Aktualisiert 16.03.2020 15:32

Schlupfloch«Minecraft»-Bibliothek enthält zensierte Texte

In vielen Ländern der Welt ist die Pressefreiheit nicht gegeben. Dank «Minecraft» können zensierte Texte nun dennoch gelesen werden.

von
doz

So sieht die «Minecraft»-Bibliothek aus. (Video: Reporter ohne Grenzen)

Bei «Minecraft» denkt man erst einmal an ein Spiel, mit dem vor allem Kinder und Jugendliche viel Zeit verbringen. Dass das Game aber noch einen ganz anderen Nutzen haben kann, zeigt die Organisation Reporter ohne Grenzen. Zum Welttag gegen Internetzensur am 12. März hat sie eine Bibliothek im Spiel veröffentlicht, die Zugang zu Texten bietet, die in vielen Ländern verboten sind.

Zu finden sind vor allem Artikel von Journalisten, die in Ländern wie Ägypten, Mexiko, Russland, Saudiarabien und Vietnam verboten sind. Zwar sind diese Texte in vielen Online-Archiven in diesen autokratischen Staaten gesperrt, da «Minecraft» aber zugänglich ist, hat die Organisation dieses Schlupfloch ausgenutzt.

Presse vom Staat gelenkt

«In vielen Ländern der Welt gibt es keinen freien Zugang zu Informationen. Websites werden blockiert, unabhängige Zeitungen konfisziert, die Presse vom Staat gelenkt. Junge Menschen wachsen auf, ohne sich eine eigene Meinung bilden zu können», lässt sich Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, auf der Website der Organisation zitieren. Man nutze darum das weltweit populärste Computerspiel «Minecraft» als Medium und ermögliche so den Zugang zu unabhängigen Informationen. Es dauerte drei Monate, bis die Bibliothek fertiggestellt werden konnte. Mitgeholfen haben unter anderem auch Experten der auf «Minecraft» spezialisierten Firma Blockworks.

Pressefreiheit und Zensur

Betritt man die virtuelle Bibliothek, findet man sich in einer grossen Eingangshalle wieder. Dort kann man sich über die Situation der Pressefreiheit in 180 Ländern der Welt informieren. Danach stehen fünf weitere Räume zur Verfügung, die jeweils einem Land gewidmet sind, in dem die Presse stark zensiert wird.

In Ägypten werden beispielsweise die meisten Medien vom Staat kontrolliert. In der «Minecraft»-Bibliothek sind aber Werke von Mada Masr zu finden, der letzten ägyptischen Website, die noch unabhängige Nachrichten verbreitet. Sie ist seit Mai 2017 im Land selbst blockiert.

Khashoggis Texte

Ähnlich sieht es in Mexiko aus. Es gilt laut Reporter ohne Grenzen seit Jahren als das gefährlichste Land der Welt für Medienschaffende, in dem kein Krieg herrscht. So werden Journalisten, die frei berichten, oft eingeschüchtert, bedroht und auch immer wieder ermordet. Viele verschwinden spurlos. Die unzensierte Bibliothek in «Minecraft» enthält beispielsweise Texte des Journalisten Javier Valdez, der am 23. Mai 2017 erschossen wurde.

Des Weiteren sind in der Bibliothek Texte des saudiarabischen Journalisten Jamal Khashoggi zu finden, der 2018 in der Botschaft seines Landes in Istanbul ermordet wurde. Auch Artikel des vietnamesischen Menschenrechtsanwalts Nguyen Van Dai können gelesen werden. Er wurde im April 2018 zu 15 Jahren Gefängnis und fünf Jahren Hausarrest verurteilt, aber später freigelassen.

Die Website Die Idee für die unzensierte Bibliothek stammt von der deutschen Werbeagentur DDB. Sie hat sich schon in der Vergangenheit für die Verbreitung zensierter Texte eingesetzt. Die «Minecraft»-Bibliothek kann auf dieser Website heruntergeladen werden. Wer nicht «Minecraft» spielt, kann die Bibliothek aber auch direkt auf der Webseite durchstöbern. Alle Inhalte sind in Englisch und der Originalsprache vorhanden.

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