Aktualisiert 04.02.2013 20:17

«Skandalstreifen»

«Mir ist egal, was das für meine Karriere bedeutet»

Niemand hat ihn gesehen. Trotzdem wirft Michael Steiners PR-Streifen gegen die Abzocker-Initiative hohe Wellen. Im Interview erklärt er, warum er sich von Economiesuisse einspannen liess.

von
Sven Zaugg
Regisseur Michael Steiner: «Thomas Minder verschreit den letzten Swissair-Chef Mario Corti als Abzocker, was schlicht nicht stimmt.»

Regisseur Michael Steiner: «Thomas Minder verschreit den letzten Swissair-Chef Mario Corti als Abzocker, was schlicht nicht stimmt.»

Herr Steiner, warum lassen Sie sich von Economiesuisse vor den Karren spannen?

Michael Steiner: Ich lasse mich von niemandem vor den Karren spannen. Economiesuisse und ich sind bei der Minder-Initiative einfach gleicher Meinung, darum habe ich einen viralen Spot gedreht. Ich sehe mich als liberalen Zeitgenossen. Bei dieser Abstimmung geht es ja nicht um politische Positionen wie rechts oder links, sondern um den sozialen Frieden im Land.

Warum setzen Sie sich gegen die Initiative von Thomas Minder ein?

Das hat mit meinem Film «Grounding» zu tun: Thomas Minder verschreit den letzten Swissair-Chef Mario Corti als Abzocker, was schlicht nicht stimmt.

Mario Corti erhielt für den Swissair-Chefsessel eine Vorauszahlung von 12,5 Millionen Franken und war nie der Heilsbringer, als den Sie ihn in Ihrem Film dargestellt haben.

Ich habe Mario Corti nicht als Heilsbringer dargestellt, sondern die Gründe seines Scheiterns aufgezeigt. Die 12,5 Millionen wurden Herr Corti übrigens angeboten und zwar als Lohn für fünf Jahre, also 2,5 Millionen pro Jahr. Und das in einem Moment, als der ganze Verwaltungsrat zurückgetreten und jedermann im Land wusste, dass dieses Engagement ein Hochrisikojob war. Herr Corti war damals CFO bei Néstle. Er hat also berufliche Sicherheit, gutes Salär und seinen guten Ruf gegen hohes Risiko und weniger Verdienst eingetauscht – so etwas macht kein Abzocker.

Verkennen Sie mit dieser Argumentation nicht, dass es tatsächlich Manager in Führungspositionen gibt, die astronomische Summen kassieren.

Natürlich gibt es die! Aber das sind im Verhältnis zu allen aufrichtigen Unternehmern ein paar wenige, die vor allem in der Finanzindustrie arbeiten. Das Volk ist zu Recht erzürnt über Manager, die Unternehmen an die Wand fahren und dafür noch Geld kassieren. Diese Fälle hätten auch juristische Konsequenzen haben müssen, nur ist das leider nicht passiert und die Abzocker sitzen immer noch auf ihrer Kohle. Das lässt sich aber mit der Wut im Bauch nicht rückgängig machen. Man kann den sozialen Frieden nicht mit einem Eingriff ins Aktienrecht an den Staat delegieren. Für das hat man Nachbarn, die mit dem Finger auf die Fehlbaren zeigen können, wenn sie denn die Zivilcourage dafür aufbringen.

Daniel Vasella war nicht im Finanzsektor tätig und liess sich trotzdem fürstlich entlöhnen. Was meinen Sie: Sind die hohen Managersaläre wirklich nur ein Problem in der Finanzbranche?

Herr Vasella hat sein Image selber zu verantworten und es wäre sicher goutiert worden, wenn er mehr von seinem Geld gespendet hätte.

Ist Economiesuisse ein glaubwürdiger Verband für Sie?

Ich habe während der Arbeit am Film realisiert, dass der Verband ein heterogenes Gebilde ist, in dem verschiedenste Meinungen angehört werden. Das ist an sich ja schon mal positiv.

Haben Sie Angst, dass der PR-Film Ihrer Karriere schaden wird?

Mich hat es brüskiert, dass Herr Minder Mario Corti landauf, landab als Abzocker hinstellt. Dagegen wehre ich mich. Mir ist egal, was das für meine Karriere bedeutet.

Mit der politischen PR beschreiten Sie in der Schweiz als Filmemacher neue Wege. In den USA sind solche Spots an der Tagesordnung.

Ja, das ist Neuland hier. Der Film ist ja als Webvideo gedacht und als solches muss es polarisieren, sonst würde es viral nicht verbreitet. Ein Schulfilm über die Nachteile der Initiative bringt keinen jungen Menschen dazu, sich mit der Materie auseinanderzusetzen.

Wird mit der politischen Propaganda nach amerikanischem Vorbild eine Diskussion in der Bevölkerung nicht eher verhindert? Ganz nach dem Motto des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush: «You're either with us, or against us.»

Nein, es ist momentan eher so, dass das Thema nach dem Facebook-Schema «Like-it-or-not» behandelt wird. Wer gegen die Initiative ist, ist nicht automatisch für Abzocker. Das wollen die Befürworter dem Volk aber so eintrichtern. Dieser Manipulation kann man mit einem polarisierenden Film auch mal entgegen halten.

Wie gross war das Budget für den Film?

Weniger als die falsch kolportierten 300'0000 Franken.

Das heisst?

Der Film geht dreieinhalb Minuten. Ein normaler Werbespot dauert 30 Sekunden und kostet zwischen 150'000 und 300'000 Franken. Wir waren da im Vergleich deutlich günstiger.

Was ist im Film zu sehen?

Man sieht die schlechtestmögliche Wendung im Jahre 2026, nachdem die Minder-Initiative angenommen wurde. Flüchtlinge verlassen die Schweiz und überqueren die Rheinbrücke in Richtung Deutschland. Es gibt Unruhen im Lande und die UNO ist involviert. Ganz im Stil von Roland Emmerichs apokalyptischen Filmen.

Wer hat den Film zuerst gesehen?

Ich habe den Rohschnitt der Kampagnenleiterin Ursula Fraefel von Economiesuisse gezeigt.

Wie hat sie reagiert?

Sie fand den Film gut. Gerade wird er Personen gezeigt, die mit der Kampagne zu tun haben. Und natürlich wird der Streifen nicht jedem gefallen.

Aber warum das Versteckspiel? Der Film hätte ja heute ausgestrahlt werden sollen.

Eine Evalulierung ist kein Versteckspiel, sondern ein demokratischer Prozess. Letztlich muss Economiesuisse entscheiden, wann der Film kommt. Ein offizieller Starttermin seitens des Verbandes wurde nie kommuniziert. Das Timing innerhalb einer Kampagne hat immer auch mit Befindlichkeiten zu tun und in diesem Fall mit der Berichterstattung in den Medien. Es kann durchaus sein, dass der Film unter Verschluss bleibt.

Und das wäre eine persönliche Niederlage für Sie?

Nein. Ich hatte von Anfang an keine Garantie, dass der Film ausgestrahlt wird.

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