Aktualisiert 21.01.2016 20:36

Leserschicksale

«Mir wurde an Heiligabend gekündigt»

Wie verkraftet man eine Kündigung? 20-Minuten-Leser berichten, wie der Jobverlust ihnen den Boden unter den Füssen weggezogen hat.

von
daw

In der Schweiz waren im Dezember rund 160'000 Personen arbeitslos – so viele wie seit April 2010 nicht mehr. Im Januar schockte der Industriekonzern Alstom mit der Ankündigung, 1300 Jobs zu streichen.

Laut Wissenschaftlerin Louisa Lorenz von der Uni Zürich treibt ein Jobverlust manche Menschen in die Depression. Gerade Jüngere hingegen betrachteten eine Entlassung jedoch oft als neue Chance: Eine Kündigung könne auch eine Erleichterung sein. Einschneidend ist der blaue Brief aber immer, wie die Leserreaktionen auf das Interview zeigen.

Kündigung zur Unzeit

Eine Bescherung der üblen Art erlebte Kurierfahrer Christian Voser. «Mir wurde am 24. Dezember gekündigt», sagt der 25-Jährige. Grund war ein Streit mit dem Arbeitgeber: Dieser hatte ihm nach eigenen Angaben Krankheitstage von den Ferien abgezogen, obwohl er ein Arztzeugnis habe vorweisen können.

Mittlerweile hat er schon 40 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. Voser, der ursprünglich Gärtner gelernt, aber nicht abgeschlossen hat, plagen nun Existenzängste: «Die Situation zieht mich runter.» Voser fürchtet, dass er seine Miete nicht mehr bezahlen kann und tiefer in den Schuldensumpf gezogen wird. Der Zürcher kennt das Gefühl, arbeitslos zu sein: Vor drei Jahren war er schon einmal ausgesteuert.

Damals hätten sich Freunde von ihm abgewendet, weil er immer absagen musste – sei es ein Nachtessen im Steakhouse oder Thailand-Ferien mit Kollegen. Jetzt hofft er, möglichst bald einen neuen Job zu finden. «Ich bin mir für keine Arbeit zu schade und würde auch Bahnhofs-WCs reinigen.» Oder er könne sich vorstellen, noch einmal eine Lehre anzufangen.

Jobverlust im Nachhinein ein Glücksfall

«Ein Schock» war die Kündigung auch für Automechaniker Hugo Barbosa. Sein Lehrbetrieb übernahm ihn nach der Abschlussprüfung, stellte ihn aber 2013, wenige Monate später, aus wirtschaftlichen Gründen vor die Tür. «Im Nachhinein kann ich sagen, dass die Kündigung bei mir einen Schalter betätigt hat.» Arbeitslos war er nur einen Monat, danach fand er dank seiner guten Noten wieder eine Stelle in einer Werkstatt, wo die Arbeitsbedingungen weit besser gewesen seien als im ersten Betrieb.

Der heute 23-Jährige arbeitet mittlerweile als Supporter in der IT-Branche und besucht die Höhere Fachschule. «Ich habe meine Berufung gefunden. Wäre die Kündigung nicht passiert, wäre ich wohl noch immer als Mechaniker tätig.»

«Erleichterung weicht schnell der Ernüchterung»

Reinhard Schmid, Berufsberater des S&B Instituts, warnt allerdings davor, Kündigungen auf die leichte Schulter zu nehmen. «Wenn man nicht gleich wieder eine Stelle findet, weicht der Optimismus schnell der Ernüchterung – spätestens wenn der Fall in die Sozialhilfe droht.» Er stelle fest, dass eine Kündigung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor allem dann eine Erleichterung sei, wenn man sich bei der Berufswahl vertan habe.

Eine Kündigung kann man laut Schmid nicht immer verhindern – wichtig sei aber, dass man als Arbeitnehmer fit für den Arbeitsmarkt bleibe. «Heute muss man sich weiterbilden und sich dem Strukturwandel anpassen.»

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