Mit dem E-Bike quer durch Graubünden
Bei dieser Zufallsreise kannte Reiseredaktor Martin nur den Start- und Zielpunkt.

Bei dieser Zufallsreise kannte Reiseredaktor Martin nur den Start- und Zielpunkt.

Martin Hoch
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Zufallsreise im SelbstversuchMit dem E-Bike quer durch Graubünden

Reiseredaktor Martin wagt den Trip ins Ungewisse. Denn vor Antritt der Reise kennt er nur den Start- und Zielpunkt.

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Martin Hoch

Wenn du morgens aufstehst und bereits weisst, was du heute alles erledigen musst und welchen Termin es nach Feierabend noch wahrzunehmen gilt, nennt man das Alltag. Diesen wollte ich wiedermal so richtig durchbrechen. So entstand diese doch eher ungewöhnliche Reise. Ich vereinbarte mit meinem guten Freund Jon Bollmann, dass er mir eine Reise ins Ungewisse organisieren soll. Und das kam dabei heraus.

Bäume umarmen soll eine beruhigende Wirkung haben. Wirklich?

Bäume umarmen soll eine beruhigende Wirkung haben. Wirklich?

Martin Hoch

Die Regeln der Zufallsreise

Doch wie kam es soweit, dass ich unterwegs Bäume umarmte? Wie erwähnt kannte ich zu Beginn nur den Start- und Zielpunkt meiner Reise. Los geht es im Winzerdorf Fläsch. Hier übergibt mir Winzer Roman Herrmann eine Flasche Wein. Diese solle ich dem Winzer mit dem südlichst gelegenen Rebberg der Valposchiavo übergeben.

Der Winzer Roman Herrmann übergibt mir in der Bündner Herrschaft eine Flasche Wein – diese soll ich in die Valposchiavo liefern.

Der Winzer Roman Herrmann übergibt mir in der Bündner Herrschaft eine Flasche Wein – diese soll ich in die Valposchiavo liefern.

Martin Hoch

Reisetipp – an sonnigen Wochenenden öffnet der Winzer Roman Herrmann im Bad Fläsch sein Grotto und serviert nebst seinen Weinen feine Käse- und Fleischplättli.

Dafür habe ich vier Tage Zeit und als Transportmittel ein E-Bike. Ich bin somit eine batteriebetriebene Flaschenpost. Dabei muss ich folgende Regeln einhalten:

Regel Nr. 1 – Ich soll möglichst nahe an der Luftlinie entlang fahren.

Regel Nr. 2 – Ich erhalte für jeden Tag eine Landkarte. Ich darf mich jeweils nur auf dem abgebildeten Gebiet bewegen. Ein Ausreisser sei mir erlaubt.

Regel Nr. 3 – Ich erhalte zwei Bahntickets, die ich wahlweise einsetzen darf.

Regel Nr. 4 – Ich muss zwischen 10 – 17 Uhr jede Stunde aus einem «Säckli» einen Zettel fischen. Darauf steht jeweils eine Aufgabe, die ich sofort erledigen muss.

Für vier Tage bin ich eine Flaschenpost auf zwei Rädern.

Für vier Tage bin ich eine Flaschenpost auf zwei Rädern.

Martin Hoch

Ich baue eine Kapelle

Am ersten Tag radle ich in aller Frühe los. Denn ich möchte gleich mal so richtig vorwärts kommen. So erreiche ich mit dem E-Bike Chur, löse eines meiner zwei Zugtickets ein und rattere nach St. Peter. Von da trete ich bergaufwärts wieder in die Pedale zum Skihaus Hochwang. Was für eine Aussicht! Doch statt eine Pause einzulegen, verrät mir ein Blick auf die Uhr, dass ich eine Aufgabe ziehen muss.

Diese lautet: Geh zur nächsten Kapelle und zünde eine Kerze an. Wenn es keine Kapelle hat, baust du eine. Was? Eine Kapelle steht hier weit und breit keine. Doch wie soll ich hier eine bauen? In diesem Moment vernehme ich ein Geräusch, ein Hämmern. Anscheinend ist hier im Skihaus Hochwang doch jemand zuhause. Hinter dem Haus treffe ich auf einen Herrn. Ob er hier wohne? Nein, er baue eine Sauna. Das trifft sich ja bestens. Ich frage, ob er mir gleich noch eine Kapelle bauen kann. Er nickt und schon entsteht eine kleine Alpenkapelle.

Unerwartete Hilfe auf dem Hochwang.

Unerwartete Hilfe auf dem Hochwang.

Martin Hoch
Willkommene Hilfe beim Skihaus Hochwang – das Kreuz für die Kapelle ist schnell gebastelt.

Willkommene Hilfe beim Skihaus Hochwang – das Kreuz für die Kapelle ist schnell gebastelt.

Martin Hoch
Meine selbstgebaute Kapelle – oder sowas ähnliches.

Meine selbstgebaute Kapelle – oder sowas ähnliches.

Martin Hoch

Bäume umarmen und laut fluchen

Mein Tag vergeht schnell. Ich bin am Route planen, Unterkunft suchen und buchen, in die Pedale treten oder am Aufgaben lösen. So muss ich auf dem Weg ins Sapün mitunter einen Baum umarmen, einmal laut fluchen oder das E-Bike stossen, bis ich etwas Rosarotes sehe.

Reisetipp – In Medergen genehmigte ich mir in der Alpenrose bei Migga und Fredo Falett ein feines Mittagessen.

Langwies – von hier aus gehts ins Hochtal Sapün.

Langwies – von hier aus gehts ins Hochtal Sapün.

Martin Hoch
Die neugierige Kuh interessiert sich wohl für Sandwich im Rucksack. 

Die neugierige Kuh interessiert sich wohl für Sandwich im Rucksack.

Martin Hoch
Das wilde Sapün.

Das wilde Sapün.

Martin Hoch

Die schönste Aufgabe kommt zum Schluss des Tages. Kaum sitze ich vor meiner Unterkunft, dem Heimeli im Hochtal Sapün, steht auf dem Zettel: Heute zum Znacht gibt es von der Menükarte die Hauptspeise Nummer 5. Ein Blick ins Menü verspricht einen Gaumenschmaus. Denn die Hauptspeise Nummer 5 trifft meinen Geschmack bestens: Rindsgeschnetzeltes an Kräuterrahmsauce mit Pizokels und Gemüse.

Eine meiner Lieblingsaufgaben auf der Reise lautet: Die Hauptspeise Nummer 5 der Menükarte bestellen.

Eine meiner Lieblingsaufgaben auf der Reise lautet: Die Hauptspeise Nummer 5 der Menükarte bestellen.

Martin Hoch

Durch Täler und über Pässe

In den nächsten zwei Tagen radle ich über den Strelapass, durchs Sertig, das Albulatal hoch, das Val Bever runter, durchs Engadin und erreiche am Abend des dritten Tages die Albergo Ristorante Belvedere auf der Alp Grüm. Das Ziel liegt mir nun zu Füssen – von der Terrasse des Belvedere blicke ich runter auf die Valposchiavo. Morgen werde ich den Winzer Piero Triacca treffen. Er besitzt den südlichsten Rebberg der Valposchiavo. Es ist gleichzeitig der einzige Rebberg des Tales.

Reisetipps – Auf der Schatzalp in Davos gönnte ich mir eine Pause und besuchte den Kräutergarten Alpinum. Im Sertig übernachtete ich im heimeligen Walserhuus. In Davos-Monstein entdeckte ich die Kleinbrauerei Monsteiner Bier – kaltes Bier liegt da im Dorfbrunnen bereit (für mich war es zeitlich noch zu früh). Der süssen Versuchung erlag ich mit einem Glacé am Bahnhöfli Filisur. Die müden Wädli erholte ich bei einem Mittagessen im Restaurant Spinas im Val Bever – hier gibt es ausserdem den Original-Hugo (und wieder war ich zu früh unterwegs.) Ebenfalls schöne Orte für eine Pause waren die Gondolezza in Pontresina und der Abstecher zu Fuss zum Morteratschgletscher.

Das Sertig bei Davos.

Das Sertig bei Davos.

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Ein flowiger Trail führt vom Rinerhorn runter ins Sertig.

Ein flowiger Trail führt vom Rinerhorn runter ins Sertig.

Martin Hoch
Von oben erblickt man das kleine Sertig-Dörfli.

Von oben erblickt man das kleine Sertig-Dörfli.

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Glück im Unglück

Ich stehe frühmorgens auf und freue mich auf eine lockere Fahrt von der Alp Grüm (2’100 m ü. M.) runter nach Campascio (637 m ü. M.), meinem Ziel der Reise.

Reisetipp – eine lohnenswerte Wanderung führt von der Alp Grüm runter nach Cavaglia, wo sich ein Besuch des Gletschergartens anbietet.

Morgenstimmung auf der Alp Grüm.

Morgenstimmung auf der Alp Grüm.

Martin Hoch

Bei Piero Triacca kündige ich noch meine Lieferung an. Wir machen ab, dass ich ihm die Flasche um 11 Uhr übergeben werde. Ich sitze rund zwanzig Minuten auf dem Bike, da erklingt das fiese Geräusch, vor dem ich mich die Tage stets etwas fürchtete: pffffffffff. Ich habe einen Platten.

Ein Pffffffff-Ton kündigte den Platten an.

Ein Pffffffff-Ton kündigte den Platten an.

Martin Hoch

Doch was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahne. Nach dem Unglück beginnt nun eine Glückssträhne. Denn nach wenigen Minuten, in denen ich das Fahrrad neben mir her schiebe, öffnet sich der Wald und ich erblicke eine Ansammlung von Häusern. Und einen kleinen Bahnhof. So besteige ich schon kurz nach meinem Platten in Cavaglia die Rhätische Bahn nach Poschiavo, wo ich hoffe, dass mir ein Velomech ruckzuck meine Platte flicken kann. Doch vor Ort heisst es, man benötige etwas länger für die Reparatur. So kaufe ich im Borgo von Poschiavo ein feines Morgenessen und setze mich auf den Hauptplatz.

Reisetipp – Eigentlich plante ich über die Alpe San Romerio nach Campascio zu fahren. Da mir die Platte einen Strich durch die Rechnung machte, holte ich dies aber einige Tage später an einem Wochenende noch nach. Und war begeistert. Gino Bongulielmi und sein Team tischen herzhaftes Essen auf.

Mein Zmorge: ein Ringbrot mit einem lokalen Supertony-Käse und Trockenfleisch.

Mein Zmorge: ein Ringbrot mit einem lokalen Supertony-Käse und Trockenfleisch.

Martin Hoch

Und während ich genüsslich mein Ringbrot mit Käse und Trockenfleisch verspeise, kündigt die Kirchenglocke hinter mir an, dass es bereits zehn Uhr ist. Eine Stunde vor meinem Termin. Doch ich sitze ohne E-Bike da und meine zwei erlaubten Zugbillets habe ich bereits eingesetzt. Etwas resigniert fische ich meine 10-Uhr-Aufgabe aus dem Säckli. Und glaube kaum, was ich da lese: Fahre mit dem ÖV exakt fünf Stationen in die Richtung deiner Wahl. Schnell gehe ich zu Fuss in Richtung Bahnhof, steige in Poschiavo in den Zug und exakt fünf Stationen später in Campascio wieder aus. Glückspilz! Oder Ende gut, alles gut.

Reisetipp – Ebenfalls in Campascio befindet sich das charmante Agritourismo Coltiviamo Sogni. Und in Brusio sollte man sich noch das Kreisviadukt anschauen.

Winzer Piero Triacca nimmt meine Lieferung in Empfang.

Winzer Piero Triacca nimmt meine Lieferung in Empfang.

Martin Hoch

Was hältst du von E-Bikes – eine Plage oder doch eher eine spassige neue Art der Fortbewegung?

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