Individualitätswahn: Millennials pfeifen auf Hobbys
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IndividualitätswahnMillennials pfeifen auf Hobbys

Netflix statt Sportclub, Selfie-Posing statt Pfadi: Laut Jugendforschern wollen Millennials keine fixen Freizeit-Termine im Kalender.

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Laut Zukunftsforschern lassen Millennials das Engagement im Sportclub schon mal links liegen.

Laut Zukunftsforschern lassen Millennials das Engagement im Sportclub schon mal links liegen.

Auch ein Engagement als Pfadileiter sei nicht mehr im Trend.

Auch ein Engagement als Pfadileiter sei nicht mehr im Trend.

Keystone/Manuel Lopez
Stattdessen würden die Jungen eher ins Fitnesscenter gehen.

Stattdessen würden die Jungen eher ins Fitnesscenter gehen.

Keystone/Gaetan Bally

«Warum haben wir alle keine richtigen Hobbys mehr?» fragt sich die Autorin Julia Hackober auf «welt.de» und schreibt darüber, dass Leute in ihrem Alter lieber Netflix schauen, statt in einen Tennisclub zu gehen, oder lieber Fotos ihres Mittagessens auf Instagram posten anstatt regelmässig im Orchester zu spielen. Und das, obwohl die Eltern uns von Kindesbeinen an in den Tennisclub und die Geigenstunde geschickt hätten.

Sie macht den Stress im Job dafür verantwortlich: «Ist doch klar, dass sich unsere Interessen verschoben haben, die ungeregelten Arbeitszeiten und das ständige Verfügbar-sein-Müssen von heute erlauben ja auch gar keine festen Vereinstermine mehr. Wer kann und will sich schon noch ernsthaft dazu verpflichten, jeden Donnerstagabend um 19 Uhr auf dem Tennisplatz zu stehen? Was, wenn da noch eine wichtige Mail reinkommt?!»

«Das Engagement stagniert»

Jugendforscher bestätigen Hackobers Eindruck: «Das soziale Engagement im klassichen Rahmen wie im Verein, in der Pfadi oder im Fussballclub stagniert, die Mitgliederzahlen sinken seit Jahren», sagt Jugendforscherin Martina Mousson.

Ein Vereinsengagement oder ein regelmässiges Hobby kenne heute, im Zeitalter des Internets, neue, lockerere Formen, die mehr Flexibilität in der Zeitgestaltung zulassen würden. Das gelte gleichermassen für die Arbeitswelt. «Die Millennials beantworten auch schon mal ein Mail nach Feierabend, gleichzeitig wird aber auch im Büro ein Ferienflug gebucht oder in der Mittagspause gejoggt.» Wichtig sei ihnen, dass alles im Lot bleibe, denn Freizeit und Hobbys seien Jugendlichen wichtig – eine solide Ausbildung aber ebenso.

Jugendforscher Philipp Ikrath beobachtet einen Trend hin zu individuelleren Aktivitäten. «Während immer weniger Leute zu den Pfadfindern gehen oder sich im Orchester engagieren, sind die Fitnesscenter und Yogastudios meist pumpenvoll.» Auch Konzerte und Musikfestivals seien jeweils gut besucht. «Es ist nicht so, dass die Jungen keine Hobbys mehr hätten, sie gestalten ihre Freizeit jedoch deutlich individualistischer als vorherige Generationen.»

Eine Gesellschaft gibt es für viele nicht mehr

«Vielen Millennials wurde in der Kindheit beigebracht, dass sie selbst das Wichtigste auf der Welt sind und alles erreichen können, was Sie wollen.» Sie seien also immer auf der Suche nach einem besseren Job, einem besseren Partner oder einem spannenderen Zeitvertreib. Dies führe dazu, dass der Verein mit seinen fixen Strukturen und Terminen zum Auslaufmodell verkomme, mit Folgen für die Gesellschaft: Ein Gemeinschaftsgefühl sei bei vielen Jungen nicht mehr vorhanden. Zwar sei ihnen bewusst, dass es Probleme gebe, die alle beträfen, vielfach höre man dann aber nur den Satz: «Was kann ich allein schon dagegen tun?» «Den Jungen kommt nicht in den Sinn, sich gemeinsam für etwas zu engagieren.» Das habe Folgen: «Einige junge Menschen sind mit dem Individualismus und der Flexibilität überfordert und wünschen sich Struktur und Gemeinschaft», so Ikrath.

Bei der Pfadi-Bewegung Schweiz stellt man keinen markanten Mitgliederrückgang fest. «Unsere Mitgliederzahlen haben in den letzten Jahren zwar etwas abgenommen, 2015 haben wir aber einen Mitgliederzuwachs von 4,3 Prozent verzeichnet», sagt Sprecherin Sylvia Wenger. Auch sei es kein Problem, die Pfadileiter aufzubieten. «Die, die sich engagieren, haben dann auch Zeit.» Wer statt in die Pfadi ins Fitnesscenter gehe, verpasse etwas. «Beide Aktivitäten bieten Bewegung, aber bei der Pfadi kann man die Natur geniessen.» Ausserdem komme es der Pfadi auch auf Teamwork an. «Man lernt, mit anderen umzugehen, anstatt nur auf sich selbst zu schauen.»

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