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Ignazio Cassis konnte nicht helfenSchweizerin wegen Frauen-Protest in Minsk zu 2,5 Jahren Haft verurteilt

Die Ostschweizerin Natalie Hersche muss nach ihrer Teilnahme an einem Protestmarsch in Weissrussland in Haft. Ihr Lebenspartner ist ratlos.

von
Joel Probst

Hier wird die im September an einem Frauenmarsch verhaftete Schweizerin Natalie Hersche in den Gerichtssaal eskortiert.

Menschenrechtsorganisation Viasna

Darum gehts

  • Das Gericht in Minsk verurteilt Natalie Hersche zu zwei Jahren und sechs Monaten im Gefängnis.

  • Die Polizei verhaftete die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin im September an einem Protestmarsch in Minsk.

  • Die Anwältin der Schweizerin plädierte auf einen Freispruch.

Traurige Gewissheit nach über zwei Monaten Bangen: Die Ostschweizerin Natalie Hersche muss die nächsten 2,5 Jahre in Weissrussland hinter Gittern verbringen. Das Gericht in Minsk verurteilte die 51-Jährige laut einem Bericht der weissrussischen Menschenrechtsorganisation «Viasna», weil sie Widerstand gegen die Polizei geleistet haben soll. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigt das Urteil. Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin wurde im September von der weissrussischen Polizei verhaftet, als sie an einem Protestmarsch teilnahm.

Mit dem Urteil folgt der Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Sie wirft Natalie Hersche vor, einem 22-jährigen Polizisten die Sturmhaube zerrissen und ihn im Gesicht gekratzt zu haben, als dieser sie verhaften wollte. Zudem muss Hersche dem Polizisten eine Entschädigung von umgerechnet knapp 350 Franken bezahlen. Die offenbar zerrissene Sturmhaube muss sie der Polizei ersetzen.

Natalie Hersche vor Gericht.

Natalie Hersche vor Gericht.

Menschenrechtsorganisation Viasna

Hersche «wirkte optimistisch»

Für Hersche kommt das Urteil überraschend: Am Morgen habe sie optimistisch gewirkt, berichteten die Beobachter von «Viasna». In ihrer letzten Aussage kritisierte die Schweizerin die Zustände in Weissrussland und forderte Meinungs- und Versammlungsfreiheit. «Damit die Polizisten ihre Gesichter nicht vor friedlichen Demonstranten verstecken.»

Hersches Lebenspartner Robert Stäheli ist nach dem Urteil ratlos. Er kann die Situation noch immer nicht ganz fassen: «Ich muss das jetzt erstmal selber verdauen.» Für ihn ist es unfassbar, dass seine Partnerin wegen einer zerrissenen Sturmmaske ins Gefängnis gesperrt wird. Seit Monaten konnte er nicht mehr mit seiner Partnerin sprechen und hat keine Ahnung, wie es ihr geht. Nur loser – und zensierter – Briefwechsel ist möglich.

Völlig überrascht wurde Stäheli vom Schuldspruch seiner Partnerin aber nicht: «Ich habe mich auf einen negativen Ausgang vorbereitet. Ich kann leider nicht ganz blauäugig durchs Leben gehen.» Für ihn ist die weissrussische Justiz «eine Farce»: «Eine Berufung wäre der gleichen Willkür ausgesetzt, wie der Prozess.» Stäheli fordert deshalb, dass die Schweiz Sanktionen gegen das Land verhängt: «Sie hat eine Chance, wenn die Schweiz politischen Druck auf Weissrussland ausübt.»

EDA prüft nächste Schritte

Das EDA sagt auf Anfrage, dass der schweizerische Botschafter in Minsk als Beobachter am Prozess teilgenommen habe, um die Bedeutung zu unterstreichen, die der Gerichtsfall für das Departement habe. «Das EDA wird nun zusammen mit der Anwältin von Frau Hersche die nächsten Schritte evaluieren», so Sprecherin Elisa Raggi. Die Schweizerin werde weiterhin im Rahmen des konsularischen Schutzes betreut.

«Wir sind schockiert über das heutige Urteil», sagt Lars Bünger, Präsident der Menschenrechtsorganisation Libereco, die denn Fall eng verfolgt und mit einer Petition die Freilassung von Hersche fordert. Die Haftstrafe für Natalie Hersche stehe sinnbildlich für den verbrecherischen Charakter der Lukaschenko-Regierung: «Seit Monaten geht das Regime des Diktators mit massiver Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor: Folter, Misshandlungen und Vergewaltigungen – selbst vor politischem Mord schreckt das Regime nicht zurück.» Er erwarte nun von Aussenminister Cassis und Bundespräsidentin Sommaruga eine «energische Reaktion» gegenüber dem Lukaschenko-Regime.

Die Anwältin der Schweizerin forderte einen Freispruch. Auch Bundesrat Ignazio Cassis setzte sich in einem Telefonat mit dem weissrussischen Aussenminister vor rund einem Monat für die Freilassung der Schweizerin ein – ohne Erfolg.

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