Aktualisiert 06.11.2015 20:53

«Spectre»

Mit 007 im Reich der Untoten

Bis jetzt musste man vermuten, James Bond sei die Lösung des Problems. Dabei ist er dessen Ursache. Spectre ist zurück. Und wie.

von
Gabriel Brönnimann

Eine schaurig-schöne Totenkopf-Parade, ein epischer Long-Take mit Daniel Craig, Bond-Girl, Bösewichten und 1500 Statisten. Wir befinden uns am Dia de los Muertos mitten in Mexiko-Stadt. Es ist die spektakulärste Eröffnungsszene der 53-jährigen Bond-Geschichte, die mit «Dr. No» (1962) begonnen hat. Ein Fossil für Kino-Verhältnisse. Aber noch vor dem fulminanten Einstieg gibt uns Regisseur Sam Mendes eine Affiche mit auf den Weg: «The dead are alive», die Toten sind am Leben.

Ja, Bond könnte tot sein. Tatsächlich. Es hätte viel schiefgehen können mit dieser Figur im neuen Jahrtausend – diesem «sexistischen Dinosaurier, dem Relikt des Kalten Krieges», wie seine Chefin M es damals in «Goldeneye» (1995) formuliert hatte. Aber Bond wurde mit der Trilogie «Casino Royale» (2006), «Quantum of Solace» (2008) und «Skyfall» erfolgreich wiederbelebt.

Ein gut geschüttelter Cocktail

Die Reanimation des Unsterblichen mit der Lizenz zum Töten war mit «Skyfall» abgeschlossen: In «Casino Royale» hatte Bond gelernt zu töten, zu lieben und zu verdrängen; in «Quantum of Solace» hat er gelernt, auch einen mässigen Film zu überleben, und am Ende von «Skyfall» war seine Bond-Werdung abgeschlossen. Das klassische Ensemble ist komplett: Q, Moneypenny und ein neuer M. Trotzdem scheint Bond in «Spectre» anfangs auf sich allein gestellt: Von seinem Abenteuer in Mexiko-City erfährt der Geheimdienst Ihrer Majestät erst später – Bond fällt in Ungnade. Und das, obwohl er als einziger der gefährlichsten Terror-Organisation der Welt auf der Spur ist, die seit Jahren gezielt Regierungen unterwandert – und die dank dem Einsatz modernster Überwachungstechnologie kurz davor steht, ihre Tentakel für immer und ewig zu verankern und die totale Kontrolle über die Geschicke der Welt zu übernehmen.

«Spectre» funktioniert sowohl als unterhaltsamer Action-Thriller als auch als Film für hartgesottene Fans, ist er doch gleichzeitig ein liebevoll geschüttelter 007-Cocktail voller Anspielungen bis ganz zurück zu den Anfängen der Reihe. Craig zuzusehen ist ein Vergnügen. Nicht nur ihm: Naomie Harris, Monica Bellucci und Léa Seydoux sind eine Wucht. Ohne Seydoux wäre die zweite Hälfte des Films nicht halb so gut. «Vergessen Sie nicht: Bond ist ein Frauenhasser», sagte Craig in einem Interview. «Aber wir haben ihn mit starken Frauen umgeben, um ihm seine Grenzen aufzuzeigen.»

Endlich: James Bond vs. Spectre

Ebenfalls endlich zurück ist «Spectre», das «Phantom», die Terror-Organisation mit dem Tintenfisch-Logo, Bonds grösster Widersacher aller Zeiten (im Film ebenfalls seit «Dr. No» aktiv). Als Bösewicht gibt kein Geringerer als Christoph Waltz Bonds Gegenspieler. Ein abscheulich guter Menschenfeind.

Und so trifft der Killer mit seinen Dämonen auf den abgrundtief bösen Psychopathen und sein Phantom – ein epischer Totentanz. Bond muss dabei erfahren, dass seine Person, seine Geschichte ursächlich und aufs Engste mit den Geschehnissen verknüpft ist. «Spectre» schafft das Kunststück, das mit den ersten drei Craig-Filmen geschaffene Bond-Universum weiterzuspinnen und dabei dem Ur-Kanon von Ian Fleming treu zu bleiben, ja zu huldigen. Mit starken, modernen Charakteren. Mit Spannung, Charme und einer guten Portion Witz. Und wie nebenbei behandelt der Film auch noch das Thema der totalen digitalen Überwachung – und was deren Macht eigentlich bedeutet.

Sehenswertes Spektakel

Dem Film wird angekreidet, dass unklar bleibe, was Bond denn wirklich im Innersten antreibe. Oder, dass die Story nicht glaubhaft genug sei. Mit Verlaub: Wenn Bond seine Seele dem Zuschauer wirklich je preisgäbe, käme die Projektionsfläche im doppelten Sinne abhanden, weil niemand mehr ins Kino kommen würde. Und wer sich bei Bond-Filmen über Mangel an Realismus beschwert, sitzt ohnehin im falschen Film.

Im Vergleich zu Filmen wie «Moonraker» (007 im Weltall) oder «Die Another Day» (007 überlebt 14 Monate Folter in Nordkorea und fährt später mit einem unsichtbaren Auto einem Satelliten-

Laser davon) wirkt das «Spectre»-Spektakel trotz herrlich durchgeknallten Guten und Bösen fast schon realistisch. Obwohl das Spion-Action-Genre in den letzten Jahren ein Kino-Revival erfährt, darf man froh sein, dass Bond auferstanden ist. Keiner macht es besser. Nicht zuletzt auch wegen seiner Gegner von «Spectre». Das Ende des Films lässt vermuten: Der böse Oktopus ist verwundet, aber nicht erledigt. James Bond wird zurückkehren. Aber wohl nicht nur er.

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