Versenkung der «Cheonan»: Militärschlag oder Propaganda-Krieg?
Aktualisiert

Versenkung der «Cheonan»Militärschlag oder Propaganda-Krieg?

Südkorea erwägt Vergeltungsmassnahmen gegen den Norden wegen der Versenkung des Kriegsschiffs «Cheonan». Viele Möglichkeiten aber gibt es nicht.

von
Peter Blunschi
Ein nordkoreanischer Soldat im Grenzort Panmunjom in der entmilitarisierten Zone.

Ein nordkoreanischer Soldat im Grenzort Panmunjom in der entmilitarisierten Zone.

Seit Mittwoch ist es quasi offiziell: Der südkoreanische Aussenminister Yu Myung Hwan hat den kommunistischen Norden für den Untergang des Kriegsschiffs «Cheonan» Ende März im Gelben Meer verantwortlich gemacht. Der Bericht einer Untersuchungskommission mit internationaler Beteiligung wird zwar erst am Donnerstag vorgelegt, doch bereits sind zahlreiche Details durchgesickert. Sie weisen klar darauf hin, dass die «Cheonan» von einem nordkoreanischen U-Boot torpediert wurde.

Nun stellt sich die Frage: Wie reagiert Südkorea? Klar ist, dass Seoul die kriegerische Provokation nicht einfach hinnehmen kann. Doch für Experten ist auch klar, dass es wenige Optionen für Vergeltungsmassnahmen gibt. Folgende werden erwogen:

Militärischer Gegenschlag

Hardliner im Süden fordern bereits eine massive Antwort. Besonnene Gemüter aber erachten einen Militärschlag als unwahrscheinlich und auch nicht ratsam. Nord- und Südkorea befinden sich seit dem Waffenstillstand von 1953 immer noch im Kriegszustand. Die Grenze zwischen beiden Staaten ist die am schwersten bewachte der Welt, die Hauptstadt Seoul befindet sich im Visier der nordkoreanischen Artillerie.

Die vereinigten Streitkräfte von Südkorea und den USA gelten als technologisch überlegen, ein Gegenschlag könnte jedoch eine unvorhersehbare Kettenreaktion auslösen, vor allem weil das Regime von Kim Jong Il vermutlich über Atomwaffen verfügt. «Eine militärische Vergeltung ist vom Tisch», sagte Kim Byung Ki, ein Sicherheitsexperte an der Universität von Korea, gegenüber CNN: «Wir können Nordkorea als Staat ausradieren, doch die einzige Gewissheit eines Krieges sind Ungewissheit und Unkontrollierbarkeit.»

Zudem hat Südkorea bereits nach früheren und noch tödlicheren Angriffen nicht militärisch reagiert, etwa als nordkoreanische Agenten 1987 einen Passagierjet mit 115 Personen an Bord in die Luft sprengten. Möglich sind allerdings zusätzliche Ausgaben für Frühwarnsysteme und Anti-U-Boot-Waffen, ebenso eine verstärkte Kontrolle von Schiffen mit Ziel Nordkorea, die Massenvernichtungswaffen geladen haben könnten.

Diplomatischer Druck

Erste Priorität für die Regierung in Seoul hat eine Resolution im UNO-Sicherheitsrat, mit der Nordkorea verurteilt werden soll. Am Mittwoch hat das Aussenministerium chinesischen, russischen, japanischen und europäischen Diplomaten die Ergebnisse der «Cheonan»-Untersuchung präsentiert. Als Knacknuss gilt China. Es bleibt unklar, ob der Süden den wichtigsten Verbündeten Nordkoreas von einem Veto im Sicherheitsrat abhalten kann.

Kim Jong Ils kürzliche überraschende Reise nach Peking wurde unter anderem als Versuch interpretiert, sich die Unterstützung Chinas gegen eine mögliche Verurteilung zu sichern. Eine Resolution hätte zudem höchstens symbolischen Wert, denn Nordkorea ist wegen seiner Atomtests bereits mit scharfen Sanktionen belegt.

Wirtschaftliche Sanktionen

Obwohl sich das Verhältnis der beiden Länder seit der Wahl des konservativen Präsidenten Lee Myung Bak vor zwei Jahren abgekühlt hat, bestehen starke wirtschaftliche Beziehungen. Das gilt besonders für den von südkoreanischen Firmen betriebenen Industriekomplex in der nordkoreanischen Stadt Kaesong. Seine Schliessung dürfte nach Ansicht von Experten kein Thema sein. Viele Südkoreaner fürchten, dass der Norden in diesem Fall wirtschaftlich gänzlich in die Arme Chinas getrieben wird.

Dennoch gibt es Möglichkeiten, das verarmte Nordkorea finanziell zu bestrafen. So hat das Wiedervereinigungsministerium in Seoul am Montag verfügt, die staatlichen Ausgaben für Projekte in Nordkorea einzustellen. Südkorea importiert zudem laut CNN Meeresfrüchte und seltene Pilze aus dem Norden. Ein Importstopp würde Nordkorea nach Ansicht von Experten rund 200 Millionen Dollar pro Jahr kosten. Als weitere Möglichkeit könnte Seoul die Europäische Union auffordern, nordkoreanische Guthaben auf europäischen Banken einzufrieren.

Propagandakrieg

Die beiden Länder hatten 2004 vereinbart, die gegenseitige Propaganda einzustellen. Private Kreise in Südkorea haben sich daran nie gehalten und immer wieder Ballons mit regimefeindlichen Botschaften in den Norden geschickt. Nun könnte auch die Regierung diese «kreative Form» der Vergeltung wieder aufnehmen und Informationen über das Leben im Süden in das abgeschottete Nordkorea einsickern lassen.

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