», sagte Andrew McGregor, Autor eines Buches über die ägyptische Armee, der «New York Times».

Generalstabschef in Schlüsselrolle

Die neusten Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Armeeführung nach wie vor versucht, das Problem «auszusitzen» und einen «sanften» Übergang zur Demokratie zu versprechen. Eine Schlüsselrolle einnehmen könnte Generalstabschef Sami Anan. Mit 63 Jahren gehört er zu den «Jüngeren» in der vergreisten ägyptischen Führung. Er pflegt enge Beziehungen zu den USA, im Gegensatz zum 75-jährigen Verteidigungsminister Hussein Tantawi, der ausgebildet wurde, als Ägypten mit der Sowjetunion verbündet war.

Anan versicherte den Amerikanern, die Armee werde «weiterhin einen stabilisierenden Einfluss ausüben». Die USA schicken jährlich mehr als eine Milliarde Dollar Militärhilfe nach Ägypten, ein wichtiges Argument im Falle eines möglichen Machtkampfs in der Generalität. Das Militär hat zudem beträchtliche wirtschaftliche Interessen, es besitzt Fabriken und riesige Ländereien, baut Strassen und ist im Tourismus aktiv. Schon aus diesem Grund hat es kein Interesse an einem anhaltenden Chaos.

Anzeichen für Desertion

Der Militärexperte Ali Shukri von der Universität Oxford sagte der BBC, er glaube, dass die Streitkräfte sich auf die Seite der Regierung schlagen und «Mubarak bis zum Ende unterstützen» werden. Vielleicht entscheiden aber nicht die Generäle, sondern die unteren Chargen: Mehrere Offiziere der mittleren Dienstgrade haben sich laut Medienberichten der Revolution angeschlossen. Auch einfache Soldaten auf dem Tahrir-Platz sollen nach Mubaraks Rede die Gewehre weggelegt und sich mit der Opposition solidarisiert haben.

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