Aktualisiert 15.08.2013 14:08

Weltweite Kritik«Militärischer Irrsinn in Kairo»

Internationale Medien kritisieren das Vorgehen der ägyptischen Armee gegen die Muslimbrüder scharf. Sie vergleichen es mit dem Tiananmen-Massaker und fordern den Stopp der US-Militärhilfe.

von
pbl

Die Tonalität der Kritik ist unterschiedlich, doch in der Sache sind sich die meisten internationalen Medien einig: Die gewaltsame Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo und das folgende Blutbad sind ein schwerer Rückschlag für Ägypten. Eine politische Lösung für das gespaltene Land rücke damit in weite Ferne. Doch während die (kontinental-)europäischen Medien in ihren Kommentaren und Analysen eher nüchtern bleiben, übt sich die angelsächsische Presse in teilweise drastischen Vergleichen.

Die «New York Times» betitelt ihren Kommentar mit «Militärischer Irrsinn in Kairo». Ägyptens regierenden Generäle hätten mit dem neusten Blutbad bewiesen, dass sie wenig Interesse daran hätten, ihr Land zur Demokratie zurückzuführen. Nun drohe die schlimmste aller möglichen Folgen: «Ein mörderischer Bürgerkrieg». Für den britischen «Guardian» hat die vom Militär eingesetzte Regierung «einen Rubikon überschritten». Vor dem Mittwoch sei eine friedliche Lösung möglich gewesen. Nun aber seien die Strassen rund um den Rabaa-al-Adawija-Platz in Kairo «zum ägyptischen Tiananmen geworden».

«Viel schlimmer als in Peking»

Zur gleichen Analogie greift auch die bald 90-jährige deutsche Journalisten-Legende Peter Scholl-Latour. Er fühlt sich durch die Bürgerkriegsbilder aus Ägypten ebenfalls «an die Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking» im Jahr 1989 erinnert. «Was im Moment in Kairo geschieht, ist noch sehr viel schlimmer», sagte der weit gereiste Scholl-Latour der «Passauer Neuen Presse» vom Donnerstag. Jetzt sehe er Ägypten auf dem Weg zurück in die Militärdiktatur: «Darauf läuft es hinaus.»

Ähnliches fürchtet die französische «Le Monde»: Die Armee habe mit den Camps der Muslimbrüder auch die junge Demokratie «ausradiert». Die Verhängung des Ausnahmezustands sei «ein schrecklicher Rückfall in die Vergangenheit». Damit werde «das schlimmste Symbol der Mubarak-Jahre» wieder eingeführt. Unter dem Langzeit-Herrscher war der Notstand während 30 Jahren in Kraft. Wer glaube, die Militärherrschaft werde nur einen Monat dauern, müsse «aussergewöhnlich optimistisch sein», meint auch der «Guardian».

USA sollen Militärhilfe stoppen

Ins Visier der englischen und amerikanischen Presse gerät die US-Regierung von Präsident Barack Obama. Sie hat seit dem Putsch gegen Präsident Mohammed Mursi herumlaviert. Damit habe sie sich «zum Komplizen der neuen und schrecklich blutigen Niederschlagung vom Mittwoch gemacht», kritisiert die «Washington Post» in ihrem Kommentar. Die Weigerung des Weissen Hauses, eine klare Haltung gegen diese «massiven Menschenrechtsverletzungen» einzunehmen, sei «so kontraproduktiv wie gewissenlos».

Als Konsequenz fordert die Zeitung die vollständige Einstellung jeglicher Hilfe und Zusammenarbeit mit den ägyptischen Streitkräften. Diese sollen erst wieder aufgenommen werden, wenn die Generäle «ihre Unterdrückungskampagne beenden und konkrete Schritte zur Wiederherstellung der Demokratie einleiten». Auch die «New York Times» spricht sich für einen sofortigen Stopp der jährlichen Militärhilfe von 1,3 Milliarden Dollar an Ägypten aus sowie für eine Absage der für September geplanten gemeinsamen Manöver.

Jahrzehntelange Versäumnisse

Allerdings sei Washingtons Einfluss auf die öffentliche Meinung in Ägypten generell limitiert, so die Zeitung weiter. Das liege weniger an Präsident Obamas zögerlicher Haltung als «an der jahrzehntelangen unkritischen Unterstützung der Vereinigten Staaten für Diktatoren wie Hosni Mubarak und die Streitkräfte, zum Nachteil der Mehrheit der 84 Millionen Ägypter». Es sei höchste Zeit, dass Obama dieses Ungleichgewicht korrigiere. Ein Ende der Unterstützung für Ägyptens anti-demokratisches Militär wäre dafür «ein guter Anfang».

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