Aktualisiert 22.06.2016 09:18

Neue Juso-Präsidentin«Miss-Wahlen sind ein Frauen-Zoo»

Die neue Juso-Präsidentin Tamara Funiciello erklärt im Interview, warum ihr Schönheitswettbewerbe ein Graus sind und wie die Juso junge Wähler abholen will.

von
daw
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Die Bernerin Tamara Funiciello ist die erste Frau an der Spitze der Juso.

Die Bernerin Tamara Funiciello ist die erste Frau an der Spitze der Juso.

«Die Juso wird mit mir sicher nicht weniger provokativ. Wir provozieren aber nicht nur um der Provokation willen: Sie ist dort legitim, wo man auf eine Thematik aufmerksam machen will, über die sonst nicht geredet würde», sagt die 26-Jährige im Interview mit 20 Minuten.

«Die Juso wird mit mir sicher nicht weniger provokativ. Wir provozieren aber nicht nur um der Provokation willen: Sie ist dort legitim, wo man auf eine Thematik aufmerksam machen will, über die sonst nicht geredet würde», sagt die 26-Jährige im Interview mit 20 Minuten.

Keystone/Walter Bieri
Funiciello kämpft unter anderem gegen das Dienstleistungsabkommen Tisa ...

Funiciello kämpft unter anderem gegen das Dienstleistungsabkommen Tisa ...

Keystone/Lukas Lehmann

Frau Funiciello, Ihnen eilt der Ruf einer Rabaukin voraus. Wird die Juso auch in Zukunft Plakate mit nacktem Daniel Vasella zeigen?

Die Juso wird mit mir sicher nicht weniger provokativ. Wir provozieren aber nicht nur um der Provokation willen: Sie ist dort legitim, wo man auf eine Thematik aufmerksam machen will, über die sonst nicht geredet würde.

Der «Bund» schrieb über Sie, Ihnen komme auch mal ein Fluchwort über die Lippen. Stimmt das?

Man sollte hässliche Sachen nicht mit schönen Worten schönen, sondern ungeschminkt aussprechen. Aber es ist nicht so, dass ich einfach vor mich hinfluche, als gäbe es kein Morgen.

Sie treten ein schweres Erbe an. Der einfache Büezer wählt heute SVP, während die SP zur Akademiker-Partei verkommt. Auch Europas Jugend tickt zunehmend rechts. Warum?

Man hat Angst – vor Jobverlust, vor sozialem Abstieg. Die Rechten geben eine ganz plakative Antwort darauf: Es sind einfach die Ausländer schuld. Das ist eine sehr einfache Antwort, die der Komplexität der Situation niemals gerecht wird. Das Problem ist, dass die Linke zu wenig pointierte Antworten für die Ängste bietet. Mit echten linken Antworten gewänne man aber. Es gibt in Europa auch einen linken Flügel, der erstarkt.

Welches sind denn Ihre Antworten?

Die Rückverteilung. Man muss das Geld da holen, wo es ist. Die 62 reichsten Menschen besitzen gleich viel wie die ärmsten 3,5 Milliarden. Reiche und internationale Grosskonzerne müssen stärker besteuert werden. Wir wollen eine Wirtschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht am Profit.

Sie haben im Parteiorgan der Sozialdemokraten gesagt, Sie wollten «der Stachel im Arsch» der Mutterpartei sein. Ist die SP heute zu rechts? Zu viel Gurten-Manifest und Jositsch?

(Lacht). Ja, da müssen wir nicht lange diskutieren. Wir haben das Gefühl, dass die SP zu fest Jositsch und Gurten-Manifest ist. Wir müssen zurück zu sozialistischen Antworten.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, Sie seien Feministin von Kopf bis Fuss. Was heisst das?

Ich bin für die Abschaffung des binären Geschlechtersystems. Das heisst: Unabhängig vom Geschlecht, das man bei der Geburt hat, soll man sich als Individuum frei entfalten können. Heute ist es so, dass das Geschlecht tendenziell definiert, was man arbeitet, was man anzieht, wie man sich benimmt. Und Frauen verdienen heute immer noch 15 Prozent weniger, Gopfriedstutz! Drei von fünf Frauen in der Schweiz werden in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt. Diese Zahl ist der Wahnsinn und hat mit den Machtstrukturen in unserer Gesellschaft zu tun. Das kann es nicht sein.

Für die Kampagne «Mein Körper – meine Entscheidung» zogen sie sich aus. Sind Sie da nicht selbst in die Sexismus-Falle getappt?

Es war keine sexistische Falle. Es ging um die Fristenregelung bei der Abtreibung, die in den Medien kaum thematisiert wurde. Dann haben wir uns für die Provokation entschieden, und es hat bestens funktioniert.

2014 protestierten Sie gegen die Miss-Schweiz-Wahl. Auf Plakaten der Juso war «Sexistische Kommerz-Scheisse» oder «Frauen-Zoo» zu lesen. Gefallen Ihnen die Stichworte?

Definitiv. Miss-Wahlen sind ein Frauen-Zoo, die Frau ist das angestarrte Geschlecht. Man versieht Leute aufgrund ihres Aussehens mit einem Krönchen – und das im 21. Jahrhundert, wo angeblich innere Werte grossgeschrieben werden.

Angenommen, Sie hätten eine Tochter: Was würden Sie tun, wenn diese an einer Miss-Wahl teilnehmen wollte?

Meine Tochter würde kaum an einer Miss-Wahl teilnehmen wollen.

Sie sind Halbitalienerin, teilweise in Italien aufgewachsen. Hat Sie das geprägt?

Natürlich, aber es wäre nicht anders gewesen, wenn ich in Schaffhausen gewohnt hätte und nach Bern umgesiedelt wäre. Ich hatte nie ein Heimatgefühl. Ich habe darum auch Mühe mit der Frage, ob ich mich mehr als Italienerin oder Schweizerin fühle. Meine Werte haben nichts mit meiner Passfarbe zu tun. Meine Werte sind Solidarität, Gleichheit, Freiheit.

Dann muss die schöne EM ein Graus sein für Sie. Stört Sie das Singen der Nationalhymnen, das Schwingen der Nationalflaggen?

Natürlich ist die EM eine nationalistische Veranstaltung, aber ich verurteile niemanden deswegen. Ich frage mich einfach, wieso ich mich aufgrund meiner Herkunft mit einem Team identifizieren soll. Ich schaue gern guten Fussball, das hat aber rein gar nichts mit der Herkunft der Mannschaft zu tun.

Sie sind 26 und immer noch im Bachelor-Studium in Geschichte und Sozialwissenschaften. Sind Sie eine ewige Studentin?

(Lacht). Ich habe immer viel gearbeitet neben dem Studium, da ist ein volles Studienpensum einfach nicht möglich. Aber mein Ziel ist es, vor Cédric Wermuth abzuschliessen!

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