Verspätungen und defekte WCs: Mit dem Zug nach Deutschland? Lieber nicht

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Verspätungen und defekte WCsMit dem Zug nach Deutschland? Lieber nicht

Mit dem Zug nach Deutschland zu reisen, ist ein Abenteuer: Es warten Zugausfälle, kaputte Toiletten und Verspätungen. Das soll sich nun ändern.

von
Stefan Ehrbar
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Verspätungen, Ausfälle, defekte WCs: Die Deutsche Bahn steckt in der Kritik. Im März hatte etwa jeder zehnte Fernverkehrszug eine Verspätung von zehn Minuten oder mehr.

Verspätungen, Ausfälle, defekte WCs: Die Deutsche Bahn steckt in der Kritik. Im März hatte etwa jeder zehnte Fernverkehrszug eine Verspätung von zehn Minuten oder mehr.

David Young
«Die DB hat wegen der Pünktlichkeit ein Imageproblem», sagt Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz Pro Schiene. «Die Pendler realisieren, dass die Verbindungen unzuverlässig sind.»

«Die DB hat wegen der Pünktlichkeit ein Imageproblem», sagt Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz Pro Schiene. «Die Pendler realisieren, dass die Verbindungen unzuverlässig sind.»

Christophe Gateau
In einem Brandbrief an die eigenen Mitarbeiter machte DB-Chef Richard Lutz laut der «Wirtschaftswoche» im September 2018 klar: Die Lage ist ernst.

In einem Brandbrief an die eigenen Mitarbeiter machte DB-Chef Richard Lutz laut der «Wirtschaftswoche» im September 2018 klar: Die Lage ist ernst.

epa/Armando Babani

Es klingt wie ein Witz: Weil sich ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn (DB) am Sonntag krank gemeldet hatte, konnten ICE-Züge den Flughafen und den Hauptbahnhof Mainz stundenlang nicht anfahren. Die Bahn wird kaputtgespart», schrieb ein Pendler; «ich kannte das mal anders» ein anderer. Ein Einzelfall ist das nicht.

Viele machen ihrem Ärger im Internet Luft. S. O. beschreibt eine Reise nach Hamburg. «Der erste Zug fiel aus. In Dortmund hatte der nächste Zug 26 Minuten Verspätung wegen eines Signalfehlers. Also musste ich an einem anderen Bahnhof umsteigen. Der nächste Zug: 35 Minuten Verspätung.» Selbst die Verpflegung klappte nicht: «Ich bestellte eine Currywurst. Nach 25 Minuten kam der Kellner und sagte, die Küche sei zu.» Verspätung in Hamburg: Drei Stunden. Fazit: «Die Rückfahrt wird meine letzte mit der DB sein.»

Im März hatte jeder zehnte Fernverkehrs-Zug der DB eine Verspätung von mindestens 15 Minuten. Die neuesten ICE-Züge sollten die Pünktlichkeit eigentlich verbessern, verursachen aber wegen vielen Störungen selbst Verspätungen. Ein Aufsichtsrat sprach von einer «Katastrophenveranstaltung». Auch Schweizer Pendler leiden: Die SBB muss täglich vier bis fünf Züge mit eigenem, oft älterem Rollmaterial ersetzen, weil Züge aus Deutschland verspätet sind oder nicht in die Schweiz fahren können. Die DB steckt in einer Krise.

Das läuft schief

• Pünktlichkeit

Im März waren bei der DB 22 Prozent der Fernverkehrs-Züge mit mindestens fünf Minuten Verspätung unterwegs. Bei der SBB waren es in den letzten vier Wochen gemäss puenktlichkeit.ch 7 Prozent. «Die DB hat wegen der Pünktlichkeit ein Imageproblem», sagt Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz Pro Schiene. «Die Reisenden realisieren, dass Verbindungen unzuverlässig sind.»

• Ausfälle und Umleitungen

«Trotz einer Vielzahl an Massnahmen kommt es nach wie vor zu Zügen, deren hohe Verspätung sich negativ auf das ganze Netz auswirkt», sagt eine DB-Sprecherin. Dann könne es «in Einzelfällen» vorkommen, dass ein Halt ausgelassen werden müsse, ein Zug vorzeitig wende oder eine andere Strecke fahre. In den ersten drei Monaten des Jahres wurden 900 Fernverkehrszüge ersatzlos gestrichen.

• Komfort

In einem Brandbrief an die Mitarbeiter machte DB-Chef Richard Lutz im September klar: Die Lage ist ernst. Die Probleme mit kaputten Klimaanlagen und defekten WCs in ICEs häuften sich. 59 Toilettenstörungen und 82 Defekte in Bordrestaurants wurden täglich registriert. Pendler beschweren sich über kaputte Steckdosen und umgekehrte Wagenreihung.

• Schulden

Die Schulden der DB sind mit fast 20 Milliarden Euro auf einem Rekordhoch. Sie sei ein «Sanierungsfall», urteilt der «Spiegel». Allerdings: Auch die deutlich kleinere SBB hatte letztes Jahr Nettoschulden von 8,6 Milliarden Franken.

• Bahnhöfe

Deutsche Bahnhöfe wirken oft schäbig und veraltet. Von einem Wechselspiel zwischen «Symbolen der Moderne» und «stinkenden Baracken» schrieb die «Süddeutsche Zeitung». Ähnliches hat die Allianz pro Schiene festgestellt: Insbesondere kleinere Bahnhöfe seien in einem unbefriedigenden Zustand.

Das sind die Gründe

• Management

Von «Jahrzehnten des Missmanagements» schreibt der «Spiegel»: Nach der Wiedervereinigung habe die DB einen strikten Sparkurs eingeschlagen. Arbeiteten vor 25 Jahren noch 350'000 Mitarbeiter für die DB in Deutschland, sind es heute 198'000. «Diesen Aderlass hat die Bahn bis heute nicht verkraftet», so das Magazin. Ein Führungsstil, bei dem sich jeder nur noch für die eigene Performance interessiere, tue sein Übriges.

• Infrastruktur

«Die DB-Infrastruktur ist überlastet. Wir haben einen jahrelangen Rückstau», sagt Dirk Flege von der Allianz Pro Schiene. Auch Bahnchef Richard Lutz schrieb letztes Jahr, viele Knotenpunkte und Hauptachsen seien überlastet. Engpässe müssten behoben werden, damit die Pünktlichkeit steigen könne. Deutschland investiert wenig in die Bahninfrastruktur: 2017 waren es laut der Allianz pro Schiene umgerechnet 79 Franken pro Kopf, die Schweiz kam auf 414 Franken.

• Politik

1994 wurde die DB zu einem privatrechtlichen Konzern, ähnlich der SBB. Das habe Verbesserungen mit sich gebracht, insbesondere im Regionalverkehr, so der «Deutschlandfunk». Weil aber ein Börsengang geplant gewesen sei, sei vieles dem Profitstreben untergeordnet worden. Die Börsenpläne wurden begraben. Die Politik habe der Bahn jahrzehntelang zu wenig Geld zugesprochen, sagt Dirk Flege. «In der Vergangenheit galt: Die Schiene bekommt die schönen Worte, die Strasse das Geld.»

•Die Grösse des Landes

Die Schweizer Bahnen rühmen sich ihrer Pünktlichkeit. Die Voraussetzungen sind aber nicht vergleichbar: Während ein Intercity zwischen St. Gallen und Genf während knapp vier Stunden unterwegs ist und etwa 350 Kilometer zurücklegt, ist ein Intercity zwischen Stuttgart und Greifswald fast elf Stunden lang auf der Schiene und legt 1200 Kilometer zurück. Bei so langen Zugläufen ist die Gefahr höher, dass Störungen und Verspätungen auftreten.

Das soll besser werden

• Das unternimmt die DB

Die DB hat sich die «Agenda für eine bessere Bahn» gegeben. Dazu gehören neue Mitarbeiter und mehr Kapazitäten in den Werkstätten. Bauarbeiten sollen vermehrt in Randzeiten und mit Hochleistungsmaschinen durchgeführt werden, sodass ein Drittel mehr Züge als bisher durch Baustellen fahren kann. 2019 will die DB 10,7 Milliarden Euro in die Infrastruktur investieren, so viel wie noch nie. Die Kundeninformation wird ausgebaut, neue IC-Züge und ICE-Züge der vierten Generation in Betrieb genommen. «Wir arbeiten intensiv an der Verbesserung der Pünktlichkeit», sagt eine DB-Sprecherin.

• Das macht die Politik

Die Bundesregierung habe der DB für den Zeitraum von 2020 bis 2024 eine Milliarde Euro zusätzlich pro Jahr zugesagt, so der «Tagesspiegel». Das dürfte kaum reichen: Bis 2030 wären 80 Milliarden Euro nötig, um die Renovierungen und den Netzausbau zu finanzieren, sagt der Verkehrsexperte Christian Böttger dem «Spiegel». Bisher zugesichert seien erst 20 Milliarden Euro. Dirk Flege sagt, die jährlichen Zuweisungen des Bundes an die Bahn müssten mindestens verdoppelt werden. Schliesslich strebe die deutsche Politik bis 2030 eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen an. «Die Leute wollen mit dem Zug fahren, trotz allem.»

Das macht die DB besser

• Schnellfahrstrecken

Hochgeschwindigkeitsstrecken wie in Deutschland gibt es in der Schweiz nicht. Die ICEs bilden den Rückgrat des deutschen Fernverkehrs. Seit kurzem fahren ICEs mit nur drei Zwischenhalten zwischen München und Berlin. Für die 623 Kilometer benötigt der Zug 3 Stunden und 47 Minuten. Wer mit dem Zug von Romanshorn nach Genf fährt, braucht länger.

• Gratis-WLAN

Während die SBB erst einen Test für Gratis-Internet angekündigt hat, dessen Nutzer eine App benötigen und bei dem Swisscom-Kunden gar nicht erst mitmachen können, gibt es in ICEs längst kostenloses WLAN für alle. Auch alle IC-Züge der DB werden damit ausgerüstet.

• Preise und Buchung

Von Basel nach Berlin für 90 Euro? Bei der DB kein Problem, wenn man genügend früh reserviert. Die Preise sind oft konkurrenzlos tief – und das Buchungssystem schlägt jenes der SBB. Selbst komplizierte Auslandreisen sind einfach zu haben.

• S-Bahnen

Kaum ein Land ist so flächendeckend mit dem ÖV erschlossen wie die Schweiz. In Sachen Grossstädte hat Deutschland aber die Nase vorn: Die von der DB betriebene S-Bahn Berlin befördert allein mehr Passagiere als die SBB. Ihre Züge fahren zu 95 Prozent pünktlich und alle paar Minuten – etwas Vergleichbares gibt es hierzulande nicht.

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