06.06.2015 13:34

Amerikanisches Rotes Kreuz

Mit 500 Millionen Spenden 6 Häuser auf Haiti gebaut?

Schwere Anschuldigungen gegen das Amerikanische Rote Kreuz: Nach dem gewaltigen Erdbeben auf Haiti habe die Hilfsorganisation Spendengelder in Millionenhöhe verschleudert.

von
gux
1 / 13
13. Januar 2010: Ein Erdbeben der Stärke 7 trifft den Karibikstaat. Das Epizentrum lag etwa 25 Kilometer westsüdwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince.

13. Januar 2010: Ein Erdbeben der Stärke 7 trifft den Karibikstaat. Das Epizentrum lag etwa 25 Kilometer westsüdwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince.

Logan Abassi
Es war das schwerste Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas sowie das weltweit verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts.

Es war das schwerste Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas sowie das weltweit verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts.

Logan Abassi / un Handout
Wegen ihrer Grösse gab es in der Hauptstadt Port-au-Prince und ihren Vororten die meisten Todesopfer: Insgesamt starben über 300'000 Menschen.

Wegen ihrer Grösse gab es in der Hauptstadt Port-au-Prince und ihren Vororten die meisten Todesopfer: Insgesamt starben über 300'000 Menschen.

Gerald Herbert

Der amerikanische Investigativ-Newsdesk ProPublica hat die jahrelangen Tätigkeiten des Amerikanischen Roten Kreuzes auf der erdbebenversehrten Insel Haiti unter die Lupe genommen – und erhebt jetzt schwere Anschuldigungen. Ein Blick zurück: Am 12. Januar 2010 erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7 den Inselstaat. Über 300'000 Menschen starben (genau Opferzahlen gibt es bis heute keine). Fast zwei Millionen Menschen wurden obdachlos, 250'000 Wohnungen und 30'000 Geschäfte waren zerstört worden. Hilfsorganisationen aus aller Welt sammelten Spenden und versprachen schnelle Hilfsprojekte – allen voran das Amerikanische Rote Kreuz (ARK).

Anhand interner Memos und von Berichten und Aussagen ehemaliger ARK-Mitarbeiter haben die ProPublica-Journalisten nachgewiesen, dass viele der vollmundig ankündigten Hilfsprojekte nicht umgesetzt wurden. Stattdessen gab es beim ARK fatales Missmanagement, enorm hohe Nebenkosten und viel Abschätzigkeit gegenüber den Einheimischen. Mehr noch: Die Verantwortlichen in Washington wussten laut ProPublica vom Versagen auf Haiti, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Als die ProPublica-Journalisten ARK-Projekte auf Haiti in Augenschein nehmen wollten, sei ihnen das verweigert worden.

«Gute Publicity war wichtiger als gute Projekte»

Gute Publicity sei der ARK-Führung wichtiger gewesen als gute Projekte auf Haiti, so ein ehemaliger Mitarbeiter im ProPublica-Bericht. Erreicht habe das ARK vor allem eines: auf Haiti tiefe Ressentiments zu schüren. «Die haitianischen Hilfswerke, die mit dem ARK zusammenarbeiteten, sind wütend angesichts der vielen gebrochenen Versprechen», so Justin Elliott, einer der Autoren des Berichts. «Vor drei Jahren hiess es, man werde Hunderte neuer Häuser in den vom Erdbeben am meisten betroffenen Gebieten errichten, doch nichts geschah. Es gab viele Sitzungen, es wurden viele Fruchtsäfte verteilt, aber es passierte nichts.»

Blauhelme misshandeln Haitianer

Missmanagement, unfähige Führung und falsche Planung – derlei Missstände seien nicht nur bei ARK auszumachen, sondern seien typisch für die gesamte Hilfsindustrie, so Elliott weiter. «Das ARK hat als grosser Player am meisten Geld, so dass das Tun dieser Organisation schneller in den Fokus gerät.»

Wenig überzeugende Stellungsnahme vom ARK

Das ARK wehrt sich in einer Pressemitteilung gegen die Vorwürfe: Man sei «enttäuscht angesichts des unausgeglichen, ungenauen und falsch eingebetteten Berichtes». Mit den «Spenden konnten acht Spitäler gebaut und in Betrieb genommen, einer tödlichen Cholera-Epidemie Einhalt geboten, sauberes Wasser und sanitäre Anlagen zur Verfügung gestellt und über 100'000 Menschen aus ihren Zelten in sichere Unterkünfte gebracht werden», heisst es etwa.

Wenig später sah sich das ARK zur Veröffentlichung einer zweiten Stellungnahme bemüssigt. Darin werden die «Mythen» von ProPublica den «Fakten» vom ARK gegenübergestellt. Restlos überzeugen vermag dies nicht: So listet das ARK etwa auf, in welche Sektoren die Spendengelder flossen: 173 Millionen Dollar für Unterkünfte, 73 Millionen Dollar für Gesundheitsprojekte oder 25 Millionen Dollar für die Cholera-Prävention. Dass die Posten, in die diese doch ansehnlichen Summen flossen, nicht detaillierter aufgeschlüsselt werden, ist genau einer der Vorwürfe, die ProPublica dem ARK macht.

Auch den Vorwurf, wonach das ARK, anders als andere Hilfsorganisationen, Führungspositionen an Amerikaner statt an Einheimische vergab, kann das ARK nicht vollständig entkräften: «90 Prozent der Mitarbeiter sind Haitianer», versichert die Hilfsorganisation. Den Beweis bleibt sie schuldig, zumal weder Hierarchie-Stufe noch Positionen der Angestellten angegeben werden.

«Können nicht ausschliessen, dass auch unser Ruf beschädigt wird»

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK in Genf wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen oder den Tätigkeiten der ARK äussern. «Wir können nicht völlig ausschliessen, dass auch unser Ruf beschädigt wird», sagte hingegen Beat Wagner, Mediensprecher beim Schweizerischen Roten Kreuz. «Das Schweizerische Rote Kreuz SRK ist eine selbstständige Organisation. Insofern können wir die im ProPublica-Bericht erhobenen Vorwürfe nicht beurteilen.» Das SRK lege legen gegenüber Auftrag- und Geldgebern, Medien und der Öffentlichkeit Rechenschaft über seine Tätigkeit ab, so Wagner weiter. «Wir stellen uns selbstverständlich der Beobachtung und veranlassen auch selber externe Evaluationen unserer Programme, um daraus zu lernen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.