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Lehrreiche TaxifahrtMischte sich Xi Jinping inkognito unters Volk?

Chinas angehender Staatspräsident soll im Taxi gefahren sein, um etwas über die Sorgen der Bevölkerung zu erfahren. Alles ein PR-Coup? Peking hat kalte Füsse bekommen und dementiert.

von
kri

Im Drama «Heinrich V.» lässt Shakespeare den englischen König nachts verkleidet unter seine Truppen gehen, um deren Stimmung auszuloten. Dasselbe literarische Thema findet sich in Geschichten aus allen Ecken der Welt: Ein Monarch bekommt die Sorgen seiner Untertanen nur dann ungefiltert zu hören, wenn sie ihn für einen der Ihren halten. Auch der chinesische Präsident hat sich den Trick offenbar zu eigen gemacht, in modernisierter Form: Xi Jinping bestieg ein Taxi und hörte zu.

Taxifahrer gelten als verlässlicher Gradmesser für die Sorgen der Bevölkerung. So auch der 48-jährige Guo Lixin aus Peking. Kaum waren am 1. März zwei Personen eingestiegen, begann er sich über die schlechte Luft in der chinesischen Hauptstadt zu beklagen. Einer der Fahrgäste antwortete, dass die Regierung entschlossen sei, das Problem zu lösen. Aber er müsse sich gedulden, denn selbst die entwickeltsten Nationen der Erde hätten mit Umweltproblemen zu kämpfen.

Mikroblogger finden Gefallen an Xis Volksnähe

Mit einer solchen Antwort hatte Guo nicht gerechnet. Also drehte er sich um, um zu sehen, wen er da beförderte. Aber er erkannte den hohen Gast nicht, erst an einem Rotlicht dämmerte es ihm: «Hat Ihnen schon jemand gesagt, dass Sie Generalsekretär Xi ähnlich sehen?» Dieser antwortete: «Sie sind der Erste, der mich erkannt hat.» Laut Guo fragte ihn der angehende Präsident unter anderem, wie viel er als Taxifahrer verdiene.

So stand es am Donnerstag in der Hongkonger Zeitung «Ta Kung Pao», ausführlich illustriert mit Fotos von Guo Lixin, der Taxi-Quittung und einem handschriftlichen Grusswort von Xi Jinping (etwa «gute Reise!»). Auf dem chinesischen Mikroblogging-Dienst Weibo äusserten viele User Sympathie für ihr neues Staatsoberhaupt und seine volksnahe Art, sich die Sorgen des kleines Manns anzuhören und die Probleme beim Namen zu nennen.

Peking versteht wieder einmal keinen Spass

Da die Zeitung «Ta Kung Pao» als Peking-freundlich gilt und ihr Chefredaktor Jia Xiping früher in gleicher Position bei «Renmin Ribao» tätig war, dem Parteiorgan der Kommunistischen Partei Chinas, kam aber auch ein Verdacht auf: Könnte die Geschichte in Wahrheit ein klug inszenierter PR-Coup Xis gewesen sein? Ein Weibo-User witzelte, dass der japanische Premierminister Shinzo Abe regelmässig selbst einkaufen gehe und darum kein Aufheben gemacht werde.

Doch einmal mehr bewiesen die chinesischen Behörden, dass sie in solchen Dingen keinen Spass verstehen. Noch am selben Tag dementierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die Echtheit der Geschichte. Blitzschnell verschwand sie auch auf «Ta Kung Pao». Die Zeitung entschuldigt sich bei ihren Lesern für die Verbreitung einer Falschnachricht.

Ob Xi besagte Taxifahrt je angetreten hat, bleibt also ein Geheimnis. Zugegeben: Das Sicherheitsprotokoll für die chinesische Staatsführung ist äusserst streng. Dass das angehende Staatsoberhaupt mal eben in irgendein Taxi steigt, ist höchst unwahrscheinlich. Die «South China Morning Post» aus Hongkong spricht denn auch von einem «missratenen PR-Coup».

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