Aktualisiert 09.08.2011 09:23

«Das Gesicht der Hungersnot»Minhaj scheint über dem Berg zu sein

Ein seltener Glücksmoment im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia: Vor zwei Wochen stand Minhaj Gedi Farah noch kurz vor dem Tod. Doch dann kam alles anders.

von
M. Muhumed
AP

Es ist knapp zwei Wochen her, da war der kleine somalische Flüchtling Minhaj Gedi Farah mehr tot als lebendig: zu schwach zum Weinen, nur Haut und Knochen, mit sieben Monaten nicht schwerer als ein Neugeborenes. Jetzt scheint der Kleine über dem Berg zu sein.

Die Ärzte fürchten nicht mehr, dass er stirbt - so wie die über 29 000 Kinder, die schon verhungert sind. Es ist ein seltener Glücksmoment inmitten des unvorstellbaren Elends der Eltern im grössten Flüchtlingslager der Welt, wo ein Vater an einem Tag zwei Töchter und am nächsten den Sohn begraben muss.

«Zehntausende sind schon gestorben»

Im Spital aufgepäppelt, wiegt Minhaj jetzt gute 3800 Gramm. Das ist immer noch viel zu wenig für sein Alter, aber schon besser als die knapp 3400 Gramm, mit denen er ins Lazarett kam.

Rückkehr ins Leben

Seine Wangen beginnen sich zu runden, neugierig blickt der Winzling um sich und bestaunt fasziniert den Fotografen, der seinen Fortschritt dokumentiert. «Sein Zustand ist stabil, er macht sich gut», sagt der Arzt John Kiogora vom International Rescue Committee, der das Baby seit seiner Ankunft Ende Juli betreut.

Für seine Mutter ist es ein Wunder - und der lebende Beweis dafür, mit wie viel Engagement die Ärzte und Pfleger hier versuchen Leben zu retten, während tagtäglich weitere schwer unterernährte Kinder eintreffen.

«Er hat keine Probleme verglichen mit den vergangenen Tagen», berichtet seine Mutter Asiah Dagane. Sie lächelt befreit und gibt dem Kleinen immer wieder Küsschen auf die Wangen. «Nachts schläft er jetzt durch. Wenn er aufwacht, hat er Hunger und will Milch.»

Geburt und Tod im Lager

Die meisten Eltern hatten nicht so viel Glück. Neuankömmlinge in Dadaab berichten, dass ihnen auf dem Fussmarsch aus Somalia die Kinder an Hunger und Krankheit weggestorben sind, manchmal vier Geschwister einer Familie.

Andere mussten unsägliche Entscheidungen treffen: Welche Kinder nehmen sie mit und welche lassen sie unter Bäumen zum Sterben zurück, damit ihretwegen nicht die ganze Familie stirbt.

Während Minhajs Mutter am Wochenende seine Genesung feiert, muss Muhumed Surow seine einjährige Tochter Liin begraben. In der Nacht ist sie gestorben. Schluchzend hockt der 27-Jährige neben dem Grab seines kleinen Mädchens, andere Flüchtlinge trauern mit ihm und versuchen zu trösten.

«Ich hatte nicht geglaubt, ein Kind zu verlieren, als ich in dieses Land kam. Ich habe mir gesagt, das Kenia ein friedliches Land ist. Aber was ich vorfand, war ein schlechtes Land, wo immerzu Wind weht. Darunter haben unsere Kinder gelitten. Deshalb bin ich so traurig», klagt er.

Sein Dreijähriges hat überlebt. Seine Frau Hamaro Mohamed brachte zwei Tage vor dem Tod von Liin einen Jungen zur Welt, Hamdi, und versucht, daraus Trost zu schöpfen. «Der Verlust meiner Tochter bereitet mir Schmerz und Kummer. Ich kann nichts daran ändern. Aber ich bete zu Gott, dass das neue Kind ein langes Leben hat», sagt die 24-Jährige.

Täglich sterben mehrere hundert Kleinkinder

Den Kummer teilen hier viele. Von Mayow Aden Alis sechs Kindern sind drei in Dadaab gestorben. Am Freitag begrub er seine sechs Monate alte Tochter und ihre fünfjährige Schwester. Am Samstag begrub er den zweijährige Sohn.

«Sie wurden ins Spital gebracht, aber die Ärzte konnten sie nicht retten», sagt Ali. Er überlegt jetzt, nach Somalia zurückzukehren - zu den drei Kindern, die ihm geblieben sind.

Allein in Südsomalia sind Schätzungen zufolge in den vergangenen drei Monaten über 29 000 Kinder unter fünf Jahren gestorben. Es dürften noch mehr werden: Nach UNO-Angaben sind 640 000 somalische Kinder unterernährt.

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