Libyen: Mischt Gaddafi die Uno auf?
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LibyenMischt Gaddafi die Uno auf?

Libyen übernimmt am Dienstag turnusgemäss für ein Jahr den Vorsitz der Uno-Vollversammlung. Acht Tage später darf Gaddafi in New York vor Staats- und Regierungschefs aus aller Welt sprechen, direkt nach US-Präsident Barack Obama.

Allerdings muss sich das politische Irrlicht aus Tripolis diesmal kurz fassen. Er soll nur fünf Minuten Redezeit erhalten. Doch ob er sich an diese Beschränkung halten wird, weiss niemand zu sagen. Auch wann er genau anreist, ob er in einem seiner bunten Fantasiegewänder auftreten wird und wo er nächtigen will – nachdem ihm die Amerikaner keinen Platz für sein Beduinenzelt zuweisen wollten – weiss noch niemand zu sagen.

Gaddafi hat schon angekündigt, dass er in New York einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat für den afrikanischen Kontinent fordern will sowie Kompensation für die Kolonialzeit und die Sklaverei.

Kein Zeitplan

Der Beduinensohn, der sich 1969 an die Macht putschte, zaubert während der Vollversammlung sicher noch die eine oder andere Überraschung aus dem Sack. Schliesslich hat der «Bruder Führer» zu fast allem eine Meinung.

«Unser Staatschef ist kein normaler Präsident, der vor einer Reise einen Zeitplan ankündigt», heisst es in Tripolis. Nun denn, «normal» ist es auch nicht, wenn die staatliche Nachrichtenagentur eines Landes den Staatschef als «Bruder Revolutionsführer, Vorsitzender der Afrikanischen Union, König der Könige von Afrika, Repräsentant der afrikanischen Führer und Präsidenten» betitelt.

Erst wollte er bei der Uno die Auflösung der Schweiz beantragen, weil die Genfer Polizei seinen Sohn vorübergehend festgenommen hatte. Jetzt reist der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi zum ersten Mal seit seiner Amtsübernahme vor 40 Jahren in die USA.

Das schmerzt einige der Angehörigen der Opfer des Absturzes der Pan-Am-Maschine, die 1988 über dem schottischen Lockerbie abstürzte, denn erst kürzlich liess die libysche Führung dem wegen eines Krebsleidens aus der Haft entlassenen Lockerbie-Attentäter Abdel Basset al-Megrahi in Tripolis einen Jubelempfang bereiten.

Gaddafi, dessen Aussenpolitik von ausländischen Diplomaten als «bizarr» charakterisiert wird, besucht aber nicht Washington, sondern nimmt Kurs auf New York. Denn an diesem Dienstag übernimmt Libyen turnusgemäss für ein Jahr den Vorsitz der Uno-Vollversammlung.

Die Wurzel allen Übels in Afrika sei Israel, tönte er kürzlich. Auf seiner Website www.algathafi.org kann man folgenden Satz nachlesen: «Heute folgt die Nato Napoleons und Hitlers Strategie, um Russland zu erreichen.»

Ein Ruf wie Donnerhall

Bei den Arabern hat Gaddafi, der dienstälteste Staatschef der Welt, einen Ruf wie Donnerhall. Viele arabische Politiker halten ihn schlicht für verrückt.

Einige Intellektuelle schätzen jedoch seinen unkonventionellen Stil und die Häme, mit der er gelegentlich über die Arabische Liga herzieht.

Während eines Gipfeltreffens der Liga im vergangenen März kommentierte er den Tod des von den USA gestürzten und später hingerichteten irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein mit den Worten: «Wie konnten wir akzeptieren, dass eine fremde Macht einen arabischen Führer stürzt, und wir schauen einfach nur zu?» Dann blickte er in die Runde und fügte hinzu: «Ihr seid als Nächste dran!» (sda)

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