Aktualisiert 15.01.2013 08:08

Noch nichts verloren

Minder & Co. geraten zu früh in Panik

Die jüngste Umfrage prophezeit der Abzocker-Initiative einen Ja-Anteil von nur noch 54 Prozent. Minder-Mitarbeiter Claudio Kuster spricht von einer Katastrophe – und baut damit die Gegner auf.

von
S. Hehli
Claudio Kuster (ganz rechts, neben Thomas Minder) bezeichnet die jüngste Umfrage zur Abzocker-Initiative als Katastrophe.

Claudio Kuster (ganz rechts, neben Thomas Minder) bezeichnet die jüngste Umfrage zur Abzocker-Initiative als Katastrophe.

Der «SonntagsBlick» verkaufte die von ihm in Auftrag gegebene Sondierung zur Abzocker-Initiative als «Umfrageschock für Blocher, Bosse und Bundesrat». Was dank der Alliteration schön tönt, zielt an der Realität vorbei: Denn geschockt waren nicht etwa die Gegner der Abzocker-Initiative – sondern Minder und Co. Claudio Kuster vom Initiativkomitee twitterte: «Ohje, nur 54% Ja, bereits 30% Nein, innert kürzester Zeit. Katastrophen-Umfrage im SoBli heute. Tja, 8 Mio. wirken :-(»

Was die Initianten betrübt: Sie büssten im Vergleich zu einer Umfrage im Mai deutlich an Zustimmung ein – von damals 77 Prozent sackten sie 23 Prozentpunkte ab. Die acht Millionen, von denen im Tweet die Rede ist, beziehen sich auf das Kampagnenbudget von Economiesuisse. Der Abstimmungskampf des Wirtschaftsdachverbands läuft auf Hochtouren: Die Plakate mit der Aufforderung, das Kleingedruckte der Initiative zu lesen, sind omnipräsent.

Eine nennenswerte Ja-Kampagne findet hingegen nicht statt. Das bürgerliche Unterstützungskomitee «Volk gegen Abzocker» hat bisher gerade mal 20'000 Franken gesammelt. Aus dieser Diskrepanz entspringt die Angst der Initianten, dass ihnen die Felle trotz der einst enormen Popularität ihres Anliegens davonschwimmen.

«So nehmen sie Dynamik aus der Kampagne»

Politexperte Michael Hermann hält es dennoch für verfehlt, jetzt pessimistisch, ja gar defätistisch zu kommunizieren. Schliesslich sei für die Initianten noch nichts verloren: «Es handelt sich nur um eine Umfrage, und die kann auch falsch sein» – Isopublic habe nicht dieselbe Erfahrung bei politischen Umfragen wie etwa das gfs von Claude Longchamp.

Hermann betont, Minder und seine Mitstreiter müssten jetzt Zuversicht ausstrahlen, zumal sie ja noch eine deutliche Mehrheit hätten. «Sonst nehmen sie Dynamik aus der Kampagne und bauen damit die Gegner der Initiative weiter auf.» Und das in einer heissen Phase: Laut Hermann wäre es für die Ja-Kampagne wichtig, nun prominente bürgerliche Überläufer präsentieren zu können. Doch diese werden kaum das Risiko auf sich nehmen, sich gegen die eigene Partei zu stellen, wenn selbst die Initianten öffentlich an ihren Erfolgschancen zweifeln.

Befürworter sprechen von Weckruf

Claudio Kuster sagt, er sei halt ehrlich und in seinem ersten Abstimmungskampf vielleicht auch ungeschickt. «Aber für mich ist es wirklich schlimm, wenn die Ja-Anteile derart massiv zusammenschmelzen.» Der Co-Initiant hält Hermann entgegen, es schade nichts, die Sympathisanten der Vorlage aufzurütteln. «Viele lehnten sich bisher zurück und glaubten, die Initiative sei ein Selbstläufer.» Immerhin kann Kuster den ersten CVP-Nationalrat im Pro-Komitee willkommen heissen: den altgedienten Waadtländer Jacques Neirynck.

SP-Nationalrätin und Minder-Verbündete Susanne Leutenegger Oberholzer versteht die Isopublic-Umfrage ebenfalls als Weckruf zur richtigen Zeit: «Jetzt müssen wir uns sputen, um den Vorsprung zu halten.» Die Baselbieterin möchte vor allem die Frauen wecken, bei denen die Zustimmungsrate zur Initiative laut Umfrage bei nur 46 Prozent liegt (Männer: 59 Prozent). Ob diese Zahlen überhaupt stimmen, bezweifelt Claudio Kuster – und damit die Aussagekraft der gesamten Umfrage: «Die Frauen hatten schon immer grosse Sympathien für unsere Initiative.»

Weniger Köpfe, mehr Inhalte

Die SP verschickt nächste Woche eine Abstimmungszeitung mit einer Auflage von mehr als einer Million in die Schweizer Haushalte. Aufgrund der Pannen, die Economiesuisse bisher unterliefen, sei der Abstimmungskampf für die Pro-Seite zu gewinnen, glaubt SP-Kampagnenexpertin Min Li Marti. «Doch dafür müssen wir den stark personalisierten Abstimmungskampf auf eine inhaltliche Ebene bringen.» Einen Anhaltspunkt, ob das gelingt, wird in etwa zwei Wochen die gfs-Umfrage im Auftrag von SRF liefern.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.