Das Wunder von Nikosia: Mit Ailton und Kaká zum grossen Exploit
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Das Wunder von NikosiaMit Ailton und Kaká zum grossen Exploit

APOEL Nikosia steht völlig überraschend im Viertelfinal der Champions League. Dies trotz einer heiklen Geschichte, einem Kader voller No-Names und einem viermal kleineren Budget als das des FC Basel.

von
pre

Und dann gab es kein Halten mehr. Sämtliche Teamkollegen stürzten sich auf den Helden des Abends: Dionisios Chiotis. Der 34-jährige Torhüter von APOEL Nikosia hatte im Elfmeterschiessen gegen den haushohen Favoriten Olympique Lyon soeben seinen zweiten Penalty gehalten und dem zyprischen Underdog so sensationell den Einzug in den Champions-League-Viertelfinal beschert.

Schon das Überstehen der Gruppenphase war der grösste Erfolg im zyprischen Klubfussball, nun brachen im GSP-Stadion von Nikosia alle Dämme. Die Spieler tanzten, sangen und jubelten auf dem Feld, die Fans waren kaum mehr in Zaum zu halten. «Wir haben Geschichte für dieses Land geschrieben und sind stolz darauf. Wir wollen diesen Moment geniessen», schwärmte Gustavo Manduca, der APOEL mit dem einzigen Treffer in 120 Minuten ins Elfmeterschiessen führte. «Das ist eine fantastische Nacht, die uns noch Jahre in Erinnerung bleiben wird.»

Tatsächlich ist das Erreichen des Champions-League-Viertelfinals alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Das Budget des athletischen Fussballklubs der Griechen Nikosias (dafür steht die Abkürzung APOEL) beträgt nur 15 Millionen Franken. Der Etat des FC Basel - des anderen Aussenseiters in der K.o.-Phase - ist mit geschätzten 58 Millionen Franken rund viermal so gross.

No-Name-Truppe mit ausgeklügelter Taktik

Dennoch tauchen im Kader des 21-fachen zyprischen Meisters bekannte Namen wie Ailton oder Kaká auf. Allerdings haben die beiden brasilianischen Namensvettern der berühmten Kicker nie bei Werder Bremen, Real Madrid oder der AC Milan gespielt, sondern für den FC Kopenhagen oder Hertha BSC Berlin. Sie sind nicht mehr die jüngsten und auch nicht die grössten Einzelkönner, aber am Ball durchaus talentiert. Das gilt auch für den Rest des Kaders, das der serbische Trainer Ivan Jovanovic seit seinem Amtsantritt im Jahr 2008 zusammengestellt hat. Der Marktwert aller Spieler von APOEL beträgt zwar nur rund 22 Millionen Franken, doch der Teamgeist und die ausgeklügelte Taktik macht aus der No-Name-Truppe einen unangenehmen und unberchenbaren Gegner für viele europäische Topklubs.

Zwar liess in der Gruppenphase der Champions League kein Team mehr Torchancen zu, schoss keine Mannschaft seltener aufs Tor und niemand erhielt soviele Gelbe Karten wie die Überraschungsmannschaft aus Nikosia, doch dank fantastischem Kampfgeist, defensiver Stabilität und etwas Glück kamen die Zyprer weiter als Manchester United oder Borussia Dortmund. Mit dem Rezept «Kompakt verteidigen, viel laufen, blitzartig umschalten und schnell kontern» überraschte APOEL nicht nur Lyon, in der Gruppenphase mussten Zenit St. Petersburg, der FC Porto und Schachtjor Donezk, in der Qualifikation Wisla Krakau und Slovan Bratislava dran glauben.

Heissblütige Fans

In der Meisterschaft hingegen läuft es momentan allerdings nicht rund. APOEL liegt hinter AEL Limassol und Stadtrivale Omonia Nikosia nur auf Rang 3 der First Division. Dass ausgerechnet Omonia vor APOEL liegt, ärgert die Fans der Gelb-Blauen ganz besonders. Die Rivalität der beiden Klubs geht bis auf den griechischen Bürgerkrieg zurück. Während die APOEL-Fans mit den rechten Kräften, die eine Wiedervereinigung mit Griechenland anstrebten, sympathisierten, stellten sich die Omonia-Anhänger auf die Seite der Linken.

Rund um das Derby zwischen den beiden Vereinen aus Nikosia kommt es regelmässig zu Ausschreitungen. Die APOEL-Fans, die als panhellenisch-nationalistisch gelten, zeigen sich dabei gerne mit der griechischen Flagge. Immer wieder tauchen aber auch Hakenkreuze und andere Nazi-Symbole in der Kurve auf. In der Champions League hatten sich die Anhänger mehrheitlich im Griff. Im Jubel nach der Sensation gegen Lyon wurden auf den Rängen aber einige Pyros gezündet, die vereinzelt auch aufs Spielfeld flogen. Für die Zyprer dürfte das noch ein Nachspiel haben. Mit einer Busse der Uefa könnte APOEL dank den Einnahmen in der Königsklasse aber wohl gut leben.

Hoffen auf die nächste Sensation

Egal, was für ein Los Nikosia im Viertelfinal zieht, der Rubel rollt. Die Konkurrenz auf der Mittelmeerinsel fürchtet bereits, dass APOEL dank den Millionen aus der Champions League die Meisterschaft in den nächsten Jahren dominieren wird. Damit will sich die Mannschaft der Stunde momentan aber nicht beschäftigen. Vielmehr interessiert der nächste Gegner. «Es muss nicht unbedingt Barcelona sein», sagt Torhüter Chiotis. Lieber wäre dem Penalty-Held eine schwächer einzustufende Mannschaft, gegen die eine weitere Sensation möglich wäre.

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