Nokia Lumia 900: «Mit dem Display lässt sich ein Nagel einhauen»
Aktualisiert

Nokia Lumia 900«Mit dem Display lässt sich ein Nagel einhauen»

Kratzfest und elegant: Das Lumia 900 ist der neuste Wurf von Nokia. Design-Guru Stefan Pannenbecker hat es entworfen und erklärt im Interview, warum dünner nicht zwingend besser ist.

von
Oliver Wietlisbach

«Der Lastwagen mit den neuen Lumia-Smartphones ist in der Schweiz angekommen», sagte Andri Puorger von Nokia Schweiz am Donnerstag. Ab sofort ergänzen das Premium-Smartphone Lumia 900 und das Budget-Smartphone Lumia 610 Nokias Windows-Phone-Palette. Das Design-Handy Lumia 900 ist der grosse Bruder des seit Mitte Januar erhältlichen Lumia 800. Das neue Flaggschiff gleicht dem Vorgänger wie ein Ei dem anderen, kommt aber mit einem deutlich grösseren 4,3-Zoll-Display daher. Zu den wichtigsten Verbesserungen unter der Haube zählen die schnellere Internetverbindung (bis zu 42 Mbit/Sekunde), die Frontkamera für Videotelefonie und der stärkere Akku.

Besonders stolz ist man bei Nokia auf das markante Design. Das Unibody-Gehäuse - das Smartphone besteht aus einem Stück Polykarbonat - kommt aber auch bei den Lesern von 20 Minuten Online gut an. Das neue Lumia wurde unlängst zum aktuell schönsten Smartphone gewählt (20 Minuten Online berichtete).

Verantwortlich für das Design ist der Deutsche Stefan Pannenbecker. Er leitet ein Team von rund 100 Designern, die sich die Köpfe über das Aussehen der Nokia-Handys zerbrechen.

Herr Pannenbecker, Sie sind Vice President für Industrial Design bei Nokia. Über ihren Schreibtisch wandern die Prototypen aller neuen Nokia-Handys. Was tun Sie genau?

Stefan Pannenbecker: Als Teamleiter bin ich für das Design der gesamten Nokia-Palatte verantwortlich – von den neuen Lumia-Smartphones bis zu den billigeren Handys der Asha-Reihe. Als Leiter mehrerer Teams von weltweit rund 100 Designern in London, Espoo, Peking und Los Angeles gestalte ich selbst keine Produkte. Mein Job ist sicherzustellen, dass die Bedeutung von hochwertigem Design bei der Entwicklung neuer Geräte berücksichtigt wird.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ein Ingenieur würde die Buchse für den Kopfhöreranschluss dort machen, wo es am einfachsten ist. Als Designer ist mir wichtig, dass sich die Öffnung gut ins Design einfügt. Beim Lumia 900 kommt die Kopfhöreröffnung bündig und konzentrisch mit der abgerundeten Seite des Smartphones zu liegen.

Das Lumia 800 und 900 heimsen vor allem für ihr Äusseres Lob ein, da sie dank Unibody-Gehäuse wie aus einem Guss wirken. Wie ist das Design entstanden?

Natürlich nicht über Nacht. Wir haben uns schon vor Jahren überlegt, ob so etwas technisch überhaupt realisierbar ist. In der Planungsphase ging es zunächst darum zu verstehen, welche Folgen das Unibody-Gehäuse für die Arbeit der Ingenieure haben wird. Erst in einer zweiten Phase, die mehrere Monate dauerte, ging es konkret um das Design des Lumia 900. Dabei haben wir auf Details geachtet: So entspricht das Cyan des Gehäuses der Farbe im Betriebssystem Windows Phone.

Wie schwierig ist es, ein grosses Unibody-Smartphone herzustellen?

Bei der Herstellung des Unibody-Gehäuses wird Kunststoff verflüssigt und unter Hochdruck in eine Gussform gespritzt. Danach wird es aus der Form ausgestossen und die Öffnungen, etwa für die Lautsprecher, werden eingefräst.

Das Design des Lumia 900 entspricht den kleineren Smartphones Nokia N9 und dem Lumia 800. Diese Geräte bestehen aus lediglich zwei Teilen: dem Unibody-Gehäuse und dem Display. Beim grösseren Lumia 900 bestand die Herausforderung darin, trotz grösserem Display die Stabilität zu erhalten. Die eigentliche Knacknuss war aber der Akku. Die Laufzeit ist immer von der Grösse abhängig. Es ist daher äusserst schwierig, einen starken Akku in einem kompakten Gerät unterzubringen.

Apropos Stabilität: Im Internet zirkulieren Videos, die zeigen, wie man mit der Vorderseite des Lumia 900 einen Nagel in ein Holzbrett hämmern kann. Sind die Videos echt?

Das funktioniert tatsächlich. Bei Nokia haben wir eine langjährige Obsession für Produktqualität. Unsere Geräte müssen bei den sogenannten Falltests 300 Aufschläge überstehen. Aber natürlich ist es immer eine Frage der Zeit, bis jedes Material Schaden nimmt.

Das Lumia 900 sieht zwar gut aus, ist aber schlussendlich «nur» aus Plastik. Andere Hersteller setzen auf Glas und Metall. War das keine Option?

Viele Leute nehmen das Lumia in die Hand und fragen mich, was das für ein Material sei. Sie sind fasziniert, was man aus Kunststoff erschaffen kann. Polykarbonat hat zahlreiche Vorteile: Es ist kratzfest, gut formbar und stabil. Wir fräsen Details wie die Lautsprecherlöcher wie bei Metall mit höchster Präzision ins Polykarbonat, was dem Gerät ein hochwertiges Aussehen verleiht. Metall hingegen hat den Nachteil, dass die Leistung der Antennen gestört wird.

Immer dünner, immer grösser, heisst der Trend bei den Smartphones. Das Lumia 900 hingegen ist eher ein Schwergewicht und auch nicht besonders dünn.

Meine Erfahrung ist, dass die Konsumenten weit weniger vom Trend zu dünneren Geräten besessen sind, als die Leute in der Industrie. Ich höre sogar Kunden, die sagen, ihr Smartphone sei schon fast zu dünn. Ein Gerät muss für mich ausgewogen sein. Was bringt ein noch dünneres Smartphone, wenn der Akku nur noch einen halben Tag läuft?

Hands-on Lumia 900

Quelle: YouTube/Notebookjournal

Das Lumia-Display im Hammer-Test

Quelle: YouTube/techcraver

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