Regeländerung: Mit Blatters Segen - der Videobeweis wird kommen
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RegeländerungMit Blatters Segen - der Videobeweis wird kommen

Lange sträubte sich Sepp Blatter gegen alle technischen Hilfsmittel im Fussball. Die Torlinien-Technologie ist heute schon Realität, nun fordert der Fifa-Chef gar den Videobeweis.

von
Oliver Fischer

Zahlreiche Tore wurden im Lauf der WM in Brasilien wegen Offside nicht gegeben - und Videobilder haben nachträglich die Fehlentscheidungen entlarvt. Mehrere Penaltys wurden gepfiffen, bei denen man aufgrund der Videobilder den offensiven Spieler als Schauspieler entlarven konnte; und mindestens so viele Elfmeter wurden nicht gepfiffen, obwohl klare Fouls oder Handspiele zu sehen waren - in den Wiederholungen.

Noch im Februar schrieb Fifa-Präsident Sepp Blatter im Verbandsmagazin «Fifa Weekly», der Videobeweis stehe ja schon zur Verfügung, aber: «Es geht nicht um falsche Abseitsentscheidungen oder umstrittene Penaltypfiffe. Würden wir hier den Videobeweis zulassen, hätte das eine Prozessflut zur Folge, die das Spiel faktisch zerstören würde. Die Tatsachenentscheidung muss immer über allem stehen. Fällt ein Schiedsrichter eine solche, gibt es daran nichts zu rütteln.»

Umschwenken am Fifa-Kongress

Die Kehrtwende kam am Fifa-Kongress kurz vor Beginn der WM in Brasilien. Da erklärte Blatter, wenn man die Technologie schon zur Verfügung habe, solle man sie doch auch nutzen. Er schlägt nun vor, jedem Trainer soll während eines Spiel die Möglichkeit gegeben werden, zwei Entscheidungen des Schiedsrichters überprüfen zu lassen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Was genau den Walliser zu diesem Sinneswandel bewogen hat, ist nicht ganz klar. Es seien Gespräche mit Spielern und Trainern gewesen, sagte er damals. In einem Interview auf der Fifa-Website bekräftigte er diese Aussagen und fügte an, dass es mit dieser Hilfe «mehr Gerechtigkeit» geben solle.

Gut möglich, dass sich Blatter nach den vielen, zum Teil krassen Fehlentscheidungen in den letzten beiden Wochen in seiner neuen Haltung bestätigt sah. Zur Erinnerung: Bis zur WM 2010 in Südafrika war Blatter ein erbitterter Gegner des Torlinienbeweises. Das damals nicht gegebene Tor von Englands Frank Lampard gegen Deutschland im Achtelfinal hat dazu geführt, dass die Technologie nun an der WM zum Einsatz kommt.

Viele Fragen sind zu klären

Schnell wird es mit der Einführung eines Videobeweises - in welcher Form auch immer - allerdings nicht gehen. Das als sehr konservativ geltende International Football Association Board, das für Regeländerungen zuständig ist, tagt erst im Februar 2015 wieder und wird sicher keine Schnellschussentscheidung fällen. Und es gibt unzählige Details, die es zu berücksichtigen gälte.

Für welche Situationen soll ein Videobeweis gefordert werden können? Offside-Entscheidungen, grobe Fouls, Tätlichkeiten, Penalty-Entscheidungen ... Und was ist, wenn ein Schiedsrichter ein grobes Foul als gelbwürdig taxiert, der Trainer aber findet, es müsse Rot geben, und der Schiedsrichter auch nach der Überprüfung der Aufnahmen bei seiner Meinung bleibt?

Oder was wäre die Konsequenz, wenn ein Offside gepfiffen wird, bevor daraus eine Torszene entsteht, sich die Entscheidung aber als falsch herausstellt? Ein oft gehörtes Argument gegen den Videobeweis ist die Zeitfrage: Wie viel würden Videokonsultationen das Spiel verzögern? Wie sehr würde der Spielfluss unterbrochen? Zu welchem Zeitpunkt im Spiel könnte der Videobeweis angefordert werden?

Klar ist: Soll der Videobeweis kommen, gibt es zuvor sehr viele Fragen zu klären. Doch stellt sich spätestens seit Blatters Meinungsumschwung die Frage nach dem «Ob» nicht mehr. Und das «Wann» wird wohl dem Fifa-Zyklus folgend an der WM 2018 in Russland sein. Richtig wäre die Einführung allemal.

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